Flüchtlinge im Rhein-Sieg-Kreis Rückblick auf die große Flüchtlingskrise von 2015

Rhein-Sieg-Kreis. Der September 2015 stand im Zeichen der Flüchtlingskrise. Es waren atemlose, angespannte Wochen - auch im Rhein-Sieg-Kreis. Vier Menschen erinnern sich an diese Zeit, die sie aus verschiedenen Perspektiven erlebten.

Drei Jahre liegt sie nun zurück, die von Kanzlerin Angela Merkel verfügte verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen – der Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Das machte sich auch im Rhein-Sieg-Kreis bemerkbar. Es waren atemlose, chaotische Wochen. Wann kommen die nächsten Flüchtlinge? Wie viele? Wohin? Nicht diskutieren, anpacken, das Unmögliche möglich machen: Kommunen, Hilfsorganisationen und Ehrenamtliche gingen ans Limit, um Geflüchtete zu versorgen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu geben. Inzwischen ist die Zahl der Zuweisungen deutlich zurückgegangen. Zeit für eine Zwischenbilanz: Vier Menschen aus dem Kreis erinnern sich an den September 2015. Wie haben sie die Zeit damals erlebt? Was ist seither geschehen?

"Es war ganz toll für uns"

Abdulrahman Khalid, 21, kam als Flüchtling aus dem Irak nach Siegburg: „Meine Familie und ich sind vor drei Jahren vor dem IS geflohen. Erst mein Vater und mein Bruder, dann sind meine Mutter und ich gefolgt. Zehn Tage haben wir von unserer Heimatstadt Mosul im Norden des Irak bis nach Deutschland gebraucht. Mit dem Bus sind wir an der Erstaufnahmestelle im Siegburger Schulzentrum Neuenhof angekommen. Es war ganz toll für uns, uns endlich ohne Angst bewegen zu können. In der ersten Woche war es zwar schwer, mit vielen Menschen in einer Turnhalle zu leben. Im Irak haben wir allein in einem großen Haus gewohnt. Wir sind hier aber auf viele nette Menschen getroffen, die uns sehr geholfen haben. Auch das Miteinander mit den anderen Flüchtlingen war gut, wie in einer großen Familie. Es hat keinen Unterschied gemacht, ob jemand Araber oder Kurde war.

Inzwischen wohnen meine Eltern, mein Bruder und ich in einer Wohnung in der Siegburger Innenstadt. Im Irak war ich im letzten Schuljahr kurz vor dem Abschluss. Hier habe ich Deutschkurse und ein Praktikum bei der Stadt Siegburg absolviert. Seit dem 1. August mache ich in der Verwaltung eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Wir fühlen uns hier sehr wohl und möchten gerne in Siegburg bleiben. In den Irak können wir nicht zurück. Auch wenn ich meine Freunde und Cousins sehr vermisse. Wie wir nach Siegburg gekommen sind, haben uns viele sehr geholfen und uns gut aufgenommen, davon möchte ich jetzt etwas zurückgeben.“

Eine äußerst turbulente Zeit

Hartmut Kreutz, 37, aus Lohmar ist Katastrophenschutzbeauftragter des Deutschen Roten Kreuzes für den Rhein-Sieg-Kreis: „Die Zeit ab Sommer 2015 war äußerst turbulent. Für uns bedeutete sie eine Herausforderung, die wir bisher so nicht gekannt hatten. In der Zeit, als eine Kommune nach der anderen eine Notunterkunft einrichtete, musste alles ganz schnell gehen. Abends um 20 Uhr erhielten wir die Nachricht, dass um 2 Uhr in der Nacht ein Bus mit Flüchtlingen kommt. Da musste alles eingerichtet und vorbereitet sein. Wir haben das mit ehrenamtlichen Kräften gestemmt, in Zusammenarbeit mit den Kommunen. Wir kamen aber nicht umhin, hauptamtliche Kräfte einzustellen, weil wir dann noch für ein Jahr zwei Unterkünfte in Troisdorf und Siegburg betreut haben.

In Erinnerung geblieben sind mir vor allem die Kinder, die ihre Eltern verloren hatten. Sie waren in dem ganzen Flüchtlingsstrom irgendwie mitgezogen worden und standen nun vor uns. Die Menschen, die damals kamen, sind nach meiner Beobachtung heute in den Kommunen integriert – das ein oder andere Gesicht erkenne ich auf der Straße wieder. Wir sind als DRK heute nicht mehr in den Flüchtlingsunterkünften tätig. Unterm Strich haben wir die Situation damals gut gemeistert. Wir haben aber auch daraus gelernt und die eigene Materialbereitstellung und den Personaleinsatz optimiert.“

Bis zu 180 Helfer

Dirk M. Frankenberger, 62, ist Vorsitzender des Flüchtlingshelferkreises Rheinbach: „Als die Grenzübergänge und Bahnhöfe 2015 voll von ankommenden Flüchtlingen waren und die Kanzlerin drei mutige Worte sprach, sind auch in Rheinbach Hilfskräfte aktiv geworden. Einige erfahrene Helfer haben sich zusammengefunden, um mit „Bordmitteln“ erste Hilfe zu leisten. Es formierte sich der ehrenamtliche Flüchtlingshelferkreis, überkonfessionell und überparteilich. Schnell wurde klar, hier war mehr gefragt, als ein freundliches 'Hallo' und ein heißer Kaffee.

