Klaus Trenkle

Heimatforscher spürt der Magie in Witterschlick nach

Klaus Trenkle hat für sein Heft (im Bild) das "Recepterbuch" des Hufschmieds Johannes Schmitz von 1836 herangezogen.

ALFTER-WITTERSCHLICK. Die Not und der Glaube müssen groß gewesen sein. Gegen Fieber wurde weißer Hundekot mit einem Ei verrührt und gebacken. Ob der Patient vor rund 200 Jahren wusste, was er da als Heilmittel bekam? "Man musste dran glauben", kommentiert Hobbyhistoriker Klaus Trenkle die Ratschläge eines Rezeptbuches aus dem Jahr 1836.

"In Witterschlick gab es damals keinen Arzt, keine Apotheke, keinen Tierarzt." Wie sich die Menschen damals auf dem Land behalfen, hat der 73-jährige Pharmazeut und Lebensmittelchemiker in seiner neuen Dokumentation "Volkskunde und Magie in Witterschlick" aufgearbeitet, allerdings nicht pharmakologisch bewertet.

Bei den 107 aufgeführten Rezepten für Mensch und Tier handelt es sich ohnehin meist um damals übliche Anweisungen zu magischen Handlungen, um Beschwörungsgebete und Sprüche. Grundlage ist ein handschriftlich in altdeutscher Schrift verfasstes "Recepterbuch", das der Witterschlicker Hufschmied Johannes Schmitz (1811-1902) im Jahr 1836 mit nach Hause brachte; vielleicht von seiner Wanderschaft während der Gesellenjahre.

"Selbst geschrieben hat Schmitz es sicher nicht", weiß Trenkle. Denn die Sprache weist nach seinen Recherchen auf eine Herkunft aus dem Raum Südbaden hin. Das Büchlein mit seinen 38 Seiten wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist bis heute bei dem Witterschlicker Studiendirektor Heinrich Schneider erhalten geblieben, der eine kommentierte und an heutige Rechtschreibung angepasste Abschrift erstellt hat.

"Bis etwa 1900 hatte auf dem Land der Schmied oder dessen Frau häufig auch die Funktion eines Tierarztes und Heilers inne", erklärt Trenkle die Hintergründe des Buchbesitzes beim Witterschlicker Schmied Johannes Schmitz. Seine Frau Anna Maria (1813-1883) "wurde sehr häufig von den Kindern um Hilfe angesprochen", beschrieb Sohn Bernhard (1846-1936) das Wirken seiner Mutter, die "mancherlei ärztliche Kenntnisse" besaß. "Da hatte das eine sich verletzt, ein anderes war mit einem Stein an den Kopf geworfen worden, oder es hatte eines ein Geschwür, vielleicht eine Entzündung."

Vielfach behalf man sich mit Hausmitteln, etwa frischer Ochsengalle gegen Würmer, oder bereitete Mixturen aus natürlichen Stoffen, wie beispielsweise eine Salbe aus Mehl, Eiern, Safran und Essig gegen Geschwulste. Bei anderen Rezepten für den Hausgebrauch spielte die Magie eine Rolle: Der Heilsaft gegen Gallen- und Nierensteine wird nicht nur aus gestoßenen Petersiliensamen und Honig gerührt, hinein soll auch die Asche eines im März gefangenen Hasen, der mit Haut und Haar verbrannt wurde.

Um zu verhindern, dass ein Pferd steif wurde, lautete die Empfehlung, an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen noch vor Sonnenaufgang dem Tier drei Handvoll Salz und 72 Wacholderbeeren in die Futterkrippe zu geben und die Schenkel mit Essig abzuwaschen. Dem Rind, das in einen Nagel getreten war, sollte derweil ein Spruch helfen: "Dieß ist der Nagel wo Christus der Herr ist mit angenageld worden, daß er nicht Geschwilt und nicht geschwürt und keinen anderen Schaden begehrt."

Die Magiegläubigkeit der Menschen durchdrang auch andere Lebensbereiche. Leuten, die vor Gericht recht behalten wollten, wurde geraten, Sonnenwirbelkraut und Wolfszahn in ein Lorbeerblatt gewickelt bei sich zu tragen; wer Diebe stellen wollte, sollte ein Beschwörungsgebet sprechen. Die Rezeptsammlung hat Trenkle um Kapitel über die in dem Buch verwendete oberrheinalemannische Sprache und medizinhistorische Dokumente ergänzt sowie um Glossare der verwendeten Begriffe und Heilmittel.

"Als Teile des damaligen 'Arzneischatzes' zeigen die Stoffe, Mischungen und Zubereitungen überraschend eine große Kontinuität in ihrer heilkundlichen Verwendung über mehr als 200 Jahre", schreibt er als Fazit. Der überwiegende Teil der Wirkstoffe des Recepterbuches aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts habe seinen Platz in der Medizin, Volksheilkunde und der pharmazeutischen Praxis bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts behalten, in bestimmten Fällen sogar bis in die heutige Zeit. Darüber hinaus, so Trenkle, sei festzustellen, dass viele dieser Stoffe weiterhin im Arzneischatz der Homöopathie vorhanden seien und auch verordnet werden.