Technisierung in der Landwirtschaft

Wo der Roboter die Kühe melkt

Rund drei Stunden am Morgen und drei Stunden am späten Nachmittag dauerte früher das Melken, das nun der Roboter erledigt, der per Sensor mit den Kühen verbunden ist.

ALFTER-HEIDGEN. Doch, doch. Auch Kühe können mit hochintelligenter Technik umgehen. Auf dem Borkeshof in Heidgen hat das Milchvieh gelernt, selbstständig vom Liegeplatz im Stall zum automatischen Melkroboter zu marschieren und nach der Milchabgabe wieder zurück.

Eine enorme Erleichterung für die Familie Paßmann, die durch die Investition in die moderne Melktechnik mehr Lebensqualität gewonnen hat. Die körperlich anstrengende und zeitaufwändige Arbeit mit Melkzeugen, die manuell an- und abgehängt werden mussten, entfällt nun.

Das erledigt ein Melkroboter, der per Sensor mit den Kühen verbunden ist. Bei einem Besuch von Mitgliedern des Wirtschaftsförderungsausschusses stellte Hofinhaber Bernhard Paßmann mit seiner Familie am Donnerstag die neue Anlage vor. Sie wurde nach rund neunmonatiger Bauzeit im Juli 2013 fertiggestellt und ging Ende September in Betrieb, nachdem sich die Tiere nach und nach an ihren neuen Stall und die Technik gewöhnt hatten.

Vorher verschlang allein das Melken der damals 50 Milchkühe rund drei Stunden am Morgen und nochmals drei Stunden am späten Nachmittag. Die Zeit für das Familienleben tendierte gegen null. Es fand im Stall statt. Von der automatischen Melkanlage im neuen Stall profitieren aber auch die Kühe. "Sie haben mehr Licht, mehr Luft, mehr Platz", beschreibt Paßmann die Verbesserung.

"Die Tiere sind immer gut gelaunt und geduldig." Auch gebe es so gut wie keine Euterentzündungen mehr. Der Melkvorgang funktioniert jetzt so: Mit einem Sensor am Halsband, in dem individuell für jedes Tier das Melkintervall gespeichert ist, meldet sich eine Kuh mit ihrem vollen Euter am Einlass zur Melkanlage an und betritt eine der drei Melkboxen, wo ein besonders leckeres Futter als Belohnung wartet.

Der Melkroboter, der nach Bedarf an den drei Melkboxen entlangfährt, erkennt durch den Sender am Halsband, um welche Kuh es sich handelt, wie lang die Kuh ist und wie die Zitzen am Euter der Kuh positioniert sind. Mit diesem Wissen fährt der Roboterarm dann unter die Kuh und ermittelt mit einer Wärmebildkamera und einem 3D-Laser die genaue Position der Zitzen. Erst dann hängt der Roboter die Melkbecher an.

"Das Verfahren wurde von den Tieren toll angenommen", berichtet Paßmann. Und der Familie reichen nun jeweils zwei Stunden am Morgen und am Nachmittag, einschließlich Fütterung und weiterer Versorgungstätigkeiten, für nun doppelt so viele Milchkühe. Ihre Zahl soll bis zum Jahresende auf 120 erhöht werden, damit sich die Investition lohnt. Denn der neue Laufstall mit Liegeboxen, dem automatischen Melksystem, den Tank- und Technikräumen und der Siloanlage für die Mais- und Grassilage zur Fütterung entspricht etwa dem Wert von vier Einfamilienhäusern.

"Die Investition ist allerdings auch in Abhängigkeit vom Milchpreis zu sehen. Sinkt er unter 30 Cent je Liter, wird es schwer", sagt Paßmann. Er weiß jedoch, dass immer mehr Betriebe auf die neue Technik umsteigen. In der Eingewöhnungszeit an das neue Melksystem klingelte das Notfallhandy auch nachts einige Mal, berichtet Dominik Paßmann. Das automatische Alarmsystem meldet zum Beispiel, wenn eine Kuh ihr Melkintervall nicht einhält oder zu lange in der Melkbox stehenbleibt, um auch noch das letzte Krümelchen des leckeren Kraftfutters aufzulecken. Inzwischen kommt das nur noch sehr selten vor.

Dominik Paßmann und seine Frau Jessica, die mit ihren zwei Kindern auf dem Borkeshof leben, haben die Umstellung sehr befürwortet. "Ich weiß nicht, ob wir ohne diese Investition weitergemacht hätten", bekennt Jessica Paßmann. "Mit Kindern ist es schwer, Familienleben und Betrieb unter einen Hut zu bringen."

Der Borkeshof

Der Borkeshof liegt in Heidgen am Rande des Kottenforsts. Der Betrieb wurde 1939 von Bernhard und Helene Borkes aufgebaut, den Großeltern des heutigen Inhabers Bernhard Paßmann. Der Landwirtschaftsmeister (62) wird bei der Bewirtschaftung von seiner Familie unterstützt. Dazu gehören nicht nur Ehefrau Irmgard (60), sondern auch Sohn Dominik (31) und dessen Frau Jessica (31).

Der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt und die promovierte Agraringenieurin werden voraussichtlich in drei Jahren den Hof übernehmen, auf dem zurzeit 106 Milchkühe und rund 80 Jungtiere gehalten werden. Bis zum Jahresende soll der Milchkuhbestand aus eigener Nachzucht auf 120 Stück erhöht werden.

Zum Betrieb gehören rund 40 Hektar Grünland und 35 Hektar Ackerland, auf denen vor allem Heu- und Grassilage sowie Mais und Feldgras als Futter für die Tiere produziert werden sowie Winterweizen für den Weiterverkauf. Neben der Familie Paßmann gibt es in der Gemeinde Alfter mit Hans-Hubert Schumacher noch einen zweiten Milchviehhalter. Er hat seinen Betrieb am Ortsausgang von Volmershoven und hält im Schnitt 35 Milchkühe.