Schmuggel-Briefe aus dem Gefängnis

Note "sehr gut" gleich nach dem Verbrechen

BONN/RHEINBACH.  Als die dritte Ehefrau des Angeklagten am zweiten Verhandlungstag im Zeugenstand plötzlich einen Brief ihres Mannes aus dem Gefängnis aus der Tasche zog, war das Schwurgericht völlig überrascht. Denn das bedeutete: Der 57-Jährige hatte den Brief an der Postkontrolle vorbei aus der U-Haft geschmuggelt.
Die erste Seite eines zweiseitigen Briefes, den der Angeklagte aus dem Gefängnis in Köln-Ossendorf schmuggelte. Foto: Privat

Es war nicht das einzige Schreiben. Wie viele Briefe er insgesamt ohne Wissen des für die Kontrolle zuständigen Schwurgerichts aus dem Gefängnis schaffte, ist unklar. Fest steht nur: Auch einem Rheinbacher Freund schrieb er zwei Briefe. Der zweite liegt nun dem General-Anzeiger vor.

Auch in diesem Brief, den er sechs Wochen nach seiner Verhaftung verfasste, ist von Bedauern und Reue über das, was er Trudel Ulmen und auch deren Familie antat, keine Spur zu finden. Vielmehr beschreibt er darin vor allem sein persönliches Befinden im Gefängnisalltag und beklagt sein Schicksal. Bereits im ersten Brief an diesen ehemals engen Freund hatte er sich über die "Asis" beschwert, mit denen er es zu tun habe.

Nun moniert er: "Totale Langeweile ist angesagt, noch nicht einmal einen Fernseher habe ich, nur ein kleines Radio mit einem Sender drauf." Und auch das Essen sei eintönig. Aber er bringt auch zum Ausdruck, dass er auf baldige Besserung hofft. Denn, so schreibt er: "Die Staatsanwaltschaft Bonn und die Psychologen hier haben mir in Aussicht gestellt, nach dem Urteil im Sommer in den Offenen Vollzug zu gehen."

Und das wäre dann sicher schon ein Vier-Sterne-Hotel "gegenüber dem Klingelpütz". Aber immerhin, so schreibt er weiter, sei er auch schon mal auf einem "Anstaltstinternen Rockkonzert" gewesen, und drei Mal in der Kirche. Und bei einer Veranstaltung des Sozialdienstes Katholischer Männer habe es leckeres Essen gegeben. Auch Tischtennis spiele er inzwischen abends öfter, "was echt Spaß macht, und da bin ich auch schon richtig gut geworden".

Und dann will der Angeklagte wissen: "Wie geht es den von mir so stark geschockten Freunden?" Schließlich gibt er dem Freund die Anweisung: "Halte bitte meinen Autokredit zahlenmäßig auf. Das regeln wir, wenn ich wieder draußen bin." Im Zeugenstand hatte dieser Freund sein Entsetzen über das Verhalten des Angeklagten zum Ausdruck gebracht.

Sowohl über die Tat, die er dem 57-Jährigen niemals zugetraut hätte, und die langen Jahre der Täuschung als auch über die jetzige Haltung des Angeklagten, die durch seine Briefe deutlich würde. Der Zeuge hatte klar gemacht, dass er mit dem Angeklagten nichts mehr zu tun haben wolle. In seinem Brief lässt der Angeklagte den Empfänger aber auch an seinen Freuden hinter Gittern teilhaben und schreibt, dass er gleich eine Freistunden habe und bei "bombenwarmen Wetter" nun eine Stunde auf den Innenhof dürfe.

Dort gebe es auch einen kleinen Ententeich mit zehn kleinen, frisch geborenen Entchen: "Das einzig Schöne und Süße am Knast." Über den ersten Brief, den er vom Angeklagten erhalten hatte, sagte der Freund als Zeuge: Das Schreiben zeige, dass der Angeklagte nichts verstanden habe.

Der nun vorliegende Brief macht noch etwas anderes sehr deutlich: Es ist kaum noch zu sagen, was bei dem Angeklagten Wahrheit und was Lüge ist. Denn während er vor Gericht erklärte, er habe die Briefe mit Hilfe von Mithäftlingen aus dem Gefängnis geschmuggelt, behauptet er in diesem Brief nun, sein Anwalt nehme sie mit raus. Und weiß genau, wie er mitteilt: "Die Briefe, die ich im Moment alle schreibe, sind illegal." Das Schreiben endet mit: "Schluss der Worte. Grüße alle, die mich etwas näher kennen."

Wie sehr der Angeklagte um sich selbst kreist, wurde bereits am ersten Verhandlungstag deutlich, als er sich darüber beklagte, dass er nur zwei Tage nach der Tötung seiner Frau Trudel seine letzte Prüfung als Physiotherapeut ablegen musste - und nicht so gut abgeschnitten habe, wie er eigentlich gekonnt hätte. Nur wenige Minuten zuvor hatte er weinend erklärt, wie ihn Trudels "offene leere Augen" seit 16 Jahren verfolgten.

Doch auch diese Geschichte entlarvte das Gericht als unwahr: Wie Richter Josef Janßen ihm anhand der entsprechenden Unterlagen nachwies, war es gerade diese letzte mündliche Prüfung zwei Tage nach der Tat, bei der der Angeklagte am besten von allen Prüfungen abgeschnitten hatte: mit "sehr gut". Doch auch auf diese Vorhaltung reagierte der Angeklagte nicht.

Und noch etwas kam am Donnerstag heraus: Eine Freundin der getöteten Trudel Ulmen berichtete dem GA, dass ihre Schwester in Kanada vergangene Woche völlig geschockt gewesen sei, als sie an ihrem Computer saß und über den Anbieter Skype die Aufforderung eines gewissen Hawa in Verbindung mit dem Wort Justiz in der Adresse erhalten habe, mit ihm zu plaudern. Hawa ist in Rheinbach der bekannte Kosename des Angeklagten. Die Schwester habe das Angebot von Hawa entsetzt weggedrückt. Wenn es der Angeklagte war, stellt sich auch hier die Frage: Wie erhielt er in der Haft so einfach Zugang zum Internet?

Weitere Informationen zu Trudel Ulmen finden Sie im GA-Spezial.

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Der Fall Trudel Ulmen