Leben aus dem Koffer

Witterschlicker arbeitete ehrenamtlich auf vier Kontinenten

Alfter-Witterschlick. Von Südamerika bis Asien: Florian Kretzschmar aus Witterschlick arbeitete nach dem Studium auf vier Kontinenten als Volunteer für gemeinnützige Organisationen. Wieder zurück, ist der 32-Jährige als Projektmanager für ein Schweizer Unternehmen tätig.

Süd- und Mittelamerika, Europa, Afrika, Zentralasien, Indien und Kanada: Sechs Jahre lang lebte der Witterschlicker Florian Kretzschmar mehr oder weniger aus dem Koffer. Vier verschiedene Kontinente hat der 32-Jährige von 2012 bis diesen Mai bereist und dabei diverse Länder und ihre kulturellen Eigenheiten intensiv kennengelernt. In dieser Zeit hat er nicht ein einziges Mal deutschen Boden betreten. Lediglich 2014 hat der Weltenbummler seine Eltern Volker und Gabi Kretzschmar nach zweieinhalb Jahren Unterwegssein in Südfrankreich getroffen.

„Zunächst sollte die Reise nur ein Jahr dauern. Dann ging es einfach immer weiter. Und letztlich wollte ich solange reisen, bis ich keine Lust mehr hatte“, sagt Kretzschmar. Von Anfang stand für ihn nicht das Reisen im Vordergrund, sondern das Leben mit den Menschen, um so ihre Kulturen zu verstehen.

Arbeit als Lehrer, Übersetzer und in einer Kunstgalerie

Als seine Ersparnisse nach einem Jahr aufgebracht waren, arbeitete der Witterschlicker in unterschiedlichen Jobs als Lehrer, Übersetzer für Englisch und Spanisch oder auch in einer Kunstgalerie. Auf diese Weise konnte er sich seine Tätigkeit in Waisenhäusern und Bildungseinrichtungen als Volunteer, sprich als freiwilliger unbezahlter Helfer, in acht gemeinnützigen Organisationen in Ecuador, Peru, Nicaragua, Indien, Laos, Indonesien und Südafrika leisten. Dazu gehörte auch ein Projekt der Meckenheimer Stiftung Deutsche Kinderdirekthilfe.

Ursprünglich hatte Kretzschmar das Ganze als eine Art Auszeit nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre angelegt, „um Inspiration zu bekommen und mehr über mich herauszufinden.“ Denn: „Ich war noch nicht bereit fürs Berufsleben. Die erste Station seiner Welttour war Lateinamerika. Nach einmonatigem Aufenthalt zog es ihn weiter nach Ecuador, wo er in einem Kindergarten und in einer Bücherei in einem Dorf in den Anden arbeitete. Dort gefiel es ihm so gut, dass aus zwei Monaten ein Jahr wurde. Eingebunden in die täglichen Aufgaben, verpasste er prompt den Rückflug von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires nach Deutschland mit der Folge, dass er auf dem Kontinent blieb.

Besonders bereichert haben ihn die Erfahrungen in Ecuador. Nicht nur, dass er dort die längste Zeit verbrachte, er machte auch mit dem bewaffneten Überfall einer Straßenbande während eines Trips durchs Land seine schlimmste Erfahrung. Am Amazonas stellte der Witterschlicker fest, dass der Stich von Taranteln nicht gefährlich ist, auch kleine Piranhas hat er in die Hand genommen. „Beim Umgang mit den Tieren haben mir die Menschen geholfen. Da passiert dann nichts“, erzählt Kretzschmar.

Er betreibt eine eigene Webseite, auf derer um Spenden für Projekte bittet

Prägend war für ihn ebenso der Aufenthalt im peruanischen, rund 320 000 Einwohner großen Cuzco, das einst die Hauptstadt des Inkareichs war, heute für seine archäologischen Stätten und die spanische Kolonialarchitektur bekannt ist und den Ausgangspunkt für Touren ins berühmte Machu Picchu bildet. Doch mehr als mit den Sehenswürdigkeiten setzte er sich mit der eigenen Existenz auseinander. „Ich verdiente zwei Euro in der Stunde in einem Job, was gerade zum Überleben reichte.“

Erst 2014 kam er zurück nach Europa – ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Indien und Zentralasien. Noch in Südamerika hatte er sich entschieden, nicht mehr vor Ort zu jobben, sondern eine Arbeit zu machen, die er mitnehmen kann. Dementsprechend verkaufte er übers Internet Reiseberichte und Fotos an Zeitschriften, übersetzte alle Arten von Texten, arbeitete als Lektor sowie im Bereich Marketing und Logistik.

Seit vier Jahren betreibt Kretzschmar eine eigene Webseite (www.milesastray.com), auf der er von seinen Reisen erzählt und um Spenden für die Projekte, bei denen er tätig war, wirbt.

Zurzeit ist der 32-Jährige als Projektmanager für ein Schweizer Unternehmen tätig. Und schon jetzt bereitet er seinen nächsten Auslandstrip vor. Ab September stehen Spanien und Kanada auf dem Programm. „Dann möchte ich mich länger an einem Ort aufhalten, immer unter der Prämisse, dass ich gelegentlich nach Europa zurückkomme.“ Einen Lieblingskontinent hat er nicht. „Ich habe festgestellt, dass Menschen mit weniger Besitztümern, deren Fokus auf sozialen Bindungen liegt, glücklicher sind. Jedem Menschen sollte der gleiche Zugang zu grundlegenden Ressourcen und Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Daran gilt es zu arbeiten“. Seine Eltern sind da ganz seiner Meinung.