Flüchtlinge in Alfter

Notunterkunft im Schloss wird aufgelöst

Vor einem Jahr konnten sich Besucher ein Bild von der Notunterkunft im Schloss Alfter machen, ehe die ersten Flüchtlinge einzogen. ARCHIVFOTO: KOHLS

Vor einem Jahr konnten sich Besucher ein Bild von der Notunterkunft im Schloss Alfter machen, ehe die ersten Flüchtlinge einzogen. ARCHIVFOTO: KOHLS

Alfter. Vor einem Jahr wurde das Alfterer Schloss zur Notunterkunft des Landes NRW für Flüchtlinge. In Amtshilfe für die Bezirksregierung hält die Gemeinde hier 150 Plätze zur Erstaufnahme vor - doch nur noch bis Ende des Jahres. Zum 31. Dezember wird die Unterkunft geschlossen.

Angesichts der rückläufigen Flüchtlingszahlen sollen laut der Bezirksregierung Köln generell die in Amtshilfe geschaffenen Notunterkünfte nach und nach abgebaut werden. „Es wurden Landesplätze aufgebaut, und das Ziel ist ja die Eingliederung der Flüchtlinge in die Kommunen“, erklärt Sprecher Dirk Schneemann. Derzeit gebe es noch 13 Standorte im Regierungsbezirk und zwei Reserveflächen.

Im Alfterer Schloss wohnen jetzt nur noch sieben Asylsuchende. Die Gemeinde hat das denkmalgeschützte Gebäude von einem Privateigentümer angemietet. Feudal wohnt es sich hier allerdings nicht. Doppelstockbetten in kahlen Räumen, wenn auch mit hohen Decken und großen Fenstern, die den Blick bis aufs Siebengebirge eröffnen, stehen zur Verfügung.

Bis zu 14 Personen finden im größten der 20 Schlafräume Platz. Schränke gibt es keine, in Koffern oder Boxen unter den Betten bewahren die Bewohner ihre Kleidung auf. Da die sanitären Anlagen für bis zu 150 Personen nicht ausreichen, wurden zusätzlich Container-Duschen und -Toiletten im Innenhof aufgestellt. Neben einem Gemeinschaftsraum, der auch als Essraum dient, gibt es ein kleines Fernsehzimmer.

Insgesamt seien etwa 2500 Menschen im vergangenen Jahr vorübergehend im Schloss untergekommen, sagt Einrichtungsleiterin Judith Quiske vom DRK. Die meisten hätten aus Afghanistan, Syrien und Irak gestammt. Das Schloss sei eine Unterkunft für „besondere Schutzbefohlene“, sprich es seien vorwiegend Frauen, Familien und unbegleitete Minderjährige hier gewesen. Um die Abläufe in der Notunterkunft, in der Pressefotos nicht erlaubt sind, kümmern sich rund 65 Personen im Schichtdienst, schildert Quiske. Zu den 22 Mitarbeitern des DRK, von denen viele selbst Migrationshintergrund hätten, kommt das Personal von Reinigungs- und Sicherheitsdienst sowie des Caterers. Eine Erzieherin macht im Auftrag des DRK zu geregelten Zeiten ein Angebot für Kinder in einem eigens mit Spielsachen und bunten Teppichen ausgestatteten Trakt.

Auch rund 20 Ehrenamtliche engagierten sich laut Quiske für die Flüchtlinge: als Dolmetscher, bei der Kleiderausgabe, für die Kinderbetreuung und zum Deutschlernen. Fünf Lehrerinnen hätten in ihrer Freizeit an fünf Tagen die Woche Unterricht gegeben. Und wenn es mal an etwas gefehlt habe, etwa an Kinderbetten oder weiteren Dolmetschern, sei stets „Oma Hedi“ zur Stelle gewesen, sagt Quiske: Die Olsdorferin Hedwig Göttner habe dann Aushänge im Supermarkt gemacht und Spender gesucht. „Es ist mir ein Bedürfnis, den Leuten zu helfen, da es uns sehr gut geht“, sagt die 69-Jährige auf GA-Anfrage. „Finanziell kann ich das vielleicht nicht so, aber meine Freizeit und meine Ideen kann ich geben.“

Im Schnitt seien die Flüchtlinge etwa drei Monate im Schloss gewesen, ehe sie einer Kommune zugeteilt worden seien, schätzt Quiske. „Das Längste waren acht Monate.“ Schwierig gestalte sich das Verfahren etwa dann, wenn es um Fragen der Familienzugehörigkeit bei unbegleiteten Minderjährigen gehe. Einige Male diente das Schloss ab dem Sommer auch als Ausweichquartier für die Bonner Ermekeilkaserne: Etwa als dort die Windpocken ausgebrochen waren, berichtet Markus Jüris, Leiter des Alfterer Sozialamts. Flüchtlinge, die in der Bonner Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ihre Anträge für das Asylverfahren stellen sollten, kamen dann für eine Nacht kurzfristig in Alfter unter. „In elf Tagen hatten wir da einmal 400 Maschinen Wäsche“, erinnert sich Quiske. Immerhin sei dann binnen kurzer Zeit Bettwäsche für viele Personen auf einmal angefallen.

Insgesamt leben in Alfter laut Jüris derzeit rund 230 Flüchtlinge. Sie seien alle registriert und hätten in von der Gemeinde angemieteten Wohnungen und Häusern oder in der Containerunterkunft auf der Rathauswiese eine Bleibe gefunden. Da die vorgehaltenen Plätze im Schloss bislang auf die Aufnahmequote der Gemeinde angerechnet worden seien, erwarte er im kommenden Jahr wieder reguläre Zuweisungen von Flüchtlingen, sagt Jüris. „Ich gehe aber davon aus, dass wir mit unserem Bestand klarkommen.“ Weitere Unterkünfte müssten nicht geschaffen werden. Für die noch sieben im Schloss wohnenden Bewohner rechne er in Kürze mit einer Zuweisung zu einer Kommune. Vermutlich sei das Schloss also dann schon vor Jahresende unbewohnt, und der Rückbau könne beginnen.

Mit ein wenig Wehmut blickt Judith Quiske auf das nahende Ende der Erstaufnahmeeinrichtung im Schloss. Das Team sei sehr stark zusammengewachsen, erklärt sie. Es sei für die Mitarbeiter eine „sehr intensive Zeit und prägende Erfahrung“ gewesen, meint auch Christoph Blessin, Leiter der Flüchtlingsarbeit beim Kreisverband Bonn des DRK. „Das ist die Kehrseite der Medaille“, sagt er mit Blick darauf, dass für das Personal beim Kreisverband keine andere Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung in Sicht sei.