GA-Serie "Siegburg im Wandel"

Warum die Zanger unbedingt nach Siegburg wollten

Siegburg. Erst war sie grün, dann Arbeiter- und Handwerkerviertel, heute beliebte Wohngegend: die Zange. Der Stadtteil wurde erst 1906 nach Siegburg eingemeindet, zuvor gehörte er zum Amt Menden jenseits der Sieg. Für die damaligen Bewohner brachte das einige Probleme mit sich.

Ute Herzog vom „Jraaduss“ Ecke Hohenzollernstraße/Ludwigstraße auf der Zange zapft einige Gläser Kölsch und verteilt sie an eine Knobelrunde am Tresen. Seit fünf Jahren führt sie das Traditionshaus, das Anfang der 1900er Jahre Gasthaus zum Hohenzollern hieß und seitdem unter verschiedenen Namen ein beliebter Treffpunkt für die Zanger Bevölkerung ist, aber auch von Besuchern aus der Innenstadt und näheren Umgebung frequentiert wurde und wird. „Ich bin alleine übrig geblieben, weitere Kneipen gibt es hier nicht mehr“, sagt sie.

Angesehene Lokale wie der „Bonner Hof“, „Zum Weißen Roß“ oder „Zur Zange“ haben lange dicht gemacht. Ebenso wie die Bahnhofsgaststätte vom Bröltalbahnhof auf dem Gelände, wo heute das Berufskolleg steht. Denn der wurde schon 1963 abgerissen. „Da haben wir als Kind samstagsabends immer durch die Fenster geschaut, wenn dort Tanz war“, erinnert sich Erich Nießen (81), der auf der Zange groß geworden ist.

Der Gastwirtin ist es wichtig, den Einwohnern des Siegburger Stadtteils einen Anlaufpunkt zu bieten und den Zusammenhalt zu fördern. Im Haus der Wirtin verkehren Gäste quer durch alle Altersschichten, ganz junge Leute ebenso wie hochbetagte Senioren. „Als ich beschlossen habe, die Kneipe zu übernehmen, haben mich viele gewarnt, die Zanger seien ein Volk für sich“, erzählt sie. Das hat Ute Herzog mittlerweile auch festgestellt. Allerdings im positiven Sinne. „Die Mitglieder der Bürgergemeinschaft, die zum Teil natürlich auch hier ein- und ausgehen, engagieren sich sehr und haben immer ein offenes Ohr für die Belange der Menschen, setzen sich ein, wo sie können.

Überhaupt hilft man sich auf der Zange untereinander“, lobt die Wirtin. Außerdem fördere der Verein, der über 500 Mitglieder zählt, Brauchtum und Heimatpflege und kümmere sich um ältere Bürger. Ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl und einen eigenen Willen hätten die Zanger Bürger schon immer gehabt, berichtet Vize-Bürgermeisterin Susanne Haase-Mühlbauer, die sich selbst als „Ab­o­ri­gi­ne mit Herz und Seele“ bezeichnet, von Geburt an auf der Zange lebt und von dort nie wegziehen würde.

Woher der Ortsname eigentlich kommt? Gemeint ist wohl nicht das Werkzeug Zange – obwohl es angesichts der Handwerkstradition in dem Stadtteil naheliegen würde. Namensgeber könnte ein Elias Zangen gewesen sein, der um 1430 einer der ersten Bewohner gewesen war und das Haus „Zur Zangen“ besaß. Zangen war wahrscheinlich Schmied.

Keine Zweckehe, sondern Liebesheirat

Erst vor gut 100 Jahren wurde Zange Teil von Siegburg. Es war keine Zweckehe, sondern durchaus eine Liebesheirat. Bereits 1867 äußerten die Zanger erstmals den Wunsch nach einer Eingemeindung, den die preußische Regierung aber erst am 9. Mai 1906 erfüllte. In dem Stadtteil, der sich grob in die drei Blöcke Zentral Zange (um den Berliner Platz), den Bereich Bonner Straße sowie das Gebiet an den hinteren Siegwiesen einteilen lässt, wohnten 1864 lediglich 40, 1875 bereits 117 Bürger. Gründe für die Eingemeindung gab es nach deren Ansicht viele.

