Wohnen und Leben

Architekt Stahl fordert flexiblere Wohnungen

BORNHEIM-ALFTER. Wie kann Bauen für die Zukunft aussehen? Im Interview spricht Architekt Benedikt Stahl, Professor an der Alanus Hochschule in Alfter, über Themen und Ideen, die auch seine Studierenden beschäftigen.

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Architekten haben bereits futuristische Siedlungen entworfen, in denen vom Verkehr über Energieversorgung bis zur Gemüseproduktion alles perfekt geregelt sind. Weil hierzulande aber keine neuen Megacitys aus dem Boden gestampft werden, orientiert sich Zukunft immer an dem, was schon da ist. Benedikt Stahl regt die angehenden Architekten der Alanus Hochschule in Alfter an, genau hinzuschauen und von alten Meistern zu lernen.

Was brauchen Architekten, um für die Aufgaben von Morgen gerüstet zu sein?

Benedikt Stahl: Ich glaube, sie brauchen ganz viel von dem, was sie immer brauchten. Es gibt menschliche Grundbedürfnisse, die sich nicht ändern.

Was sind das für Grundbedürfnisse?

Stahl: Zum Beispiel das Grundbedürfnis, in bestimmten Momenten alleine zu sein und sich aus der Betriebsamkeit der Welt zurückzuziehen, ebenso auch das Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Die Frage ist: Wo sind die Räume dafür? Wenn wir über Wohnen reden, also über Architektur, dann reden wir grundsätzlich über zwei verschiedene Maßstäbe. Der eine Maßstab ist der Maßstab 1 : 1, also Sie, ich, wir alle mit unseren Empfindungen, Bedürfnissen und allen Sinnen. Hier an der Alanus Hochschule beginnt das Architekturstudium damit, dass die Studierenden Wahrnehmungsübungen machen, sich lebensgroß zeichnen und ein eigenes Kleid schneidern, um erst mal mit sich selbst den Menschen im Mittelpunkt der Arbeit zu sehen.

Warum ist das wichtig?

Stahl: Vor allem in einer Zeit zunehmender Digitalisierung darf das eigene, sinnlich wahrnehmbare Erlebnis nicht verloren gehen, auch für das, was wir planen. Der zweite Maßstab, über den wir reden, ist der Blick mit Abstand, sozusagen der von oben, auf die Zusammenhänge der gebauten Struktur einer Stadt und damit auch der einer Gesellschaft. Beide Maßstäbe – die Wahrnehmung von innen heraus und der Blick von außen – , müssen sich sinnvoll ergänzen wenn man Konzepte für das Wohnen erfinden will.

Die Gesellschaft hat sich ja schon stark verändert. Es gibt immer mehr Ein-Personen-Haushalte und man geht davon aus, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt. Ist das klassische Reihenhaus für die Familie mit zwei Kindern noch ein zukunftstaugliches Modell?

Stahl: Ich würde sagen, es ist ein Wohnmodell von vielen, ebenso wie das sogenannte frei stehende Einfamilienhaus. Das wird es auch in Zukunft geben. Wir müssen uns aber fragen: Wie sinnvoll ist so etwas und was haben wir als Gemeinschaft davon, mit solchen Ideen viel Fläche zu verbrauchen? Ich persönlich sehe das klassische Einfamilienhaus eher kritisch, es ist außerdem ein ziemlich unflexibles Modell. Wenn die Kinder ausziehen, ist das Haus zu groß. Man teilt es aber auch nicht mit anderen Menschen, weil es dann wieder zu intim, zu privat wäre. Ich denke es lohnt sich, hier die Zeichen der Zeit zu erkennen. Zum Beispiel gibt es mehr und mehr Patchwork-Familien oder Wohngemeinschaften, die es erfordern, alternative Wohnformen zu entwerfen. Außerdem lohnt es sich über das Teilen nachzudenken. Das fängt beim Auto an und geht bis hin zu Haushaltsgeräten. Warum muss eigentlich jeder alles haben? Teilen ist außerdem sehr kommunikativ!

