Serie zum Ortsjubiläum

Das Schloss in Alfter hatte berühmte Gäste

Alfter. 950 Jahre Alfter-Ort: Auf den Resten einer Burg entstand 1721 das Schloss, das sich mittlerweile im Besitz von Simeon Reichsgraf Wolff Metternich zur Gracht befindet. Auch Publizist Roger Willemsen verbrachte dort einen Teil seiner Kindheit.

Es ist das Wahrzeichen Alfters und allen seinen Einwohnern präsent: das Schloss Alfter. Leicht erhöht steht es auf einem Hügel über dem Herrenwingert. Das heutige Gebäude mit seiner schnörkellosen, symmetrischen Fassade wurde im Jahr 1721 auf den Resten einer Vorgängerburg erbaut.

„Im Keller sieht man noch Überbleibsel von romanischen Bögen“, sagt Luise Wiechert, die das Schloss und die Ländereien für den Besitzer Simeon Reichsgraf Wolff Metternich zur Gracht verwaltet. Die Vorgängerburg sei 1468 im Kampf mit Ruprecht von der Pfalz zerstört worden. Die Fassade des heutigen Schlosses erscheint auf Bildern aus dem 18. Jahrhundert weiß, heute ist das Schloss in einem gedeckten Gelb gehalten.

Fürstliche Familie in Alfter bekannt

Tritt man durch das große Eingangstor, liegt linker Hand das Wirtschaftsgebäude, das im Laufe der Jahrhunderte stark verändert wurde. Mittlerweile beherbergt es den Waldorfkindergarten „Sonnenblume“, der auch einen Teil des Schlossparks benutzt. Das Schloss selbst diente bis Ende 2016 ein Jahr lang als Notunterkunft des Landes NRW für Flüchtlinge und steht momentan leer.

Im Erdgeschoss des Haupthauses liegen die Räume, die die letzte Fürstenfamilie zur Repräsentation nutzte. So der große Saal mit dem Kamin aus dem 18. Jahrhundert, auch als „Prunkraum“ bezeichnet, in dem der Fürst Franz Josef Altgraf zu Salm-Reifferscheidt-Krautheim und Dyck Gäste empfing. Ihm und seiner Familie diente die Burg 1930 bis 1961 als Sitz, viele Alfterer erinnern sich noch an die fürstliche Familie.

Wollte seine Frau, Fürstin Cecilie, Gäste in privater Atmosphäre empfangen, nutzte sie den Damensalon. Bis in die 90er Jahre verfügte das Schloss auch über eine Bibliothek mit hochwertigen antiquarischen Büchern, die aber aufgelöst wurde.

Im ersten Stock lag das Büro des Fürsten mit Vorzimmer, im zweiten Stock waren die Privaträume: zwei Schlafzimmer, Ankleidezimmer und Bäder. Wie der Kamin im Erdgeschoss sind auch die Landschafts- und Städtebilder im Flur des ersten Stocks original aus dem 18. Jahrhundert. Der wallonische Maler Renier Roidkin (1684-1741) hat dort kleinformatige Bilder mit Fantasielandschaften gestaltet. „Roidkin war im Rheinland der Haus- und Hofmaler des Adels“, weiß Wiechert. Eine italienisch anmutende Hafenlandschaft ist genauso zu sehen wie ein Hof mit einem Reiter im Vordergrund, der in Flandern liegen könnte.

Im Keller sind noch Überbleibsel romanischer Bögen zu erkennen

Zehn Schlafzimmer für die wichtigeren Bediensteten wie die Beschließerin und die Gesellschafterin der Fürstin sowie Kinder des Fürstenpaares sind im dritten Stock angesiedelt. Von hier eröffnet sich ein weiter Blick nicht nur auf den verwunschenen, eineinhalb Hektar großen Schlosspark, sondern auch bis in den Westerwald.

Zum 950-jährigen Jubiläum Alfters hat das Haus der Alfterer Geschichte (HdAG) eine Ausstellung zu „Schloss Alfter und seine Herren“ gestaltet, die zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 10. September, eröffnet wird. Bei der Eröffnung ist dann auch Ritter Hermann von Alfter alias Geschichtspädagoge Kai-Ingo Weule anwesend, der die historische Urkunde aus dem Jahr 1067 verliest, in der Alfter erstmals erwähnt wurde. Das Museumsteam hat die Stammbäume der Fürstenfamilie aufbereitet und stellt die Geschichte des Schlosses dar.

„Zur jüngsten Geschichte haben wir Primärforschung betrieben“, sagt Robin Huth vom Haus der Alfterer Geschichte. Aus der Zeit zwischen 1933 bis 1960 gibt es noch Zeitzeugen, die Fotos, Geschichten und Anekdoten über die Fürstenfamilie beisteuern konnten. Die meisten der Fotos hat Stephan Mausberg zur Verfügung gestellt, ein Enkel des Chauffeurs der Familie. Lebendige Erinnerungen an die Familie steuerten Paula Mausberg (91), die Tochter des Chauffeurs, sowie Elisabeth Böttges und Maria Rieck bei, die mit Kindern der Familie befreundet waren.

Schwimmbad lockte die Dorfkinder

„Was gezeigt wird, ist nicht große Weltgeschichte, sondern Alltagsdinge“, so Huth. Zum Beispiel die Anekdote zur Anziehungskraft des Swimmingpools im Schlosspark. Als zwei Kinder aus dem Dorf unerlaubt dort geschwommen waren, gab es kein großes Donnerwetter von Fürst Franz Josef. Stattdessen nahm er kurzerhand die Kleidung an sich, die die beiden am Beckenrand zurückgelassen hatten. Sprich: Sie mussten ohne Kleidung nach Hause laufen und einen Termin beim Fürsten machen. „Später wurde nie wieder ein Dorfkind dort entdeckt“, berichtet Huth.

Ein prominenter Zeitzeuge war auch der Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen (1955-2016), der einen Teil seiner Kindheit in dem Gebäude verbrachte, das heute als Kindergarten dient. In einem Interview nach einem Sinn-bild seiner Kindheit gefragt, beschreibt er das Leben dort als „ein letztes Aufatmen der höfischen Welt“. Sein Vater war Maler, die Familie hatte wenig Geld. Eines Tages war Roger Willemsen im Regen zum Schloss gelaufen. „Das Fenster im Schloss öffnete sich, die Fürstin reckte ihren speckigen Arm heraus und reichte mir eine Orange. Der Regen war das Medium der Euphorie, der Entgrenzung, der atemlos machenden Frische, dazu der Siegeslohn der leuchtenden Frucht. Ich habe diesen Moment nie vergessen.“