Bürgerprotest in Alfter

Witterschlicker wehren sich gegen Lärm

ALFTER-WITTERSCHLICK. Anwohner aus der Umgebung der Wester Werke schreiben einen offenen Brief an Bürgermeister Rolf Schumacher und Landrat Sebastian Schuster.

Wie ein „Wummern, das durch den ganzen Körper geht“, beschreiben Karin Kilian, Ulf Grote und Detlev Schröder die tieffrequenten Geräusche, die sie tagtäglich begleiten – und gegen die sie sich zur Wehr setzen wollen. Die Anwohner aus der Nachbarschaft der Wester Mineralien GmbH in Witterschlick haben einen offenen Brief an den Rat der Gemeinde Alfter und Bürgermeister Rolf Schumacher sowie an den Kreistag und Landrat Sebastian Schuster geschrieben. Darin fordern sie die „Beendigung der permanenten Beeinträchtigung der Anwohner durch den Produktionslärm“ des Unternehmens.

Seit dem Frühjahr 2015 habe die Geräuschbelästigung durch die frühere Tonbergbaufirma, die heute mit dem Mineral Korund handelt und unter anderem verschmutzten Korund- und Granatsand recycelt, stark zugenommen, schildern die Anwohner von Reuterpfad und Esserstraße. Mehr als 220 Unterschriften hätten sie im Geltorf-Viertel sowie in Volmershoven gesammelt, erläutern Kilian, Grote und Schröder bei der Übergabe des offenen Briefs an Bürgermeister Schumacher.

Darin fordern sie die Offenlegung aller Belastungen durch die Wester Werke auf Personen und Umwelt sowie ein Ende der Beeinträchtigung und Gefährdung durch liefernden Schwerlastverkehr, der sich durch Wohnviertel seinen Weg bahnt. Zudem sind sie gegen eine Expansion am jetzigen Standort, der im Landschaftsschutzgebiet liege, und fordern die Umsiedlung des Betriebs in „ein geeignetes Industriegebiet“.

Bürgermeister Schumacher zeigte Verständnis für die Sorgen der Anwohner. Er sei dankbar für den Einsatz der Bürger, die auch Verstöße gegen die erlaubten Produktionszeiten des Unternehmens von 6 bis 22 Uhr sowie gegen die gebotenen Lieferungszeiten für den Lkw-Verkehr zwischen 7 und 20 Uhr an Gemeinde und Kreis meldeten – etwa wegen „campierender Lkw-Fahrer“, die nachts den Motor für die Heizung laufen lassen, wie Grote erklärt.

Neu sind die Beschwerden nicht. Die Gemeinde hatte zuletzt auch ihr Einvernehmen für einen Bauantrag des Unternehmens zur Nutzung einer Lagerhalle als weitere Produktionsstätte verweigert. Der Rhein-Sieg-Kreis hatte dem dennoch stattgegeben (der GA berichtete). Ein Tüv-Gutachten hatte ergeben, dass die zulässigen Immissionswerte eingehalten werden.

„Eine Lösung kann nur durch eine Verlagerung des Betriebs erreicht werden“

Wie die Anwohner und Schumacher berichten, liegt inzwischen aber eine weitere Untersuchung vor, die zu einem anderen Ergebnis kommt: Im Dezember 2016 habe die Bezirksregierung im Auftrag des Kreises Messungen durchgeführt, die laut einem Schreiben des Kreises eine „erhebliche Belästigung durch tieffrequente Geräusche“ nachweisen. Ein Teilerfolg für die Anwohner: Der Betrieb muss nun Schallschutzmaßnahmen vornehmen. Davon sei bisher aber nichts zu merken, so Kilian.

Im Oktober gab es zudem ein Gespräch zwischen Anwohnern, Vertretern von Wester und dem Bürgermeister. Dieses habe er jedoch als „unverschämt“ empfunden, so Schumacher. Sie hätten sich „nicht wirklich ernst genommen gefühlt“, sagen die Anwohner. „Eine Lösung kann nur durch eine Verlagerung des Betriebs erreicht werden“, meint Schumacher mit Blick auf die Nähe der Wohnhäuser zum Standort und den beschränkten Expansionsmöglichkeiten für das Unternehmen, das auch Produktionsstätten in Polen und Südafrika unterhält.

Er habe bereits versucht, Wester „attraktive Angebote“ für einen Umzug innerhalb der Gemeinde zu machen – bislang ohne Erfolg, so Schumacher. Der Bürgermeister würde aber auch einen Wegzug aus Alfter in Kauf nehmen: „Die Beeinträchtigung für die Anwohner ist so groß, dass wir den Verlust notfalls verkraften.“ Die Geschäftsführung der Wester Mineralien GmbH zeigt sich unterdessen „sehr enttäuscht“ von den Äußerungen des Bürgermeisters über das geführte Gespräch sowie über den Brief der Anwohner.

Das Unternehmen habe bereits Schutzmaßnahmen hinsichtlich der störenden tiefen Töne vorgenommen, sagt Nicola Wester, die Prokura in dem Familienunternehmen hat. „Seit Dezember haben wir richtig Gas gegeben und Zeit und Geld investiert“, so die Tochter von Geschäftsführer Harald Wester. Es sei grundsätzlich schwierig, tieffrequenten Tönen „auf die Spur zu kommen“. Das Unternehmen sei aber derzeit dabei, „jede einzelne Anlage abzuklopfen“. Manche der störenden Geräusche habe man bereits zuordnen können und Maßnahmen getroffen, um diese abzuschirmen. Der Kreis habe dem Unternehmen eine Frist bis April gesetzt, um die Lärmwerte zu verbessern, „und da arbeiten wir dran“, so Nicola Wester.

„Ich kann verstehen, dass das Thema die Anwohner umtreibt“, räumt die Unternehmerin ein, verweist aber auch darauf, dass der Familienbetrieb seit 1961 vor Ort sei und nun mal eine Produktionserlaubnis von 6 bis 22 Uhr habe. In Sachen Schwerlastverkehr bemühe sich die Firma, eng mit den Speditionen zusammenzuarbeiten.

Wenn es „wirtschaftlich darstellbar“ wäre, könne man auch über einen Umzug nachdenken, so Wester weiter. Bei den gemachten Angeboten sei es jedoch nicht um „qualifizierte Grundstücke“ gegangen, und die Angebote seien „nicht zu finanzieren“ gewesen. Zu Gesprächen, auch mit den Anwohnern, sei man nach wie vor bereit.

In der Familie Kilian ist unterdessen schon Thema, „ob es sich lohnt, diese Nervenaufreibung weiter mitzumachen – oder wegzuziehen“, so Karin Kilian.