Erste Fragen zu Unterkunft und Versorgung stellten sich, Mehrzweckhallen in Ramershoven, Queckenberg und Hilberath wurden zu Unterkünften umgewandelt, die Wohncontaineranlage im Schornbusch wurden aufgebaut. Das Sozialamt und die Verwaltung der Stadt wurde mit flüchtlingsrelevanter Zusatzarbeit überflutet.

Die Flüchtlinge, alle durch ein langwieriges, komplexes Asylanhörungsverfahren höchst verunsichert, mussten buchstäblich an die Hand genommen werden. Zeitweise bis zu 180 Helfer kümmerten sich um das Flüchtlingswohl und sorgten somit auch für den sozialen Frieden innerhalb der Flüchtlingsgemeinschaft und für Akzeptanz bei der Bevölkerung, die der Initiative grundsätzlich wohlgesonnen war. Ein gemeinsamer Lernprozess zwischen Stadtverwaltung und Helferkreis setzte ein; wurde der engagierte Helfer zunächst als störender Faktor in der täglichen Arbeit einer ohnehin ausgelasteten Verwaltung gesehen, zeigte sich bald die Erkenntnis, dass ohne die ehrenamtliche Unterstützung die Herausforderungen nicht zu meistern waren.

So weit so gut: Vieles ist in gemeinsamer Arbeit erreicht worden. Eine nicht geringe Zahl von Flüchtlingen hat leidlich gut Deutsch gelernt und einen Job gefunden. Einige haben eine Wohnung gefunden, sogar neue Lebensgemeinschaften durch Wohngemeinschaften oder als Mieter in Privathaushalten sind entstanden. Also, alles prima? Nicht wirklich, man darf sich zwar auf dem rechten Weg wähnen, dennoch bleiben dicke Bretter zu bohren. Helferorganisationen zeigen zunehmend Ermüdungserscheinungen, die anfängliche Begeisterung ist Ernüchterung über die Grenzen der Machbarkeit gewichen. Die Helfer dürfen stolz auf das Erreichte sein und sollten zuversichtlich sein, auch die künftigen Herausforderungen zu meistern. Wir schaffen das!

"Was hätten wir denn sonst tun sollen?"

Heike Jüngling, 43, war als Sozialdezernentin in Königswinter für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständig: „Die Flüchtlingswelle hat uns in die Notsituation gebracht, die Notunterkunft in der Turnhalle Palastweiher einrichten zu müssen. Wir wurden nur wenige Tage vorher informiert, dass die Flüchtlinge kommen. Das kam für uns alle sehr plötzlich. Der Fokus damals lag darauf, sehr schnell zu handeln, ein Dach über dem Kopf zu schaffen, die medizinischen Untersuchungen zu organisieren, für das Essen zu sorgen. Ich war überwältigt, und bin es nach wie vor, von den vielen Menschen, die geholfen haben – finanziell wie tatsächlich vor Ort. Vom ersten Tag an merkte man, dass man nicht allein ist. Das war nicht ich, das waren die Kollegen, die auch alle bereit waren, am Wochenende und bis spätabends anzupacken. Das fand ich gigantisch. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen.

Was hätten wir denn sonst tun sollen? Was mich nach wie vor daran freut, ist, dass kommunale Behörden mal in einem anderen Licht dargestellt wurden. Wir konnten unter Beweis stellen, dass wir das schnell hinkriegen. In der Zeit haben sowohl die Bevölkerung als auch die Politik unterstützt. Wenn andere Themen auch gemeinsam so angepackt würden, könnte man schnell viel erreichen. Heute hat sich der Fokus geändert. Jetzt geht es um die Frage der Integration, die schwieriger und viel komplexer ist, weil sie so viele Faktoren hat. Von der Frage des Spracherwerbs über die Frage, wie läuft es in den Kitas und Schulen und bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Da gibt es sehr viele Probleme. Das übersieht man oft, weil die Flüchtlingswelle heute nicht mehr im Mittelpunkt steht, obwohl viele meiner Kollegen heute noch täglich damit beschäftigt sind.“

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