Awo-Theatergruppe "Spätausgabe"

Senioren versetzen sich in ihre Kindheit zurück

Zwischen 57 und 84 Jahre alt sind die Mitglieder der Theatergruppe.

SIEGBURG. "Kinderjahre" heißt das neue Projekt der Awo-Theatergruppe "Spätausgabe". In biografischem Theater spielen elf Senioren Erlebtes aus ihrer Kindheit aus den 1960er, 1950er und teilweise 1940er Jahren nach.

Es gehe nicht um große Dramaturgie und Schicksale, erklärt Maria Havermann-Feye, die als Theaterpädagogin, Kommunikations- und Körpersprache-Trainerin arbeitet und die Gruppe auf Initiative der Awo 2007 gegründet hat. Vielmehr sollen die zwischen 57 und 84 Jahre alten Männer und Frauen sich ins Gedächtnis rufen, was sie berührt, glücklich oder traurig gemacht hat, woran sie sich gerne erinnern.

"Das sind zum Teil ganz banale Alltagssituationen", so Havermann-Feye, die die Idee zu dem Projekt hatte. Es sei nicht ganz einfach gewesen, "den Verein" zum Erzählen zu bewegen. Letztlich habe sie aber mehr als 20 Geschichten gesammelt, 16 davon in Szene gesetzt. Gezeigt wird, wie es in der Schule zuging, als die Senioren Kinder waren, welche Spiele und Streiche sie spielten, wie sie mit anpacken mussten oder einfach das Leben genossen.

Man merkt allen Schauspielern an, dass sie auf der Bühne die betreffenden Situationen von damals noch einmal durchleben. Umso überzeugender, als sie sich selbst natürlich authentisch darstellen können. Dabei entsteht oft eine unfreiwillige Komik, die aber nicht zum Lachen verführt, weil die Szene den Zuschauer nachempfinden lässt, was im jeweiligen Schauspieler als Kind vorgegangen sein muss.

Wenn zum Beispiel der heute 82-jährige Matthias Könsgen mit ausgebreiteten Armen auf der Studiobühne untröstlich den Verlust seines "Negerpüppchens" beklagt, dann geht das nahe. Die Puppe, ständige Begleiterin des fünf Jahre alten Matthias, ließ die Mutter 1937 verschwinden, weil sie Sanktionen der Nazis fürchtete.

Denn die dunkle Puppe mit braunen Augen und schwarzem Haar entsprach nicht dem blonden Ideal mit blauen Augen, erzählt Könsgen, für den diese Episode unvergessen bleibt. Bewegend ist auch die "Schlachten und Hamstern" benannte Szene, die Maria Könsgen (78) zusammen mit ihrer Mutter und den Geschwistern erlebte, als die Familie Hunger litt und bei Bauern um Essen betteln musste.

Von ihr stammt auch der Beitrag "Tausche Unterhose gegen Blockflöte". So lautete der Text auf einem Schild, das ihre Mutter angefertigt hatte und im Schaufenster eines sogenannten Tauschladens aushängen durfte. Geld hatte die Familie keins, also wurde Vaters warme Unterhose zum Erwerb des Instrumentes angeboten. Das Geschäft kam tatsächlich zustande.

"Kinderjahre" bietet einen wunderbaren Einblick in das "ganz normale" Leben der Groß- und Urgroßeltern, berichtet von Leidvollem, aber auch von schönen Dingen. So geht es auch um den ersten Kuss, der auch damals schon etwas ganz Besonderes war.

"Kinderjahre", Premiere am Samstag, 14. Dezember, 14 Uhr, Studiobühne Siegburg. Weitere Aufführungen am 15. Dezember, 4. und 5 Januar, jeweils um 14 Uhr. Karten in der Awo- Begegnungsstätte, Luisenstraße 55, und in der Buchhandlung R², Holzgasse 45.