Traudl Bünger

Siegburger Autorin empfiehlt Literatur als Hausapotheke

"Therapiestunde" in der Buchhandlung: Traudl Bünger gibt den Besuchern Lesetipps für ein besseres Leben.

SIEGBURG. Dass Bücher nicht nur unterhalten, sondern auch andere Wirkungen beim Leser zeigen können, ist bekannt. Daher arbeiten die beiden englischen Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin als "Bibliotherapeutinnen" und empfehlen ihren Klienten ausgesuchte Bücher, um die jeweiligen Krisen besser überwinden zu können.

Ihre Tipps haben sie in einem eigenen Buch zusammengefasst, das mit Unterstützung und Ergänzungen der gebürtigen Siegburgerin Autorin Traudl Bünger in der deutschen Ausgabe insgesamt 253 Werke berücksichtigt und vorstellt. Bünger ist zudem Programmdirektorin der lit.Cologne und Literaturkritikerin.

In der Siegburger Buchhandlung R² las Traudl Bünger jetzt aus dem gemeinsamen Buch Passagen zum Roman "Schiffbruch mit Tiger" von Yann Martel und einige aus dem Originalwerk. Zuvor gab sie einen Einblick in ihre Beweggründe, sich an dem Gemeinschaftsprojekt zu beteiligen.

Vor allem sei für sie völlig neu gewesen, Romane nicht "unter akademischen Aspekten" aussuchen zu müssen, sondern "nach ihrem Gebrauchswert" zu wählen. Ihr eigenes Bücherregal habe sie daher "unter ganz neuen Vorgaben betrachtet".

Obwohl die Buchempfehlungen einen tieferen Sinn hätten und völlig ernst gemeint seien, wären aber auch ein wenig Sarkasmus und Ironie nicht zu kurz gekommen. So findet der Leser beispielsweise auch "Die zehn besten Klolektüren" in der Romantherapie.

Die "Leiden", für die Werke empfohlen werden, sind so vielfältig wie die vorgestellten Therapien durch Literatur. So soll etwa bei Scheidung die Lektüre "Das doppelte Lottchen" von Erich Kästner helfen, wer unter Kleinwuchs leidet, dem sei "Die Blechtrommel" von Günter Grass empfohlen, bei "Hass auf die eigene Nase" könnte Patrick Süskinds "Das Parfum" Linderung geben.

Das von Bünger gewählte Kapitel aus "Schiffbruch mit Tiger" hat die Situation "In der Klemme stecken" zum Gegenstand. Die Autorin schreibt zu Martels Roman: "Klemmen kommen in ganz unterschiedlichen Formen und Beschaffenheiten daher, aber sie können wohl kaum unangenehmer sein, als die von Pi Patel (der Hauptfigur), der mit einem Zebra, einer Hyäne, einem übellaunigen Orang-Utan und einem drei Jahre alten bengalischen Tiger namens Richard Parker in einem Rettungsboot sitzt."

Bünger selbst liest übrigens "bei Schreibkrisen aller Art" Loriot. Die Nebenwirkungen einer Romantherapie beurteilt sie durchweg positiv: "Abtauchen, dem Alltag entkommen und Ruhe finden." Und das sei für jeden gut.

Info

"Die Romantherapie: 253 Bücher für ein besseres Leben." Von Susan Elderkin, Ella Berthoud und Traudl Bünger. Inselverlag, gebundene Ausgabe, 20 Euro.