JVA Siegburg

Projekt gegen Gewalt scheitert an Sprachlosigkeit

SIEGBURG. Gewalt ist allgegenwärtig. Im Fernsehen, in Schulen und - in besonderer Form - in den Gefängnissen. Das ist nicht erst seit dem Foltermord in der Justizvollzugsanstalt Siegburg bekannt. Der tragische Fall vom 11. November 2006 hat diese Tatsache aber ins Bewusstsein gerückt.

Gegen die Gewalt angehen, das hat sich Dirk Heinrichs, alias Lenny Winkler aus der Fernsehserie "Die Sitte", vorgenommen. Der Schauspieler hat vor zweieinhalb Jahren sein Projekt "Sprache gegen Gewalt" gestartet. Dabei arbeitet der Kölner überwiegend mit Schülern, dreht mit ihnen Filme und konzipiert Theaterstücke über Gewalt.

Seit einem Jahr geht Heinrichs auch ins Siegburger Gefängnis. Mit seiner Projektarbeit hilft er Jugendstrafgefangenen, ihr Verhältnis zur Gewalt und ihre aktuelle Lebenssituation zu reflektieren. Immer die zentrale These im Hintergrund: Wer spricht, schlägt nicht! Und so will er insbesondere jugendlichen Gewalttätern die Fähigkeit vermitteln, über ihre Wünsche aber auch Enttäuschungen zu sprechen und sich damit von den alten, gewalttätigen Verhaltensmustern zu verabschieden.

Dem TV-Kommissar fällt es nicht schwer, das Vertrauen der jungen Menschen zu gewinnen, denn er kann in seinen Fernsehrollen selbst gut zupacken und ist mit entsprechendem Muskelpolster ausgestattet. Seine Theatergruppe in der JVA Siegburg besteht aus zwölf Gefangenen mit zehn Nationalitäten. Gemeinsam hat die "Theater-AG" der besonderen Art nach einem allgemein gelobten Dokumentarfilm ein Stück über Gewaltausbrüche im Gefängnis entwickelt.

Ursprünglich war geplant, das Bühnenwerk Schulklassen vorzuführen, die den Knast auf dem Stallberg einen Besuch abstatten. Doch damit soll nun Schluss sein. Die Gefängnisleitung untersagte die Fortführung des Projektes. Offizielle Begründung: "Wir haben mit Herrn Heinrichs eine schöpferische Pause vereinbart", sagte JVA-Leiter Wolfgang Klein auf Anfrage. Es sei aber denkbar, dass zu einem späteren Zeitpunkt wieder ein Zusammenarbeit möglich werde.

Heinrichs selbst sieht das anders: "Tatsächlich ging es um ein Zeitungsinterview, in dem ich mich über die JVA Plötzensee und Siegburg geäußert habe. Da ist etwas vermischt worden", sagt er. "Anschließend hieß es, ich habe den Boden für eine weitere Zusammenarbeit zerstört." Er fürchtet, dass sein Projekt damit gescheitert ist.

Hinter vorgehaltener Hand war zu hören, dass der eigentliche Grund für das Scheitern des Projektes sei, dass Heinrichs sich nicht genug von den Gefangenen abgegrenzt habe und sich von einigen habe Instrumentalisieren lassen. Letztendlich habe der Schauspieler gegenüber JVA-Bediensteten nicht die nötige Sensibilität gezeigt und sich deshalb mit ihnen überworfen.

Dabei ist der Schauspieler stolz auf die vorbeugende Wirkung seiner ehrenamtlichen Arbeit. Immerhin habe er vor allem mit den "Alpha-Tieren" gearbeitet und von denen sei anschließend keiner mehr durch Gewalt auffällig geworden. Er persönlich wünscht sich, dass er "das Theaterstück noch rüberbringen kann".

Seine Erfahrungen hat Heinrichs, der auch als Gastdozent an der Kölner Universität tätig ist, in Buchform veröffentlicht. Titel: "Da hab ich nur noch Rot gesehen!" Darin interviewt der Schauspieler inhaftierte jugendliche Gewalttäter und deren Opfer, aber auch Justizvollzugsbeamte, Polizisten und Erziehungswissenschaftler kommen zu Wort.

Und was dort aus der Praxis zu hören ist, offenbart mehr über die Hintergründe von Gewalt als so manches Lehrbuch. Insbesondere die zu Wort kommenden Täter zeigen eine klare Sicht auf die eigenen Taten.