Friedrich-Wilhelms-Hütte

Schwarze Kolonie feiert 100. Geburtstag

TROISDORF. Wer glaubt, Facharbeitermangel sei nur ein aktuelles Problem, der irrt. Ein ganzer Troisdorfer Stadtteil verdankt dem Mangel an geeigneten Arbeitern seine Existenz - und feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. 1912 wurden die ersten Häuser der "Schwarzen Kolonie" bezogen. Die südlichste geschlossene Arbeitersiedlung Nordrhein-Westfalens bildet heute den Kern des Troisdorfer Stadtteils Friedrich-Wilhelms-Hütte mit seinen rund 7500 Einwohnern.

Als der Kölner Industrielle Louis Mannstaedt 1911 das marode und wiederholt von der Pleite bedrohte Stahlwerk Friedrich-Wilhelms-Hütte übernahm, fehlte es vor allem an geeigneten Industriearbeitern. Die wenigen, die es gab, verdienten ihren Lohn bei der Rheinisch-Westfälischen Geschossfabrik, der späteren Dynamit Nobel. Mannstaedt verlegte kurzerhand sein Walzwerk von Köln-Kalk ins Troisdorfer Werk, um nach dem Umbau mit einer größeren Zahl von Arbeitern die Produktion aufzunehmen.

Seine rund 3000 Kalker Mitarbeiter nahm Mannstaedt mit. Für die aber musste Wohnraum geschaffen werden. Für Meister und einfache Arbeiter entstanden ab 1912 die Schwarze und die Rote Kolonie - benannt nach der Farbe der Dachziegel. Für Ingenieure und Direktoren wurde das Kasinoviertel errichtet.

An die Geschichte der Schwarzen Kolonie erinnert zum 100. Geburtstag Band 18 der Schriftenreihe des Heimat- und Geschichtsvereins Troisdorf. Der Band heißt "100 Johr op der Hött - 1912 - 2012: Von der Schwarzen Kolonie zum Troisdorfer Stadtteil". Das Heft ist ausgestattet mit zahllosen historischen Fotos und Dokumenten, rollt die Geschichte auf, berichtet über Stahlwerk und Menschen, stellt Originale, Vereine, Kirchen- und Schulgeschichte vor. Zusammengetragen haben Texte und Dokumente Ortsvorsteher Heinz Fischer, Stefanie und Uwe Göllner, Horst Grundmann und Thomas Ley, Vorsitzender des Geschichtsvereins.

Ob Diesel-, Siemens- oder Kruppstraße - die Namen der Schwarzen Kolonie klingen nach Stahl, Schweiß und rauchenden Schloten. Die Siedlung selbst ist ein Stück Industriegeschichte Troisdorfs. Denn das Stahlwerk bestimmte von Anfang an das Leben der Höttener, wie sich die Einwohner noch heute nennen.

Nachdem Fabrikant Louis Mannstaedt seine Fabrik von Köln-Kalk an die Sieg verlegt hatte, baute er die Stahlhütte aus und erschuf eine Fabrik mit acht Walzstraßen. 3000 Arbeiter und Angestellte arbeiteten bereits Ende 1913 dort. Knapp 80 Häuser entstanden zwischen 1911 und 1912, die für damalige Verhältnisse recht komfortabel waren. Später kamen weitere 50 Häuser dazu. Sechs verschiedene Häusertypen entwarf Architekt Eugen Fabricius damals, um der Siedlung von Anfang an den Reißbrett-Charakter zu nehmen.

Zur Grundausstattung gehörten Toiletten mit Wasserspülung und ein Kachelofen - ein Luxus im Vergleich zu den damaligen Arbeitersiedlungen in den Großstädten. Gelebt wurde auf 50 bis 90 Quadratmetern. Wohnküche und WC befanden sich im Erdgeschoss, die Schlafzimmer darüber.

Die verwinkelten Fassaden der Häuser sind unterschiedlich gestaltet. Nur in einem Detail gleichen sich die schmucken Häuschen von je her: in der Farbe der Dächer. Da sämtliche Häuser mit schwarzen Dachziegeln versehen waren, fand der Volksmund schnell einen Namen für die Siedlung: Schwarze Kolonie. Im Gegensatz zur Roten Kolonie, dem Viertel der Meister und Vorarbeiter in Troisdorf-West. Dort sind die Dachziegel nämlich rot.

"Die Rote Kolonie entstand aber erst nach der Schwarzen", sagt Troisdorfer Ex-Bürgermeister Uwe Göllner, dessen Geburtshaus am Windgassenplatz steht. "Ich habe von 1945 bis 1961 hier gewohnt", erzählt er.

1977 bot Mannstaedt die Arbeiterhäuser zum Verkauf an. Die Mieter hatten Vorkaufsrecht. Rund 50 000 Mark kosteten damals die Immobilien. Einige Bewohner griffen sofort zu, andere zogen weg. Junge Familien übernahmen die Häuser. Seit 1981 steht die komplette Schwarze Kolonie unter Denkmalschutz.

Das Buch, für dessen Gestaltung Dominique Müller-Grote verantwortlich zeichnet, berichtet auch über fast vergessene Besonderheiten, die zeigen, wie eng die Menschen der Schwarzen Kolonie mit dem Werk verbunden waren. Ein Foto aus dem Jahr 1941 zeigt etliche Frauen vor einem hölzernen Wagen. Täglich um etwa zwanzig vor Zwölf versammelten sich die Frauen auf dem Windgassenplatz vor dem Karren. "Das war der sogenannte Essenswagen. Dort deponierten die Frauen in nummerierten Fächern die Henkelmänner mit dem Mittagessen für ihre Männer und Söhne. Der Wagen brachte das Essen dann direkt ins Werk. So wurden die Männer pünktlich zur Mittagspause um zwölf Uhr mit der leckeren Hausmannkost von daheim versorgt", berichtet Stefanie Göllner.

Der Bildband "100 Johr op de Hött" ist für 9,50 Euro beim Heimat- und Geschichtsverein Troisdorf, thomas.ley@geschichtsverein-troisdorf.de, zu haben.