Gedanken zum Osterfest

Alfterer Pfarrer Rainald Ollig spricht über Ostern

Pfarrer Rainald Ollig vor der Alfterer Kirche St. Matthäus.

Pfarrer Rainald Ollig vor der Alfterer Kirche St. Matthäus.

Alfter. Kann man angesichts von Not und Tod Ostern feiern? Die Antwort darauf gibt Rainald Ollig, Pfarrer aus Alfter, in seinem Gastbeitrag "Ostern ist kein Märchen von der heilen Welt".

Wir feiern Ostern, und wir tun es mit aller Festlichkeit. Aber wir tun es zugleich mit beklommenem Herzen, weil uns die Schreckensszenarien unserer Zeit wie Kriege mit unvorstellbarer Brutalität, Entführungen und Vertreibung nicht aus dem Sinn gehen. Wie kann man angesichts von so viel Not und Tod Ostern feiern?

Wenn wir die Leidensgeschichten so vieler Menschen in unserer Welt mit offenen Augen wahrnehmen, müssen wir dann nicht sagen: Die Welt ist am Karsamstag stehen geblieben?

Freilich wissen wir: Wenn wir warten sollten, bis wirklich „in aller Welt Freud und Fried“ ist, dann hätte die Christenheit nie Ostern feiern können.

Wenn wir im Blick auf Hass und Gewalt aufhören, Ostern zu feiern, dann spielen wir erst recht dem Tod in die Hände. Dann würden wir denen auch noch Recht geben, die ihre Geschäfte betreiben, die uns weismachen wollen, dass dieses Leben alles ist und dass es deshalb darauf ankommt, so viel wie möglich aus diesem „bisschen Leben“ herauszuschlagen.

Ostern feiern heißt: den Glauben hochhalten, dass dieses Leben mehr ist als ein Konsumartikel mit Verfallsdatum, dass unser Leben auf Zukunft angelegt ist, auf eine große Zukunft bei Gott!

Ostern feiern heißt: den Glauben hochhalten, dass es eine größere Gerechtigkeit gibt, dass Versöhnung weiter trägt als Rache, ja dass es einzig die Liebe ist, die bleibt, auch durch den Tod hindurch. „Er geht euch voraus nach Galiläa – dort werdet ihr ihn sehen!“, heißt es im Evangelium.

Das ist nicht bloß eine geografische Nebensächlichkeit. Es ist ein Hinweis, wo Ostern jetzt und heute „greift“. Man findet Christus nicht im Grab; man begegnet ihm auch nicht in einer sensationellen Himmelserscheinung.

Nach Galiläa, also dort, wo die Jünger herkommen, wo sie gelebt und gearbeitet haben – dorthin „geht er ihnen voraus“.

Nach Galiläa geht er euch voraus – in euren Alltag also: dorthin, wo eure Familien, eure Nächsten, eure Arbeit auf euch warten; wo ihr euch streitet und versöhnt, wo man keine großen Sprünge macht, sondern auf dem Teppich bleibt; wo es gilt, in Geduld das jetzt Mögliche zu tun – an Schreibtischen, Küchentischen oder Verhandlungstischen.

Wo man sich durch Enttäuschungen nicht entmutigen lässt und in einer vielleicht undankbaren Aufgabe ausharrt. Wo man nicht bloß sein Pensum durchzieht, sondern entdeckt, wie kostbar die Zeit ist, die man einem anderen geschenkt hat. Wo man die alltäglichen treuen Dienste eines Menschen nicht selbstverständlich nimmt. Wo man auch dem weniger Interessanten und Attraktiven Beachtung schenkt.

Wo man von Konkurrenz- und Rachedenken frei wird: Da hat Ostern mitten im Leben schon Fuß gefasst. Zugegeben: Das ist nur ein unscheinbarer Anfang. Den letzten Beweis, dass die Liebe siegt, dass wir durch den Tod der endgültigen Auferstehung entgegengehen, dass nichts umsonst gelitten und gegeben ist, können wir nicht antreten. Wir bauen auf den Glauben so vieler Menschen vor uns, die mit diesem Glauben leben und sterben konnten, und auf das Glaubenszeugnis der Kirche durch die Jahrhunderte und können schließlich nur sagen, wie wir es oft mit einem scheinbar nebensächlichen Wort tun: Wir werden sehen!

In dem Alltag, aus dem wir kommen, wo wir hingestellt sind – dort will der Auferstandene uns begegnen. Dort soll Ostern Fuß fassen.

Ostern ist also kein Märchen von einer heilen Welt, kein leichtfertiges Überspielen des Todes. Aber es ist der Anfang einer Verwandlung, die dort beginnt, wo Menschen dem Christus nachgehen in den Alltag ihres Lebens hinein.

Rainald Ollig (68) ist Pfarrer in der katholischen Pfarreiengemeinschaft Alfter.