Johannes Frizen aus Alfter leitet die Landwirtschaftskammer NRW

Jedes Tier hat einen Namen

Praktiker: Johannes Frizen, Präsident der Landwirtschaftskammer, füttert auf seinem Hof in Alfter-Ramelshoven seine Rinder der Rasse Blonde d'Aquitaine.

Praktiker: Johannes Frizen, Präsident der Landwirtschaftskammer, füttert auf seinem Hof in Alfter-Ramelshoven seine Rinder der Rasse Blonde d'Aquitaine.

ALFTER. Im Dezember ist Schluss. Dann wird Johannes Frizen zwölf Jahre Präsident der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen gewesen sein.

„Es sollen Jüngere ran“, sagt der Landwirt aus Alfter-Ramelshoven. Der Mann, der in diesem Monat 68 Jahre alt wird, gehört aber noch lange nicht zum alten Eisen. Auf dem Hof in Ramelshoven, der mittlerweile von Sohn Peter geführt wird, packt er häufig mit an: beim Füttern oder auch beim Misten.

Etwa 80 Prozent seiner Arbeitszeit wendet er für sein Ehrenamt bei der Kammer auf. Ein Gehalt bezieht er nicht, nur eine Aufwandsentschädigung. Von Alfter oder von seinem Dienstsitz in Münster aus ist viel unterwegs in der Republik und im benachbarten Ausland. Es gilt, in Berlin und Brüssel die Interessen der NRW-Landwirte zu vertreten. Schreibtisch oder Stall? „Eigentlich macht mir die Arbeit draußen mit den Tieren mehr Spaß“, sagt Frizen, der den 1665 erbauten Hof mit den auffällig gelben Fassaden in sechster Generation betreibt. Und weiter: „Die Mischung macht's, der Hof erdet mich für die Arbeit im Büro. Aus dem Hof schöpfe ich Kraft.“ Seine Vorfahren kauften das Anwesen 1890, weil für den Frizen-Hof im Bonner Viktoria-Karree kein Platz mehr war. An der Stelle des alten Hofes steht heute das Café Blau.

Frizen und sein Sohn züchten Fleischrinder der aus Frankreich stammenden Rassen Blonde d'Aquitaine und Limousin für die Weiterzucht. Zurzeit bevölkern 140 Tiere den Hof. Und jedes Tier hat einen Namen. Die Bullen heißen Jerome oder Deniro, die Kühe Babette, Nonchalante oder Bibiane, jeweils mit dem Zusatz „vom Ramelshof“. Die Frizens bewirtschaften 70 Hektar. Sie bauen Getreide und Mais an. Das Grünland dient zur Beweidung und zum Futteranbau.

Frizen legt Wert auf eine artgerechte, natürliche Haltung seiner Tiere in der Herde. Sie besteht aus etwa 65 Kühen, einigen Bullen und der Nachzucht. Fast alle Bullen werden für die Zucht weiterverkauft. Es sei denn, ein Bulle produziert ein Kalb mit Auffälligkeiten wie Senkrücken oder X-Beinen, dann ist er für die Zucht nicht mehr verwendbar. Sein Weg führt in den Schlachthof. Ziel ist es, dass die Kälber im ersten Lebensjahr täglich 1400 Gramm zunehmen.

Den elterlichen Obstbaubetrieb übernahm Johannes Frizen 1972, nachdem Vater Caspar sich durch einen Sturz aus einem Apfelbaum einen Rückenwirbel gebrochen hatte. Eine landwirtschaftliche Ausbildung hatte er da schon absolviert. 1975 legte er die Gärtnermeisterprüfung in der Fachrichtung Obstbau ab. Im gleichen Jahr informierte er sich im Rhonetal über Bewässerungstechnik für seine Obstanlagen. Zurück kam er mit 18 Limousin-Rindern. Bei der Landwirtschaftsausstellung 1986 in Hannover erwarb er nach dem Genuss von einigen Gläsern Rotwein mit französischen Kollegen „Renoncule“. Sie war die erste Kuh der Rasse Blonde d'Aquitaine in Deutschland. „Ein Bild von einer Kuh“, schwärmt Frizen noch heute. Ein Bulle ist auf seinem Hof für 30 bis 40 Kühe zuständig. Jede Kuh bringt im Laufe ihres Lebens zwölf bis 15 Kälber zur Welt.

Die Ausbildung des Nachwuchses liegt Frizen sehr am Herzen. Er hält engen Kontakt zu den sechs Fachschulen der Kammer und besucht dort stets die Zeugnisausgaben. „Ich will wissen, wie die nächste Generation tickt.“ Alle Jahre wieder steht die Düngung mit Gülle in der Kritik. Frizen: „Gülle ist ein hervorragendes natürliches Düngemittel, wenn es richtig dosiert wird. Wenn zu viel ausgebracht wird, ist das natürlich nicht in Ordnung.“ Er setzt auf Kontrollen und auf Aufklärung. So bietet die Kammer den Landwirten Informationen darüber an, wann welche Pflanzen in welcher Dosierung gedüngt werden sollten.

Frizen appelliert an seine Kollegen, sich beim Spagat zwischen Ökologie und Ökonomie mehr am Tierwohl zu orientieren. „Jedes Tier ist ein Lebewesen“, sagt er. Eine mehr am Tierwohl ausgerichtete Haltung könne aber nur mit EU-weit einheitlichen Standards erreicht werden. Es nütze ja nichts, wenn die deutschen Landwirte ihren Tieren mehr Platz böten und damit teurer produzierten. Dann wandere die Produktion in andere Länder ab, was den Tieren auch nicht helfe.

Im Rhein-Sieg-Kreis macht sich Frizen Sorgen wegen des Landfraßes durch Flächenversiegelung. Hinzu komme ja noch, dass für jede versiegelte Fläche eine ökologische Ausgleichsfläche angelegt werden müsse. Auch diese Flächen seien für die Landwirtschaft verloren. Ein Beispiel: Der Bau der ICE-Trasse durch den Rhein-Sieg-Kreis habe 45 Hektar landwirtschaftliche Flächen in Anspruch genommen – zusätzlich 500 Hektar für ökologische Ausgleichsflächen.

Hat die Landwirtschaft noch eine Zukunft? Ja, sagt Frizen. Es werde aber immer weniger, dafür größere Betriebe geben. Und die Betriebe müssten sich mehrere Standbeine schaffen, etwa als Pferdepensionen oder durch Hofläden. Er selbst würde jederzeit wieder den Beruf des Landwirts ergreifen: „Wenn ich aufstehe, bin ich an meinem Arbeitsplatz. Ich sehe wie die Pflanzen wachsen. Ich kann mit Tieren arbeiten. Ich arbeite mit Sonne und Regen. Das alles hat doch Charme.“

Wenn Frizen die Präsidentschaft der Landwirtschaftskammer Ende 2017 abgibt, will er mehr Zeit mit Frau Anne und den vier Enkeln verbringen, sich verstärkt um seinen Wald kümmern, sich weiter im Wasser- und Bodenverband engagieren, reisen sowie dem TB Witterschlick und dem FC die Daumen drücken. Ruhestand? Nichts für Johannes Frizen.