Stein gewordene Utopie

Das steckt hinter der Roten Kolonie in Troisdorf

Unterwegs in der Roten Kolonie: Die roten Dächer gaben der Siedlung ihren Namen.

Unterwegs in der Roten Kolonie: Die roten Dächer gaben der Siedlung ihren Namen.

Troisdorf. In der „Roten Kolonie“ herrscht bis heute eine besondere Gemeinschaft. In der neuen Serie besucht der General-Anzeiger Orte mit ungewöhnlichen Namen und erzählt ihre Geschichte.

Auf Satellitenaufnahmen sieht sie fast aus wie ein rotes Herz. Vom Boden aus wirkt die Rote Kolonie in Troisdorf wie ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist. Einem Besucher, der zum ersten Mal durch die schmalen Straßen mit den stolzen preußischen Namen spaziert, stellt sich unweigerlich die Frage: „Was steckt eigentlich hinter diesem Ort und seinem ungewöhnlichen Namen?“

Kleine Häuser mit spitzen Dächern, Sprossenfenster, eingerahmt von dunklen Fensterläden, reihen sich auf engem Raum aneinander und bilden eine Einheit, die mit Eintönigkeit nichts zu tun hat. Im Gegenteil: Wer genau hinschaut, bemerkt, dass fast kein Haus dem anderen gleicht. Geht man weiter in die Siedlung hinein, stößt man auf Torbögen und einen Marktplatz, der dem Viertel städtischen Charme verleiht und einen Kindergarten, der in einer fast schon herrschaftlichen Villa untergebracht ist. Wie passt das alles zusammen?

Peter Haas weiß die Antwort. Der 77-jährige Heimatforscher aus Troisdorf, der bis vor Kurzem interessierte Besuchergruppen durch die Rote Kolonie führte, kennt die Geschichte und Geschichten dieses Ortes und seiner Bewohner wie kaum ein anderer. „So etwas Schönes wie diese Siedlung, die innerhalb eines Jahres in einem Streich erbaut wurde, gibt es nicht wieder“, sagt Haas. Geschehen ist das im Jahr 1912, kurz nachdem Louis Mannstaedt sein Walzwerk von Kalk (heute: Köln-Kalk) in das Eisenwerk der Sieg-Rheinischen-Hütten AG in Troisdorf verlegt hatte. „In kürzester Zeit mussten Unterkünfte für die Arbeiter her“, erklärt Haas. 3000 Menschen arbeiteten bereits Ende 1913 dort.

Mannstaedt ließ daher gleich mehrere Siedlungen bauen. Vor der Roten Kolonie ließ er die Schwarze Kolonie in Friedrich-Wilhelms-Hütte errichten. „Beide Siedlungen wurden nach der Farbe ihrer Dachziegel benannt“, erklärt Haas. Ursprünglich sei die Rote Kolonie „Neu Kalk“ genannt worden, aber der neue Name habe sich in Windeseile durchgesetzt. Später folgte noch die Beamtenkolonie – auch Kasinoviertel genannt –, in der die Verwaltungsangestellten wohnten.

Heimatforscher Peter Haas kennt Geschichte und Geschichten des Ortes.

Heimatforscher Peter Haas kennt Geschichte und Geschichten des Ortes.

 

Für den Bau der Roten Kolonie hat der Firmenchef die Gebrüder Schulze aus Dortmund beauftragt. Sie entwarfen die Siedlung nach Vorbild der englischen Gartenstadt Letchworth. Haas: „Vorlage für das Wohnkonzept war der utopische Roman 'Rückblick aus dem Jahr 2000' von Edward Bellamy.“ Danach sollten Arbeiter auch eigenen Neigungen nachgehen können, Raum zur Erholung haben und in enger Gemeinschaft mit den Nachbarn leben. So wohnten in der Roten Kolonie nicht-gelernte, wie angelernte Arbeiter und Meister Tür an Tür. „Der einzige Unterschied: Die Meister erhielten größere Wohnungen“, so Haas.

64 Häuser wurden gebaut

Gebaut wurden 20 verschiedenen Häusertypen, von denen nur neun mehrfach in der Siedlung auftauchen. Insgesamt 64 Häuser sind entstanden, die Platz für 176 Wohnungen boten. Jedes einzelne Haus war ausgestattet mit Strom, Warmwasserboiler und Toilette mit Spülung. „Das war zum damaligem Zeitpunkt sensationell“, sagt Haas.

Der Heimatforscher bleibt vor einem besonders großen Haus stehen. „Das hier sieht aus wie eine Villa, fast schon ein Palast – und das wurde der Kindergarten.“ Eltern hätten noch nicht einmal Beiträge zahlen müssen, zu einem Zeitpunkt als es anderswo noch nicht einmal Kindergärten gab. „Das Haus, das Personal – das hat alles der Mannstaedt bezahlt.“ Noch heute ist in dem Gebäude ein Kindergarten untergebracht. Und noch etwas anderes hat sich aus der alten Zeit erhalten: „Wir haben hier immer noch eine richtig gute Nachbarschaft“, sagt Ursula Knab während sie die Tür zu ihrem Garten öffnet. Sie und ihr Ehemann leben seit 38 Jahren in der Kolonie.

Einschränkungen durch Denkmalschutz

Hier, im Inneren der Siedlung, hinter den Häuserfassaden, eröffnet sich ein ganz neuer Anblick. Wären nicht die roten Dachziegel gewesen, hätte das Viertel wohl auch den Namen „Grüne Kolonie“ verdient. „Zu jedem Haus gehörte ein Stall für Kleinvieh und ein 200 bis 500 Quadratmeter großer Garten, in dem die Bewohner früher eigenes Gemüse anbauen konnten“, erklärt Haas. Ursula und Ulrich Knab machen das noch heute. Gurken, Kartoffeln und Bohnen wachsen hinter ihrem Haus.

Anwohner Ulrich Knab zeigt einen alten Hühnerstall in seinem Garten.

Anwohner Ulrich Knab zeigt einen alten Hühnerstall in seinem Garten.

 

Mehr als 30 Jahre lang hat Ulrich Knab (76) selbst in den Klöckner-Mannstaedt-Werken gearbeitet. Ende der 70er Jahre, als die Siedlung privatisiert wurde, haben er und seine Frau das Häuschen in der Kolonie gekauft. Rund 30 000 Mark kostete damals eine Immobilie. Hier wegziehen, würden das Ehepaar heute um keinen Preis mehr, obwohl es auch Einschränkungen in der denkmalgeschützten Siedlung gibt. „Eine Tiefgarage wäre gut“, sagt Ulrich Knab. „An Parkplätze hat Mannstaedt nicht gedacht. Das einzige Gefährt damals war der Pferdewagen, mit dem die Ehefrauen mittags ihren Männern das Essen ins Werk schicken konnten.“