IT-Systemkaufmann testet

Wie barrierefrei ist Alfter?

ALFTER. Laufende. So nennt Dominik Pianka die Menschen, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Und die selten ahnen, wie tückisch der Alltag mit diesem Hilfsmittel sein kann. Der Rollstuhl ermöglicht Selbstständigkeit - aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Eine scherbenübersäte Bushaltestelle kann schon das Ende des geplanten Einkaufs in der Alfterer Ortsmitte bedeuten. "Ich habe bloß normale Reifen drauf, ähnlich wie bei einem Fahrrad", erläutert der 26-Jährige und fährt vorsichtig um solche Gefahrenstellen herum. Eine Vollzeitstelle bei der Bonner Telekom hat den IT-Systemkaufmann, der von Geburt an querschnittsgelähmt ist, von Bottrop ins Rheinland geführt.

Nach 24 Jahren in elterlicher Obhut wagte er den Sprung in ein eigenständiges Leben. Anfang des Jahres 2012 bezog Pianka in der Fürst-Franz-Josef-Straße in Alfter eine bezahlbare barrierefreie Mietwohnung.

"Das Preisniveau in Bonn konnte ich mir nicht leisten", berichtet er über die Wohnungssuche. Die Ebenerdigkeit in allen Räumen ist für ihn als Rollstuhlfahrer dabei das Wichtigste, für weitere Erleichterungen hat er selbst gesorgt. Die Höhe der Arbeitsplatte in der Küche ließ Pianka mit lediglich 75 Zentimetern eigens anfertigen, und der schwere Rollladen an der Terrassentür erhielt einen elektrischen Antrieb. "Zum Hochziehen reichen meine Kräfte nicht."

Mit einem Sensor lassen sich Haus- und Wohnungstür bequem öffnen, und der Aufzug geht bis in den Keller. Sollen allerdings schwere Sachen dorthin wie etwa leere Getränkekisten, helfen die Nachbarn. Sie springen auch ein, wenn beispielsweise Schnee und Eis das selbstständige Einkaufen unmöglich machen. Aber auch bei günstigen Wetterbedingungen ist die Selbstversorgung aufwendig.

Pianka hat seinen Rollstuhl in der Regel normal bereift und treibt ihn mit den Händen an. Damit ist der Weg von der Tallage die steile Bahnhofstraße hinauf in den Ortskern nicht zu schaffen. Und umgekehrt würde der Rollstuhl bei der Fahrt hinunter viel zu schnell. "Wenn ich manuell abbremse, hätte ich nachher an den Händen Blasen; würde ich dauernd die Bremse ziehen, wären die Beläge viel zu schnell abgenutzt."

Pianka hat zwar auch Elektroräder. Aber die sind jeweils zehn Kilo schwer. "Damit nehmen mich nicht alle Taxifahrer mit, die mich zur Arbeit in die Bonner Südstadt fahren. Und für mich selbst ist das Umschrauben schwierig, zumal meine linke Hand gelähmt ist." Zum Einkaufen in Alfters Ortsmitte nimmt Pianka daher den Bus. "Wenn ein Bus keine Rampe hat, muss mir der Fahrer helfen und zuerst die Vorderräder und dann die Hinterräder über die Stufe kippen", erläutert Pianka.

Der Bus, auf den Pianka an diesem Tag an der Stadtbahnhaltestelle wartet, hat eine Rampe, aber von den aussteigenden Fahrgästen klappt sie niemand hilfsbereit aus. Pianka muss zum Busfahrer vorfahren, auf sich aufmerksam machen und rollt zurück zum hinteren Einstieg. Derweil hastet der Busfahrer nach hinten, flucht über die mangelnde Hilfsbereitschaft seiner Fahrgäste und knallt die Rampe hinaus. Der Auftritt zeigt Wirkung. Beim Ausstieg am Herrenwingert hilft nun ein Fahrgast.

Dort sind nicht nur Scherben an der Bushaltestelle ein Problem. Auch den Überweg an der Busspur meidet Pianka. Die Bordsteinkante ist dort ungefähr sechs Zentimeter hoch und fällt in eine gepflasterte Wasserrinne ab. Darin bleiben die kleinen Vorderräder des Rollstuhls leicht hängen. Zum Altglascontainer nimmt er deshalb den ebenerdigen Fußweg längs der Kirmeswiese.

Aber auch am Container muss Pianka auf Scherben achten und gegebenenfalls Passanten um den Einwurf bitten. "Es war anfangs schwer für mich, Leute für jede Kleinigkeit anzusprechen", beschreibt er die Schwierigkeiten, als Rollstuhlfahrer selbstständig zu leben. "Man muss lernen, darüber zu stehen." Worüber er sich ärgert: "Man wird häufig von oben nach unten geduzt. Das ist doch eine Unverschämtheit."

In der Ortsmitte von Alfter kann Pianka relativ problemlos seine Erledigungen machen. Er ist froh, dass die Fußgängerbereiche nur stellenweise Kopfsteinpflaster enthalten. "Kopfsteinpflaster ist für Rollstuhlfahrer fürchterlich. In der Bonner Innenstadt bin ich deshalb nicht gern unterwegs." Im Edeka arbeitet Pianka seine Einkaufsliste ab. Er greift nach Milch, Käse und Obst und lässt sie in den Stoffbeutel fallen, der an den rückwärtigen Handgriffen seines Rollstuhls hängt.

An die roten Paprika kommt er nicht heran. Doch das hat eine Mitarbeiterin des Supermarkts schon gesehen und hilft. Trotzdem kann Pianka nicht alles selbst einkaufen - eine Zehnerpackung Klopapier etwa oder eine große Packung Waschpulver. Das besorgen Nachbarn oder seine Haushaltshilfe, die vier Stunden in der Woche auch beim Saubermachen der Wohnung und bei der Wäschepflege hilft.

Bank, Apotheke, Café und Physiotherapie sind für Pianka in der Ortsmitte gut erreichbar, ansonsten ist er in Alfter ziemlich aufgeschmissen. Zur Post im Landgraben beispielsweise schafft er es von der Ortsmitte wegen der Steigungen und teils zu schmalen Bürgersteige nicht. "Es ist immer noch wahnsinnig schwer, alleine zu leben", findet Pianka, der sich gern in der freien Natur aufhält und dort bevorzugt Vögel fotografiert.

"Eine Selbsthilfegruppe für Rollstuhlfahrer, bei der man sich austauschen könnte, habe ich bisher nicht gefunden", berichtet er. Und auch die Suche nach einem Tischtennisangebot für Rollstuhlfahrer, wie er es früher in Duisburg in Anspruch nehmen konnte, lief ins Leere.

In einem Verein für Laufende meldete er sich zwar einmal zu einem Probetraining an. "Aber die konnten mit mir da nichts anfangen." Was der junge Mann gar nicht gebrauchen kann: Mitleid. "Ich will gar nicht wissen, wie ich geworden wäre, wenn ich laufen könnte. Ich bin zufrieden mit mir, so wie ich bin."