Bundesgrenzschützer Reumont

Misstrauen und Angst prägten den Alltag

06.11.2014 NIEDERKASSEL. Es war ein Bericht im Bonner General-Anzeiger, der Manfred von Reumont aktiv werden ließ. Dort war am 7./8. November 2009 zu lesen, dass eine Rheinbacher Familie, die sich in Berlin mit DDR-Devotionalien ausgestattet hatte, eine sogenannte Ostalgie-Fete in FDJ-Hemden und mit Papier-DDR-Fähnchen feierte.

"Für mich der Versuch, diese Zeit hochleben zu lassen", ärgert sich Manfred von Reumont, einst Grenzschützer an der deutsch-deutschen Grenze, noch heute. Das konnte und wollte er auf keinen Fall auf sich beruhen lassen.

Es waren eigene Erfahrungen und Erinnerungen an diese Grenze, die ihn nicht ruhen ließen: Seit nunmehr fünf Jahren reist von Reumont durch die Republik, um insbesondere jungen Menschen zu erklären, wie menschenverachtend er das System der DDR erlebt hat und was sich an der streng gesicherten Grenze zur sowjetisch besetzten Zone (SBZ) zutrug.

Schon allein die Bilanz entlang der Grenze zur SBZ, die fünf Millionen Flüchtlinge hervorbrachte, empfindet er als erschreckend. Die Grenze war ein ausgeklügeltes System mit mehreren Zäunen, dazwischen der Spurensicherungsstreifen, auch Todesstreifen genannt, Minenfelder mit 1,4 Millionen Splittermienen, Beobachtungs- und Schießtürme, Sperrgräben für Fahrzeuge, Hundelaufanlagen, Stolperdraht, 60 000 Selbstschussanlagen an Kontaktdrähten, die bei Berührung für eine taghelle Ausleuchtung des Gebietes sorgten.

"Es wurde systematisch untersucht, wo und warum Flüchtlinge durchgekommen sind", erzählt Reumont. Da sei es vorgekommen, dass die Volkspolizisten der DDR schweigend am Grenzzaun ihr Gegenüber aus dem Westen fotografierten. In einer geheimen Verschlusssache der Grenztruppe sei analysiert worden, dass in einem Zeitraum von fünf Jahren von 5000 versuchten Grenzdurchbrüchen nur 229 erfolgreich waren.

Schon 1954 wurde es strafbar für die Bürger der DDR, die Grenze ohne ausdrückliche Erlaubnis zu überqueren. Dennoch gelang es auch nach dem Verbot vielen Flüchtlingen, die Sperrzone zu durchbrechen. Mindestens 1135 starben dabei. Der Mauerbau in Berlin und der Ausbau der Landesgrenze als "antifaschistischer Schutzwall" 1961 sei nichts weiter als der Versuch gewesen, noch mehr Menschen von der Flucht in den Westen abzuhalten, sagt von Reumont.

Zwar habe die DDR-Führung immer bestritten, dass es einen Schießbefehl an der Grenze gebe, dennoch sei klar festgelegt gewesen, dass bei Spionen und Provokateuren ebenso wie bei Verrätern von der Schusswaffe Gebrauch zu machen sei. Das Gute: "Es gab auch Soldaten des NVA-Kommandos Staatsgrenze West, die bewusst danebengeschossen haben", so von Reumont.

Am meisten erschüttert ihn bis heute das abgrundtiefe Misstrauen und die Angst unter den Grenzsoldaten damals. Er berichtet, dass die bundesdeutschen Grenzschützer immer wieder erlebt hätten, dass die Doppelstreife auf DDR-Seite an ihnen vorüberzog - der erste Grenzpolizist reglos, der zweite dahinter habe gegrüßt. Beim Rückweg sei dies genau umgekehrt gewesen. "Man hatte Angst, dass Fehlverhalten, wie der verbotene Westkontakt, sofort gemeldet und bestraft würde", erklärt von Reumont. Denn schließlich sei jeder fünfte Soldat auch Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gewesen - also nichts anderes als ein Spitzel.

Dennoch gab es auch uniformierte Überläufer, erinnert sich von Reumont. Das sei immer etwas Besonderes gewesen. Während der Befragung eines flüchtigen Grenzsoldaten sei ein zweiter Überläufer in den Standort gebracht worden. Zufällig begegneten sich beide im Flur des Stabsgebäudes: "Beide erstarrten zunächst, um dann in einen Schreikrampf auszubrechen", beschreibt von Reumont die Situation. Es habe sich herausgestellt, dass sich beide nur zu drei Jahren Grenzdienst verpflichtet hatten, um eine Chance zur Flucht zu haben. Obwohl sie immer wieder auch gemeinsam Streife gingen, habe sich keiner dem anderen anvertraut.

Der Niederkasseler Grenzschutzbeamte im Ruhestand musste während seiner 42-jährigen Dienstzeit nicht miterleben, wie Flüchtlinge an der deutsch-deutschen Grenze erschossen wurden. Er ist sich jedoch sicher: "Ich hätte ohne Zögern von der Schusswaffe Gebrauch gemacht, wenn ich damit ein Leben hätte retten können." Seine Erfahrung aus dem DDR-Regime: "Die Freiheiten, die die Demokratie uns bietet, sind nicht selbstverständlich, man muss dafür etwas tun", appelliert er vor allem an junge Menschen, sich zu engagieren. Bisher hat von Reumont seinen Zeitzeugenvortrag mehr als 40 Mal gehalten. "Das ist mein Beitrag, denn diese deutsch-deutsche Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten."

Zur Person

Manfred von Reumont wurde im März 1941 in Litzmannstadt geboren. Von 1959 bis 1972 war von Reumont überwiegend an der damaligen Demarkationslinie (DL), der späteren "Zonengrenze" und zuletzt "Staatsgrenze West der DDR", an verschiedenen Standorten eingesetzt. 1972 wurde er nach Bonn versetzt und zog aus dem BGS-Standort Duderstadt zunächst nach Bad Honnef. Er lebt seit 1977 in Niederkassel. Er war in verschiedenen Funktionen (unter anderem Adjutant und Sachbearbeiter Organisation und Einsatz, Hundertschaftsführer, Sachbereichsleiter) und BGS-Dienststellen (Sankt Augustin-Hangelar und Bonn) tätig, darunter 13 Jahre im Führungs- und Lagezentrum des BMI Bonn. Nach 42 Dienstjahren ging von Reumont als "Erster Polizeihauptkommissar im BGS" in den Ruhestand.

Kontakt: mvr@mourage.com. (Martina Welt)