Und sollen sich die Leute künftig treffen und austauschen? Es müsste doch auch darum gehen, Räume im Quartier multifunktional zu nutzen, zum Beispiel wenn sich die Altersstruktur in der Nachbarschaft ändert.

Stahl: Richtig. Ich würde Wohnen niemals nur auf die Wohnung an sich reduzieren, sondern immer im Zusammenhang mit der Umgebung sehen. Ein Beispiel: Zwei unserer Absolventen haben vor kurzem ein Konzept für die Umnutzung des Bonner Frankenbads entwickelt. Gemeinsam haben wir viel darüber diskutiert, was es für das Viertel bedeuten könnte, wenn es nicht mehr als Schwimmbad genutzt würde. Sinnvoll wäre ein Quartierszentrum, das von den Anwohnern und denen bespielt wird, die ein lebendiges Miteinander gestalten wollen. Paten dieser Idee sind die von der Montags-Stiftung initiierten „Immovielien“. Hier steht die Idee im Mittelpunkt, dass jeder sich mit einbringt und „Viertelstunden“ investiert. Wer zum Beispiel günstige 100 Quadratmeter nutzen und mieten will, bringt dafür pro Jahr 100 Stunden in das „Viertel“ und damit für die Gemeinschaft ein. Ein lebendiges Quartier ist die beste Voraussetzung für attraktives Wohnen.

Gibt es genug Flächen für solche Projekte, vor allem angesichts der teuren Grundstücke in den Städten? Und muss die Politik mehr Anreize schaffen?

Stahl: Da gibt es natürlich ganz viel zu fragen und zu tun. Investoren bauen meistens vor allem das, was sich gut vermarkten lässt. Um einen Mehrwert für die Gemeinschaft zu bekommen, müssen aber vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit man auch alternative Modelle planen kann, die nicht nur die Rendite als Ziel verfolgen. Ich sehe in der Praxis aber auch noch ein anderes Problem, das ist der Lobbyismus, der polarisiert und von Interessenverbänden ausgeht. Jeder denkt da für sich, die Fahrradfahrer, die Autofahrer, die Verfechter von Barrierefreiheit, usw. Was fehlt, ist mehr gegenseitiges Zuhören und gemeinsames Abwägen, um damit zu möglichst ökonomisch und ökologisch sinnvollen Lösungen zu kommen. Das braucht viel Offenheit und neue Denkansätze.

Was gäbe es für eine Lösung?

Stahl: Nicht eine Lösung aber viele Ideen! Die Studierenden sagen dann zum Beispiel, lasst uns ein Haus planen, das nicht nur 1,5 Meter breite Flure, sondern einen 4 Meter breiten „Flur“ hat, den sich alle Anwohner dann als gemeinsamen Wohnraum teilen. Dafür die individuellen Rückzugsräume vielleicht kleiner. Wenn dann so eine Idee im Raum ist, wird die Phantasie zum Weiterdenken angeregt.

Die Städte sind schon ziemlich zugebaut. Welche Rolle spielen alte Gebäude, wenn man über das Wohnen von morgen nachdenkt?

Stahl: : Alte Gebäude sind grundsätzlich zunächst einmal gute bestehende Ressourcen. Mein Kollege Swen Geiss hat zum Beispiel neulich gemeinsam mit Studierenden tolle Konzepte für das ehemalige Rathaus in Bad Godesberg erarbeitet. Da sind sehr interessante Nutzungsideen und Grundrisslösungen rausgekommen, die zeigen, wie wertvoll ein scheinbar unbrauchbar gewordener Bestand sein kann. Alleine schon der Abriss leer stehenden Gebäude und deren Entsorgung kostet wahnsinnig viel Energie. Wir sollten da viel langsamer sein, genauer hinsehen und auch mal unkonventionelle Nutzungsideen entwickeln, bevor wir abreißen. Das sind Themen, die die Architekten in Zukunft viel mehr beschäftigen werden.

Ressourcen sind ein Stichwort. Die Frage, wie man nachhaltig baut. In welche Richtung denkt man da heute?

