Der Siegburger Bahnhof

Vom Schuhkarton zur Drehscheibe

Siegburg. Kaum ein Ort in Siegburg hat sich so oft verändert wie der Bahnhof. In fast 160 Jahren wurde er wiederholt ausgebaut, abgerissen und neu gebaut. Heute ist Siegburg ICE-Haltepunkt - und hat auf diesem Gebiet Bonn längst abgehängt.

Hauptverkehrszeit im Siegburger Bahnhof. Es ist Nachmittag, die Stadtbahn 66 aus Bonn ist eingerollt. Massen von Menschen drängen in Richtung Regionalbahn, ICE und Busbahnhof. Es geht kreuz und quer, auf und ab. Mittendrin: ein Chor junger Frauen, er ist Teil einer künstlerischen Performance. Der Siegburger Bahnhof ist ein Verkehrsknotenpunkt, der täglich von 23.000 Menschen frequentiert wird. Kaum ein Ort hat in der Kreisstadt in fast 160 Jahren so oft sein Gesicht geändert wie der Bahnhof. Er wurde wiederholt umgebaut, abgerissen, neu gebaut. In Gestalt und Bedeutung des Bahnhofs spiegelte sich auch immer die Stadtgeschichte wieder.

Neujahr 1859. Der erste Zug hält an der neu gebauten Siegtalstrecke in Richtung Gießen. Das Bahnzeitalter ist in der Kreisstadt angekommen, und doch macht sich nur wenige Jahre später Frust breit. „Als die rechtsrheinische Rheinstrecke in Betrieb geht, bekommt Troisdorf einen Haltepunkt, und Siegburg geht leer aus“, berichtet der Siegburger Eisenbahnexperte Klaus Strack. Troisdorf ist zu dieser Zeit wegen der Friedrich-Wilhelms-Hütte wirtschaftlich bedeutender. Ein kleiner Trost für die Siegburger damals: Sie erhalten eine Stichstrecke nach Friedrich-Wilhelms-Hütte. Diese bleibt jedoch nur zwölf Jahre, von 1872 bis 1884, in Betrieb. Nachdem der Bahnsektor verstaatlich ist, kommt bereits das Aus. Auch wenn es sich um ein kurzes, längst vergessenes Kapitel handelt: Ein Brückenpfeiler dieser vier Kilometer langen Nebenstrecke ist noch über die Jahrtausendwende hinweg in der Agger zu sehen – bis die Umgehungsstraße zwischen Troisdorf und Siegburg.

Ende des 19. Jahrhunderts gewinnt Siegburgs Bahnhof aber doch an Bedeutung – eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung. 1875 hat die Königliche Geschossfabrik eröffnet. Das Verkehrsaufkommen steigt. Das Empfangsgebäude wird mehrfach erweitert, nebenan entstehen der Güterbahnhof und der Bröltalbahnhof. Ab 1884 fährt die Aggertalbahn, 1911 kommt die elektrische Bahn nach Bonn hinzu (heutige Linie 66). Sie hat am Siegburger Bahnhof ebenso wie die 1914 eingeweihte Kleinbahn Siegburg-Zündorf, besser als Rhabarberschlitten bekannt, ihren Endhaltepunkt.

Überhaupt erlebt Siegburg zu dieser Zeit einen Aufschwung, die Stadt wächst. Sie hat ihre Bedeutung allerdings auch der Rüstungsproduktion zu verdanken, die nach Ende des Ersten Weltkriegs zum Erliegen kommt. Damit ist zunächst ein wirtschaftlicher Niedergang verbunden; der Bahnhof bleibt jedoch ein wichtiger Knotenpunkt. Damals hat er seine größte Ausdehnung. Ein Plan von 1944 zeigt die Anlage mit mehr als zehn Gleisen.

Der Bedeutungsverlust kommt erst nach dem Zweiten Weltkrieg, und er kommt schleichend. Allgemein verliert der Schienenverkehr ab den 50er Jahren an Bedeutung. So wird der Personenverkehr auf der Aggertalbahn eingestellt, später verschwindet auch der Rhabarberschlitten. Auch das prächtige Empfangsgebäude, im Krieg beschädigt, gehört bald der Geschichte an. Die Schäden sind aber keineswegs der Grund für seinen Abriss 1963: „Der Siegburger Rat wollte zur 900-Jahrfeier der Stadt einen modernen Bau“, sagt Strack. „Das war eine Frage des Zeitgeistes.“ Etwas später als geplant, im August 1965, wird der nüchterne Flachdachbau eingeweiht. Er geht wegen seines Aussehens als „Schuhkarton“ in die Siegburger Stadtgeschichte ein. Parallel sinkt Siegburg weiter zu einem trüben Provinzbahnhof herab. Bahntechnisch verliert der Bahnhof 1978 seine Selbstständigkeit und wurde Troisdorf angegliedert.