Da die Zange bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gemeinde Siegburg-Mülldorf in der Bürgermeisterei Menden gehörte, mussten die Kinder auch in Mülldorf zur Schule gehen. Ihr Weg dorthin führte auf einem wackligen Steg über die Sieg, alternativ konnten sie die Fähre nutzen. Weitere Gründe fasste der Siegburger Bürgermeister Carl Plum, der in der Eingemeindung auch Vorteile für Siegburg sah, 1905 in einer Denkschrift zusammen. So schrieb er, dass sich die Einwohnerzahl Siegburgs seit 1875 von 5000 auf 15.000 verdreifacht habe und sich dadurch „die Unmöglichkeit der Ausdehnung nach Süden und Westen immer mehr fühlbar“ mache. Dazu Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger: „Natürlich sahen die Zanger, die ihr Land landwirtschaftlich nutzten, dadurch die Chance, ihren Besitz teuer als Bauland zu verkaufen.“ Auch bestand für sie bei der Eingemeindung die Aussicht auf eine funktionierende Infrastruktur in Bezug auf Gasversorgung, Kanalanschluss und fließendes Wasser, so Korte-Böger.

Plum hatte auch argumentiert, dass die Einwohner von Zange ganz nach Siegburg orientiert seien. Unter seelsorgerischen Aspekten war die Eingemeindung ebenso konsequent. Denn bereits seit 1870 wurden die katholischen Zanger Familien, die eigentlich der Gemeinde Siegburg-Mülldorf angehörten, die aber im Gegensatz zur Pfarrei Niederpleis keine eigene Kirche besaß, mit erzbischöflicher Genehmigung von der Siegburger Pfarrei Sankt Servatius betreut. Der Stadtteil wuchs schnell, war „autark“ von der Innenstadt, berichten Nießen und seine gleichaltrigen Freunde Walter Groß und Franz-Josef Schreckenberg, mit denen er zusammen die heutige Gemeinschaftsgrundschule an der Bonner Straße besuchte. „Früher hatten wir hier mehrere Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Metzgereien und einen Milchhändler, verschiedene Friseure und Schuster“, so die drei Senioren.

Viele Läden und Lokale haben geschlossen

Das alles ist Vergangenheit. Ebenso wie der Gesangsverein „Apollo“ oder der Fußballverein „Deutsche Jugend-Kraft (DJK) Siegburg Zange“, der im jetzigen Gewerbegebiet an der Lindenstraße auf dem Gelände der Post sogar einen eigenen Fußballplatz besaß, wie Nießen erzählt. Geblieben sind die Schützenbruderschaft Sankt Servatius, der Kleingärtnerverein und der „Lotterie-Club“, der 1921 ins Leben gerufen wurde. Groß, dessen Großvater Gründungsmitglied war: „Der Club darf maximal zwölf männliche Mitglieder haben. Man konnte dem Club nicht einfach beitreten, sondern die Mitgliedschaft wurde vererbt, wenn einer verstarb.“ Das gilt bis heute.

Für ihre Treffen haben sich die Mitglieder mittlerweile ein Lokal außerhalb des Zanger Gebiets gesucht. Das Gemeinwesen bereichert hat die Hornpötter Hunnenhorde, die 2001 im Karneval entstand. Benannt hat sich der Verein nach dem Spitznamen „Hornpott“, den die Zange einer ehemals dort ansässigen Horn verarbeitenden Fabrik verdankt. Pulsierendes Leben sieht anders aus. Und dennoch: „Alte“ Zanger und Zugezogene schätzen die ländliche Lage in Stadtnähe und die Nähe zum ICE-Bahnhof sowie das kinderfreundliche Wohnen an verkehrsberuhigten Straßen.