Stahl: Der optimierte Umgang mit Ressourcen ist eigentlich immer schon wichtig gewesen. Dabei geht es aber bei weitem nicht nur um Haustechnik, von Photovoltaik über Solarzellen bis hin zur Dämmung. Es spielen auch andere Dinge eine Rolle, zum Beispiel bestehende Strukturen zu nutzen und gesunde Materialien zu verwenden. Möglichst kein Gift zu verbauen ist schwieriger, als man denkt. Die Wertigkeit von Architektur macht sich aber nicht nur am Material fest, sondern auch an der Schönheit eines Hauses. Schöne Häuser leben länger. Das ist auch ein Nachhaltigkeitsfaktor. Man kann den zwar nicht in Zahlen messen, aber daran zu arbeiten und das mit einzubeziehen, lohnt sich allemal.

Wenn man sich heute umschaut, könnte man denken, der weiße Würfel und die durchgängige Glasfassade sind die Schönheitsideale. Wie kann man dafür sorgen, dass etwas langfristig als schön empfunden wird?

Stahl: Dafür würde ich immer wieder in der Baugeschichte anfangen und empfehlen, von Baumeistern zu lernen, die Architektur als Baukunst begreifen. Wenn man außerdem ein Gebäude als Stück der gemeinsamen Stadt begreift, dann reden wir über einen anderen Schönheitsbegriff, als wenn wir nur über schöne Fassaden reden. Es geht um die Schönheit des Zusammenwirkens und der Erlebnisqualität von Architektur.

Das Klima verändert sich. Es wäre in der Stadt sehr wirkungsvoll, alle verfügbaren Dächer zu begrünen. Müssen Architekten umdenken?

Stahl: Grün ist immer gut, aber damit alleine ist es noch nicht getan. Das wirkliche Einbeziehen dieses großen Themas ist absolut notwendig. Vor allem die junge Generation ist zu Recht zunehmend sauer darüber, wie man mit Natur, mit der Stadt, mit Gesellschaft und mit unseren Ressourcen und Räumen umgeht. Sie will etwas anderes, das spürt man vor allem auch in der Zusammenarbeit mit den Studierenden. Im aktuellen Jahresheft unserer Studienarbeiten gibt es viele Projekte, die das Wohnen betreffen, zum Beispiel mit neuen Lebensmodellen oder mit Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen. Es gibt auch klassische Themen wie die Frage, wie man mit bestehenden, zum Teil ganz schmalen Baulücken umgeht oder wie es, am Beispiel einer kleinen Pilgerherberge in der Nachbarschaft zur Bruder Klaus Kapelle in Mechernich gelingen könnte, unter einfachsten Bedingungen zu leben.

In Zeitschriften sieht man oft „Tiny Houses“ mit Mini-Wohnungen. Werden wir künftig auf acht bis zehn Quadratmetern mit Rädern drunter wohnen?

Stahl: Das ist eine individuelle und lustige Lösung. Wir machen gerade mit Studenten Entwürfe zum Thema Leerstand. Eine Gruppe hat die Idee, Tiny Houses in einer leerstehenden alten Fabrikhalle aufzustellen und das Drumherum als Gemeinschaftsraum zu nutzen. Warum nicht? Wir suchen ja händeringend Wohnungen, die außerdem auch noch bezahlbar sind, da kann so etwas vielleicht sogar tatsächlich weiterbringen.

Könnte flexible Containerbauten auch eine Lösung sein?

Stahl: Wohnen und Container, das passt nicht zusammen. Der Container hat eine eiserne Wand, die komplett dicht ist und sich zunächst einmal nicht für ein gesundes Wohnklima eignet. Man muss mit bauphysikalischen und konstruktiven Tricks arbeiten, die so aufwendig sind, dass man lieber gleich ein konventionelles Haus aus Stein, Beton oder Holz bauen sollte.

Wie wichtig ist künftig der Wettbewerb der besten Ideen?

Stahl: Beste Ideen sind immer wichtig! Aber wer bestimmt, was das heißt? In unserer Ausbildung spielt wirkliche Beteiligungskultur eine große Rolle. Die späteren Nutzer der Räume, ganz gleich ob als Frei- oder als Innenräume, müssen wirklich beteiligt und ernst genommen werden. Da dürfen auch die Architekten noch viel dazu lernen, vor allem, indem sie richtig zuhören.