Gedenken an Menschenretter

Oskar Schindlers 110 Geburtstag

SIEGBURG. Der Siegburger Autor Werner Schneider beschäftigt sich intensiv mit Oskar Schindler. Er vermisst in Deutschland die Anerkennung für den Menschenretter.

Das Thema lässt ihn einfach nicht los. Gerade jetzt, da in Deutschland eine Antisemitismusdebatte geführt wird, treibt es ihn wieder um. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Siegburger Werner Schneider mit Oskar Schindler, der gegen Kriegsende 1200 Juden vor der Ermordung bewahrte. Schindler, der Fabrikant, der sich vom Nazi und Kriegsgewinnler zum Menschenretter wandelte, wurde hierzulande erst durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ bekannt. Doch dessen Veröffentlichung liegt auch schon fast 25 Jahre zurück. Schindler gerate in Deutschland mehr und mehr in Vergessenheit, bedauert Schneider. Heute wäre er 110 Jahre alt geworden.

Schneider fasziniert die Lebensgeschichte

„In Deutschland tut man sich schwer mit dem Gedenken an Schindler“, sagt Schneider, der von 1969 bis 1997 Lehrer am Rhein-Sieg-Gymnasium in Sankt Augustin war. Anschließend legte er eine Dissertation über den Industriellen vor, und im Siegburger Bernstein-Verlag veröffentlichte er inzwischen eine kompakte Abhandlung über die Lebensgeschichte und den oscarprämierten Spielberg-Film von 1994. Der Starregisseur griff damals auf eine literarische Vorlage zurück: „Schindlers Ark“ (Schindlers Arche) von Thomas Keneally. Als das Buch 1983 in Deutschland erschien, nahmen nur wenige Notiz davon. Darunter Schneider: „Schon damals faszinierte mich die Lebensgeschichte Schindlers“, erinnert sich der 77-Jährige, der im Laufe der Zeit zahlreiche Quellen auswertete und mit unmittelbar beteiligten Zeitzeugen wie Mietek Pemper sprach.

Oskar Schindler (1908-1974) war ein vermögender Lebemann, der vom NS-Regime profitierte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen ging er nach Krakau, baute dort eine Emailfabrik und mehrte seinen Reichtum, durch militärische Aufträge und durch Schwarzhandel. Rund 1000 jüdische Männer und Frauen arbeiteten für ihn. Als die Russen 1944 auf dem Vormarsch waren, nahm sein Leben die entscheidende Wende: Er setzte sich nicht ab, sondern hielt seine Hand schützend über seine Arbeitskräfte.

Sie waren auf Listen verzeichnet. In einer „gigantischen Anstrengung“, so Schneider, verlegte er seine Fabrik von Krakau nach Brünnlitz und rettete damit 1200 Männer, Frauen und Kinder vor der Ermordung in Konzentrationslagern. Die Geretteten dankten es ihm nach dem Krieg, indem sie ihn unterstützten. Als Unternehmer fasste er nicht mehr Fuß, er starb verarmt und krank. Anerkennung fand er besonders in Israel, wo er den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ erhielt. Seine Fabrik in Polen ist heute Museum.

Im Unterricht nicht mehr behandelt

Zwar bekam Schindler 1966 das Bundesverdienstkreuz, doch halten sich die Würdigungen hierzulande im Rahmen. Er wird längst nicht so verehrt wie die Geschwister Scholl, längst nicht so zum leuchtenden Vorbild erhoben wie Hitler-Attentäter Stauffenberg. In nur wenigen deutschen Städten sind Straßen nach Schindler benannt. Im Unterricht würden er und der Film nicht mehr systematisch behandelt, berichtet Schneider. Das Thema habe etwa ab 2005, nach der Änderung von Lehrplänen, an Bedeutung verloren.

Schneiders „Trommeln für Oskar“, wie er es selbst nennt, findet nicht überall Anklang. Ob Medien, Schulen, der Philologenverband oder die Bundeszentrale für politische Bildung – überall bot der Pädagoge Texte oder Vorträge an. Das Ergebnis: durchwachsen. „Da hieß es: 'Das Thema Schindler ist durch'. Wenn ich denn überhaupt eine Antwort bekommen habe.“

Ambivalenz mache die Figur interessant

Warum das so ist? „Natürlich findet man viel Negatives über Schindler. Er war Nazi mit goldenem Parteiabzeichen, Weiberheld und Trunkenbold“, so der Autor. „Doch im entscheidenden Moment wurde er zum Lebensretter.“ Eben diese Ambivalenz mache die Figur gerade für Heranwachsende interessant – Schindler als Türöffner zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, aber auch Themen wie Solidarität und Menschlichkeit. „Jugendliche sind davon fasziniert, heute ebenso wie damals nach Erscheinen des Films“, sagt der 77-Jährige. Denn ab und an spricht er noch vor Schülern. Wenn ihn eine Schule einlädt, so wie das Siegburger Anno-Gymnasium.

Werner Schneider: Oskar Schindler – Steven Spielberg. Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt. Bernstein, Bonn/Siegburg 2016.