Schienengüterverkehr im Rhein-Sieg-Kreis

Von der Schiene auf die Straße

Totes Gleis: Der Anschluss des Siegwerks in Siegburg wird seit Jahresbeginn nicht mehr genutzt.

Totes Gleis: Der Anschluss des Siegwerks in Siegburg wird seit Jahresbeginn nicht mehr genutzt.

Rhein-Sieg-Kreis. Nur noch eine Handvoll Unternehmen im Rhein-Sieg-Kreis nutzt einen eigenen Gleisanschluss. Der Transport gilt als zu teuer. Jetzt lässt auch das Siegwerk den Bahnbetrieb ruhen – wegen einer sanierungsbedürftigen Weiche.

Still und verlassen liegt es da, das Gleis an der Siegfeldstraße in Siegburg. Auf dem letzten noch existierenden Abschnitt der Aggertalbahn („Luhmer Grietche“) rollt seit Beginn des Jahres kein Zug mehr. Der einzige Nutzer, die Firma Siegwerk, hat alle Transporte von der Schiene auf die Straße verlagert. Hintergrund: Der Industriebetrieb und die Deutsche Bahn verhandeln über die fällige Sanierung einer Anschlussweiche – und über die Kosten.

Damit sind es nur noch vier Unternehmen im Rhein-Sieg-Kreis, die eigene Gleisanschlüsse nutzen. Das geringe Interesse führt dazu, dass die Infrastruktur in Frage gestellt wird. So überlegt die Stadt Meckenheim, ihr eigenes Industriestammgleis im Industriepark Kottenforst aufzugeben.

An der Aggertalbahn zwischen Siegburg und Lohmar lagen einst mehrere Betriebe, die das Gleis nutzten. Doch wurden es immer weniger, auch durch Insolvenzen wie des Holzhandels Lüghausen. Die Bahn legte den Großteil der Strecke 1997 still. Offen blieb ein 900 Meter langer Abschnitt vom Siegburger Bahnhof bis zum Siegwerk, das Rohstoffe über die Schiene anliefern ließ. 2015 waren es noch 319 Züge, die 17 000 Tonnen Material brachten. Seit Jahresbeginn ruht der Bahnbetrieb. „Vorläufig“, wie Siegwerk-Sprecherin Annkatrin Junglaß auf Anfrage sagte. „Es besteht Sanierungsbedarf an der Anschlussweiche zwischen werksinternem und DB-Schienennetz. Gespräche mit der Deutschen Bahn zur Abwägung aller Optionen laufen bereits.“

Bis auf Weiteres setzt das Unternehmen auf Lkw-Transporte, die nach Firmenangaben effizient eingesetzt werden. 2017 soll klar sein, wie es mit dem Bahnanschluss weitergeht – letztlich eine Kostenfrage. Junglaß wies darauf hin, dass die Kosten für Bahntransporte seit Jahren steigen. Auch muss sich das Siegwerk an den Sanierungskosten der Weiche beteiligen.

Genaue Zahlen nannte das Unternehmen nicht. „Eine neue Weiche kann gut und gerne eine sechsstellige Summe kosten“, sagt der Siegburger Bahn-Experte Klaus Strack, Gesellschafter der Rhein-Sieg-Eisenbahn (RSE). Allein für die Bereitstellung eines Bahnanschlusses muss ein Unternehmen zahlen. Nach der Preisliste der DB Netz fängt die Gebühr bei 1000 Euro pro Jahr an, für einfache Anlagen. Technisch komplexere Anschlussstellen schlagen mit 4000 bis 5000 Euro pro Jahr zu Buche. Die eigentlichen Transportkosten werden zwischen Kunden und Bahnunternehmen vereinbart, je nach Umfang und Distanz.

„Durch die Globalisierung haben sich die Strukturen verändert“, erklärt Strack. „Für viele Unternehmen lohnt sich ein Güterzug am ehesten, wenn er in einem Rutsch von Werk zu Werk fährt.“ Je häufiger ein Transport unterbrochen und umgeladen werde, desto aufwendiger und teurer werde es. Es sei wenig erstaunlich, dass in erster Linie die Industrie die Schienenwege nutze – und das meist branchenintern. So gilt die Automobilindustrie als „bahnfreundlich“. Mit Hayes Lemmerz sitzt in Königswinter ein Zulieferer, der auf die Bahn zurückgreift. Der Transformatorenhersteller ABB in Bad Honnef nutzt gelegentlich bei Spezialtransporten die Bahn. Außerdem werden im Kreis nur noch die Troisdorfer Klöckner-Mannstaedt-Werke und Evonik in Niederkassel mit Güterzügen bedient.

Auf der Strecke bleiben Mittelständler, wie sie im Meckenheimer Industriepark Kottenforst ansässig sind. Für sie baute die Stadt vor Jahrzehnten ein 2,5 Kilometer langes Industriegleis, das heute ungenutzt ist. „Den Unternehmen sind die Bahntarife zu teuer“, sagt Stadtsprecherin Marion Lübbehüsen. So bleiben für die Stadt jährlich rund 10 000 Euro Instandhaltungskosten für das Gleis, das an die Bahnlinie Bonn-Euskirchen anschließt – wo heute der S-Bahnbetrieb Vorrang hat. „Vor diesem Hintergrund überlegen wir, ob dieser Anschluss noch Sinn macht“, so Lübbehüsen. „Aber auch ein Rückbau wäre aufwendig. Und: Was einmal weg ist, ist weg.“