Kanalnetz in Alfter

Durch den Kanalschacht nach unten

ALFTER. Regenrückhaltebecken. Was für ein Wort. Und was verbirgt sich eigentlich dahinter? Was bringen Hochwasserrückhaltebecken und wo ist der Unterschied? Die Überschwemmungen im Alfterer Ortskern beunruhigen zunehmend Bürger und Politiker. Erste Gegenmaßnahmen wurden bereits umgesetzt, weitere sind geplant.

Prunkstück der jüngsten Präventionsmaßnahme für Alfter-Ort ist das für 3,2 Millionen Euro erweiterte Regenrückhaltebecken am Stühleshof. Sein Volumen wurde bis 2012 nach mehr als zweijähriger Bauzeit um 4700 auf 11.500 Kubikmeter vergrößert. Wie es in dieser Betonwelt unter der Erde nun aussieht, hat der Abwasserexperte Rolf Ingo Grünefeld von der Regionalgas Euskirchen dem General-Anzeiger gezeigt.

Das Energieunternehmen führt den Wasser- und Abwasserbetrieb der Gemeinde Alfter und hatte somit die Federführung bei der Modernisierung dieses Regenrückhaltebeckens aus den 70er Jahren. Für einen Besuch muss das Becken natürlich leer sein. Aber wie kommt man überhaupt rein? Durch einen ganz normalen Kanalschacht mit Leiter zum Absteigen. Aber bitte mit Seilsicherung von oben, das ist Vorschrift. Ebenso wie Helm, Handschuh und Schutzanzug. Denn ein Regenrückhaltebecken wird zwar für überschüssige Niederschläge gebaut, die das Kanalnetz nicht fassen kann - daher der Name -, aber natürlich wird dabei auch normales Abwasser aus Klospülungen, Waschmaschinen und Küchenabflüssen mitgeschwemmt, inklusive der Abfälle, die eigentlich nicht in den Ausguss hineingehören.

Fast alle Kanäle in der Gemeinde Alfter transportieren dieses Mischwasser, reine Regenwasserkanäle gibt es kaum. Der Anteil des Schmutzwassers ist jedoch gering. "Dafür brauchen wir kein Rückhaltebecken", erläutert Grünefeld, der bei der Regionalgas die Abteilung für den Bau von Gas- und Wassernetzen leitet. "Schmutzwasser kriegt ein Kanal immer verdaut. Das Becken brauchen wir für den Regen."

Dennoch schwappt mit den Niederschlägen immer auch Abwasser aus den Kanälen in das Regenrückhaltebecken am Stühleshof. Das hört sich unappetitlich an, ist es aber nicht. Denn nach einem Einstau werden die Becken mit Frischwasser ordentlich ausgespült und sind dann so sauber, dass am tiefsten Punkt im Ablaufrohr nur wenige Schlammreste vom letzten Einsatz zeugen. Das scheint an diesem Tag selbst für Ratten uninteressant zu sein. Gott sei Dank. Und es müffelt auch nicht.

Die mehrere Meter breite Schnittstelle zwischen dem Mischwasserkanal am Stühleshof und dem unterirdischen Becken ist durch einen Lamellenvorhang gesichert. Er hält die Gase aus dem Abwasser ab, die nicht nur übel riechen, sondern auch den Beton der Becken angreifen. Durch die Kunststofflamellen schießt das Wasser, das der Kanal bei einem Starkregen nicht fassen kann, durch einen breiten Zuleitungskanal unter der Straße zuerst in Becken 1. Ist das voll, fließt das Wasser am oberen Rand weiter in Becken 2 und schließlich in Becken 3. Jedes dieser Becken verfügt über eigene Höhenstandsmessungen, deren Daten zur Regionalgas nach Euskirchen übertragen und dort ausgewertet werden können.

So ließ sich beispielsweise ablesen, dass beim jüngsten Wolkenbruch am 1. Juli die Erweiterung des Beckens am Stühleshof Wirkung zeigte. Das Volumen der alten Becken wäre an diesem Julitag erschöpft gewesen, denn binnen einer Stunde fielen 46 Liter pro Quadratmeter. Mehr als 2000 Kubikmeter Wasser hätten ohne die Beckenerweiterung in den Görresbach geleitet werden müssen. Weiter unten im Tal hätte dies vermutlich wieder zu Überschwemmungen geführt. Am höchsten Punkt der unterschiedlich tiefen und breiten Stauräume ist am oberen Rand von Becken 2 der etwa 25 Meter breite Notüberlauf in den Görresbach. Schon nach 21 Minuten können bei einem Regenunwetter alle Becken volllaufen, die einen Einzugsbereich von rund 234 Hektar abdecken. Dann bleibt nur der Weitertransport in den Bach.

"Die Beckengröße ist jetzt so ausgelegt, dass der Notüberlauf seltener als ein Mal in fünf Jahren gebraucht wird", sagt Grünefeld. Steige die Häufigkeit, müssten die Becken vergrößert werden. Die Stauräume puffern den Wasserüberschuss, der nur gedrosselt an die Kläranlage Bonn-Salierweg weitergegeben werden darf: 1800 Liter pro Sekunde. Das regelt ein mechanischer Schieber am Wasserablauf aus den Becken zurück in den Kanal am Stühleshof. Regenrückhaltungen haben immer eine Verbindung zur Kanalisation, sechs davon gibt es in Alfter-Ort. Dabei handelt es sich nicht immer um Becken wie am Stühleshof oder am Strangheidgesweg.

Darunter fallen auch die vier Kanalstauräume am Buschdorfer Weg, an der Fürst-Franz-Joseph-Straße, Am Bähnchen und am Görreshof. Dort ist der Kanalquerschnitt abschnittsweise stark vergrößert, sodass hohe Wassermengen sich dort stauen und über einen verkleinerten Durchfluss gedrosselt weiterfließen können.

Das Alfterer Kanalnetz

107 Kilometer umfasste das Alfterer Kanalnetz im Jahr 2012. Davon wird auf 84 Kilometern Mischwasser transportiert. Auf verrohrte Bachkanäle entfallen 8,1 Kilometer und auf reine Regenwasserkanäle nur 2,2 Kilometer. Innerhalb der Gemeinde Alfter gibt es 16 Regenrückhalteräume, aber keine Kläranlage. Die Abwässer werden zur den Kläranlagen Bonn-Duisdorf und Bonn-Salierweg geleitet. Die Schmutzwassermenge belief sich im Jahr 2012 auf rund 950.000 Kubikmeter.