Neues Schulungszentrum in Troisdorf-Bergheim

Retter und Dienstleister in großer Höhe

Troisdorf. Ein Kanalbauer ist in einen Schacht gefallen. Oder: Ein Mitarbeiter für Telekommunikationstechnik schafft es nicht mehr, von dem hohen Mast runterzuklettern – beides dramatische Situationen, in denen nur Spezialisten helfen können. Für sie gibt es in Troisdorf-Bergheim ein neues Schulungszentrum.

Toni Harbig (29), Geschäftsführer der Industriekletterer Bonn, eröffnete am Samstag sein Schulungszentrum in Troisdorf-Bergheim. „Hier können wir so ziemlich alles simulieren, was man in der Industrie braucht, um in der Höhe arbeiten zu können“, erklärt Harbig.

Er ist gelernter Metallbauer und auch seine neun Mitarbeiter haben alle zunächst ganz normale Handwerksberufe erlernt. So gibt es Dachdecker, Karosseriebauer oder Desinfektoren im Team Harbigs. Sie alle haben jedoch eine Fortbildung zum Höhenarbeiter durchlaufen.

So auch Sven Eimermacher. Der 29-Jährige wurde mit den Grundzügen der Klettertechnik bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rheinbreitbach vertraut. „Das hat mich sofort begeistert, und ich wollte es gerne beruflich machen“, beschreibt er seinen Weg zum Industriekletterer. „Immer dann, wenn es schwierig wird und die Firmen an ihre Grenzen stoßen, werden wir angerufen“, sagt Harbig, der in Swisttal lebt und es schon zum Aufsichtsführenden Höhenarbeiter gebracht hat. Kesselreinigungen, Montage und Bau von Hochhäusern sowie das Anschrauben der Antennen an die Mobilfunkmasten. All das zählt zum Alltag der Höhenarbeiter.

Harbig sieht seine Firma als Dienstleister für die Industrie. Die Schulung anderer, die ebenfalls klettern müssen bei der Ausübung des Berufs, kam später hinzu. Sein neues Schulungszentrum ist besonders, glaubt Harbig und verweist auf die vielen Möglichkeiten, auf der rund 1000 Quadratmeter großen Fläche Situationen aus der Praxis zu üben.

Da gibt es einen zehn Meter hohen Gittermast, der die Blicke der Gäste gleich im Eingangsbereich in den Himmel lenkte. In der großen Halle, ist eine Kanalsimulationsanlage aufgebaut und wird kameraüberwacht. Außerdem gibt es einen komplexen Kletterparcours mit unzähligen Sicherungsmöglichkeiten. Besonders stolz ist Harbig auf die Seilbahn, die er an einem Drahtseil in der Halle installiert hat. Perfekt zum Üben und zur selbstständigen Ausbildung von Seilbahnrettern, freut er sich.

Zum Investitionsvolumen verrät Harbig nur, dass es siebenstellig war. Die Standardkurse für Höhenarbeiter werden in regelmäßigen Abständen abgehalten. Zu den Kunden der Industriekletterer zählen neben Dachdeckern, Gerüstbauern und Mastarbeitern auch die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei. Höhenretter wird man nach einem 14-tägigen Kursus; der Standardkursus für Höhenarbeiter dauert in der Regel drei Tage.

Harbig hat seine Mitarbeiter hier selbst ausgebildet und ist stolz, dass sie zu einem guten Team zusammengewachsen sind, was ja auch besonders wichtig sei. „Wir verstehen uns gut und gehen auch nach der Arbeit gemeinsam zum Sport oder auf ein Bier“, meint er. Grundsätzlich sei die Arbeit der Industriekletterer anspruchsvoll, vielfältig und man benötige Durchhaltevermögen. „Es ist daher nicht ganz einfach, immer geeignete Leute zu finden“, sagt der Chef. An einem Tag sei man im Kessel zur Reinigung, am nächsten Tag führe man Beratungsgespräche in einer Großbäckerei und am dritten Tag müsse man im Chemiepark Wandstärkemessungen vornehmen, skizziert Harbig die vielen unterschiedlichen Aufgaben. Dass einer der Kletterer hinabstürzen könnte, schließt er kategorisch aus. „Wenn wir abstürzen, muss schon das ganze Haus mit uns einstürzen“, ist er sich angesichts der sorgfältigen und immer doppelten Sicherung seiner Leute sicher.

Die Eröffnung der Halle in Bergheim stieß auch im weiteren Umfeld auf Interesse. Maschinenbauingenieur Georg Bleiber war am Samstag aus Weilerswist angereist, weil er vor zwei Jahren in der Baumpflege gearbeitet hat und dort auch einen Kletterlehrgang absolvierte. „Ich wollte mich mal über einen Industriekletterkurs informieren und könnte mir auch vorstellen, etwas in dieser Art beruflich zu machen.“ Gil Fux kam aus Köln. Er ist bereits Aufsichtsführender Industriekletterer. „Mich interessiert, wie hier ausgebildet wird, und ich lerne gerne neue Leute kennen.“ Er stammt aus einer Kletterfamilie, in der drei Mitglieder auch Sportkletterer sind.