Von wilden Horden und Seidenraupen

Witterschlicker forscht in der Heimat

Alfter-Witterschlick. Er ist ein unermüdlicher Heimatforscher: Klaus Trenkle veröffentlicht drei weitere Hefte zur Geschichte Witterschlicks mit Volmershoven-Heidgen, die sich der Zeit von 1930 bis 1950 widmen.

Wilde Horde: Fußballinteressierte wissen sofort, dass es sich dabei um eine Ultragruppierung von Fans des 1. FC Köln handelt. Vielleicht wird sich der eine oder andere ältere Witterschlicker aber noch an eine ganz andere Wilde Horde erinnern. In den 1920er und 1930er Jahren existierte eine Jugend- und Wanderbewegung mit diesem Namen in der damals noch selbstständigen Gemeinde. Im Kottenforst, an der Witterschlicker Allee, stand das Vereinsheim. Die Nationalsozialisten gingen gegen die unangepassten jungen Männer und Frauen vor. Bevor die Nazis die Vereinsbude zerstören konnten, bauten Angehörige der Wilden Horde sie selber ab. Letzte Überreste des Heims sollen im Wald noch auffindbar sein.

Das alles ist in Heft 24, Teil II, der Beiträge zur Geschichte von Witterschlick zu lesen. Dank dem Werk des 78-jährigen Heimatforschers Klaus Trenkle ist diese Episode aus der Vergangenheit Witterschlicks schriftlich festgehalten und wird hoffentlich nicht in Vergessenheit geraten – wie so viele andere Anekdoten, Begebenheiten und Fakten aus der Historie des Alfterer Ortsteils. Drei neue Bände hat Trenkle erarbeitet, die sich Witterschlick (mit Volmershoven-Heidgen) in der Zeit von 1930 bis 1950 widmen. Nun hat er das Ergebnis von „zwei bis drei Jahren Arbeit“, so Trenkle, präsentiert.

Landwirtschaft bis zur Schulzeit vergangener Jahrzehnte

Auf zusammen mehr als 860 Seiten beleuchtet er in den Heften 24, Teil II, sowie 25, Teil I und Teil II, viele verschiedene Aspekte der Dorfgeschichte: von der Wilden Horde über alte Flurbezeichnungen, Ehejubiläen, das ehemalige Kloster in Witterschlick, die Feuerwehr, verschiedene Gewerbe, Landwirtschaft und Siedlungswesen bis zu den Schulen.

Wichtigste Grundlage dafür waren wie auch bei früheren Veröffentlichungen die Aufzeichnungen des Witterschlicker Gemeindevorstehers Anton Weber (1874-1951). Aus den Jahren 1937 bis 1944 sowie 1948 bis 1951 liegen rund 6750 Aktennotizen Webers vor, derer sich Trenkle angenommen hat. Dazu kommen 750 Seiten alte Schulakten aus Volmershoven sowie Berichte von Zeitzeugen und anderes Material. All das hat Trenkle aufbereitet, systematisiert und mit einigen ergänzenden Kommentaren versehen. In erster Linie lässt der Hobbyhistoriker aber die Quellen für sich sprechen.

So erfährt der Leser, dass in der NS-Zeit auch in Witterschlick Maulbeerbäume gepflanzt werden sollten, um Seidenraupen zu züchten (Heft 25, Teil I und II). „Das geschah im Zuge der Autarkiebestrebungen des Dritten Reiches“, sagt Trenkle. In Witterschlick allerdings erfolglos. So vermerkte Gemeindevorsteher Weber am 8. Februar 1938 in seinem Buch: „Die Nichtdurchführung des Seidenraupenbaues dem Amt mitgeteilt.“ Früher noch viel bedeuteter als heute war in Witterschlick und Volmershoven die Tongewinnung und -verarbeitung. „Sogar Krupp hat hier abgebaut“, erläutert Trenkle. Zahlreiche historische Fotos zeugen in Heft 24, Teil II, von den Dimensionen, die die Tonindustrie einst hatte.

Alles in allem umfasst das Werk des 78-Jährigen fast 30 Bände

Während sich Heft 25, Teil I, der Landwirtschaft widmet, bietet Heft 25, Teil II, einen unglaublich detailreichen Einblick in die Schulzeit vergangener Jahrzehnte. Dabei hat Trenkle unter anderem auch für Witterschlick den zunehmenden Einfluss des Dritten Reichs auf die Schulen und die Bildung der Kinder herausgestellt. „Es ging dabei um das Herausdrängen des Einflusses der katholischen Kirchen“, sagt er. Einen Bogen in die Gegenwart schlägt der Hobbyhistoriker dort, wo er von der Enge in den Schulgebäuden berichtet, als nach 1945 in den dortigen Dienstwohnungen nicht nur Lehrer, sondern auch Vertriebene und Flüchtlinge untergebracht waren.

Insgesamt sechs Bände hat Trenkle zu Witterschlick zwischen 1930 und 1950 erstellt. Sein Gesamtwerk zur Geschichte des Orts umfasst knapp 30 Hefte (einige Bände bestehen aus mehreren Teilen) – über die Denkmäler und Wahlen, historische Urkunden, örtliches Totengedenken, den Karneval, die Volksheilkunde und so weiter und so fort.

Weitere Bände sollen nicht entstehen. Trenkle: „Das Thema ist abgeschlossen, das meiste, was ich an Quellen habe, ist abgearbeitet.“ Er wolle sich nun darum bemühen, dass seine Aufzeichnungen in die Archive der Pfarrgemeinde, der Gemeinde Alfter, der Stadt Bonn, des Rhein-Sieg-Kreises sowie an die Pflichtexemplarstelle der Bonner Universitätsbibliothek kommen. Welchem Projekt er sich dann zuwenden will, steht noch nicht fest. Klar ist aber, wie Trenkle betont: „Mir wird nicht langweilig.“

Auch die neuen Hefte aus der Reihe „Beiträge zur Geschichte von Witterschlick“ sind im Eigenverlag erschienen. Erhältlich sind sie gegen eine Kostenerstattung von jeweils 25 Euro direkt bei Trenkle. Kontakt: 02 28/64 23 53.