Nach Messerangriff in Troisdorf

Junger Friseur wegen versuchten Mordes vor Gericht

Bonn/Troisdorf. Vor dem Bonner Schwurgericht muss sich seit Montag ein 24-jähriger Kriegsflüchtling wegen versuchten Mordes verantworten. Er soll seinen Ex-Chef mit einem Steakmesser angegriffen haben. An die Tat erinnert er sich nicht.

Sein Sohn war gerade zwei Monate alt, als der junge Friseur am Morgen des 7. Juli 2018 von Königswinter nach Troisdorf zur Arbeit fuhr, wie jeden Tag. Was dann passierte, daran kann sich der 24-jährige nicht mehr erinnern. Erst im Krankenhaus, als er aufgewacht sei, habe er erfahren, was er „Schlimmes“ getan habe. Mit einem Steakmesser soll er seinen ehemaligen  Chef, den er stets liebevoll „Onkel“ nannte, unvermittelt angegriffen und zweimal in den Hals gestochen haben. Seit gestern muss sich der 24-jährige Syrer wegen heimtückischen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Bonner Schwurgericht verantworten. Die Anklage geht davon aus, dass der anerkannte Kriegsflüchtling damals - wegen einer halluzinatorischen Psychose - bei der Tat nur eingeschränkt schuldfähig war.

Es waren dramatische Momente, als der 24-Jährige gegen 13.30 Uhr im Friseurgeschäft an der Kirchstraße auftauchte und auf den 63-jährigen Inhaber losging. Zeugen hatten geschildert, dass der Angeklagte wie von Sinnen schien, auch nicht aufhörte, als sein Ex-Chef sich in einen nahegelegenen Zeitungskiosk flüchtete. Seine Familie, aber auch andere Zeugen konnten nur mit Gewalt den Angreifer daran hindern, dass er weiter zustach. Der 63-Jährige erlitt zwei tiefe Stiche in den Hals, einer davon soll sogar die Luftröhre verletzt haben. Angeblich, so hieß es in ersten Berichten, soll der junge Friseur zornig gewesen sein, weil ihm fünf Monate zuvor wegen seiner Drogensucht gekündigt worden war.

„Was ich getan habe, ist sehr traurig“, sagte der 24-Jährige, der gestern - mit Hilfe von Medikamenten - einen klaren Eindruck machte. „Er war ein Freund, der mir und auch meiner Familie immer geholfen hat. Ich hatte nie Probleme mit ihm.“ Dann schilderte der Angeklagte, der in seiner Heimat bis zu seiner Flucht 2015 Geologie studiert hatte, mit eigenen Worten: Die Bilder des Krieges - das viele Blut, die zahlreichen Bombenangriffe, die Verluste von Freunden - hätten ihn hier zunehmend verfolgt. Mit Marihuana, später auch Alkohol habe er versucht, die „vielen schlimmen Dinge, die ich gesehen habe, zu vergessen“. Aber die Drogen hätten nicht geholfen. Im Gegenteil: In seinem Kopf sei alles noch schlimmer geworden. Er habe einen Psychologen gesucht, weil er wusste, dass er Hilfe braucht, aber keinen gefunden. Erst in der U-Haft wurde eine akute Psychose diagnostiziert.

Die ganze Tragödie dieser Wahnsinnstat spiegelte sich gestern in den entsetzten Gesichtern der Familie, die in der ersten Reihe saß: Der Vater, der durch einen Bombenangriff ein Bein verlor, die verzweifelte Mutter in Tränen und das stumme Entsetzen der Ehefrau, die den kleinen Sohn, keine zehn Monate alt, auf dem Schoß hielt und ihm seinen Vater zeigen wollte.

In fast greifbarer Nähe der „Onkel“, der als Nebenkläger im Prozess saß: Ein gütiges, aber verstummtes  Gesicht, das nichts von dem Erschrecken verriet, dass es ein Attentat auf sein Leben gegeben hat. Kein Regung, auch nicht, als der Angeklagte sich bei ihm entschuldigte.