Die 90er Jahre brachten eine Zeitenwende

Die 90er Jahre sollen eine Zeitenwende bringen. 1991 startet der Vorlauf-Betrieb der S-Bahn, was beim Regionalverkehr eine kleine Revolution bringt. Heute halten mit der S 12 und der S 19 zwei S-Bahnen in relativ dichtem Takt in Siegburg, hinzu kommt der Regionalexpress 9 (Aachen-Siegen). Die eigentlich Wegweisende aber ist die Entscheidung des Bundes, in Siegburg einen Haltepunkt an der ICE-Neubaustrecke Köln-Frankfurt zu errichten. Bonn-Vilich liegt zu weit ab vom Schuss, und schließlich erhält Siegburg den Vorzug vor Troisdorf – anders als im 19. Jahrhundert beim Bau der rechtsrheinischen Strecke. „Für die Bahn war die Bündelung der ICE-Trasse mit der A 3 die wirtschaftlichste Variante“, erklärt Strack. Zudem gilt die Trassenführung über Siegburg als die Lösung, bei der die Eingriffe in die Natur am geringsten ausfielen. Damit ist klar, dass Siegburg einen neuen Bahnhof braucht.

Der alte „Schuhkarton“ fällt 1998 der Abrissbirne zum Opfer, auch die alte Güterabfertigung an der Ladestraße verschwindet. Der Siegburger Architekt Hartmut de Corné plant im Auftrag der Bahn ein Empfangsgebäude mit vier Geschossen. Dann aber kündigt die Bahn an, dass sie nur noch eine abgespeckte eingeschossige Variante bezahlen wolle; diese erscheint ihr ausreichend. „Das von Hartmut de Corné konzipierte neue Bahnhofsgebäude sollte sich in Luft auflösen. Statt eines repräsentativen Gebäudes sollte eine Zigarrenkiste den Eingang zum Siegburger Zentrum darstellen“, scheibt der damalige Bürgermeister Rolf Krieger in seinen Erinnerungen. Um das Gebäude zu verwirklichen, erklärt sich die Stadt bereit, die oberen drei Geschosse zu finanzieren und selbst zu vermarkten. 2004 wird der Bau eingeweiht, zu diesem Zeitpunkt hielt der ICE schon seit zwei Jahren in Siegburg/Bonn, wie der Bahnhof seither offiziell heißt. Durch den Neubau erhält die Stadtbahn 66 eine neue Trasse, so dass sie heute nicht mehr an der Wilhelmstraße, sondern im Untergeschoss des Bahnhofs endet.

74 ICE-Züge halten täglich in Siegburg

Längst ist die Zeit vorbei, in der Siegburg von Industrie geprägt war. Die Kommune ist eine Einkaufs-, Verwaltungs- und Dienstleistungsstadt, verkehrsgünstig gelegen in einer Region, die ebenfalls stark vom Dienstleistungssektor geprägt ist. Der ICE-Halt verspricht kurze Wege zu den Flughäfen in Köln und Frankfurt. In gut zwei Stunden ist man in Stuttgart oder Brüssel, in gut drei in Basel. Entsprechend gefragt ist der Bahnhof Siegburg/Bonn: Insgesamt 318 Züge halten dort täglich, 74 davon im Fernverkehr.

Zu den 5400 Passagieren, die täglich den Fernanschluss in Siegburg nutzen, gehört Michael Schröter (42). Er pendelt jeden Montag zu seiner Arbeitsstelle in Köln, freitags geht es wieder nach Hause nach Jena. „Ich finde es sehr gut, dass der ICE hier jede Stunde fährt“, so Schröter. „Denn selbst wenn ich den Anschluss mal verpasse, muss ich nicht allzu lange auf den nächsten warten.“

Mark Sylvester (42) findet besonders den offenen Zugang von den Parkplätzen zum Ferngleis gut: „Das sind gute Voraussetzungen, wenn man jemanden abholen möchte.“ Er selbst kommt vor allem dann durch den Bahnhof, wenn er beruflich zum Flughafen muss: „Ich bin Biochemiker. Heute fliege ich von Frankfurt aus zu einer Konferenz in Taiwan.“

Beide Männer finden den ICE-Bahnhof modern und attraktiv, haben aber auch noch Verbesserungsvorschläge. „An manchen Stellen sind die Bahnsteige sehr schmal, da staut es sich schnell“, so Sylvester. „Und auch das Dach ist recht schmal, aber immerhin ist es dicht. Anders als in Bonn.“ Schröter hingegen würde sich eine DB-Lounge wünschen: „Wie in Frankfurt oder Berlin, in der man die Wartezeit gemütlich überbücken kann.“ Mehr geschützte Wartebereiche wünschen sich auch Anna Loos (55), Reisende auf dem Weg in den Urlaub, und Martina Behr, (49), gelegentliche Bahnfahrerin. „Der Bahnhof ist sehr zugig, das ist in Bonn besser“, findet Behr.

Doch auf dem Gebiet des Fernverkehrs hat Siegburg Bonn den Rang abgelaufen. In der Bundesstadt hält tagsüber nicht einmal mehr jede Stunde ein ICE. In Siegburg sind es tagsüber zwischen drei und fünf ICE-Züge pro Stunde.