Tagung "Familien ohne Gewalt"

Misshandlung ist mehr als körperliche Gewalt

Wie viele Facetten das Problem Gewalt gegen Frauen hat, darüber berichten die Referenten im Siegburger Stadtmuseum. FOTO: MARCEL DÖRSING

Wie viele Facetten das Problem Gewalt gegen Frauen hat, darüber berichten die Referenten im Siegburger Stadtmuseum. FOTO: MARCEL DÖRSING

Siegburg. Systematisches Kontrollverhalten, Unterdrückung, Isolation oder Entwertung sind alles Formen von Gewalt gegen Frauen oder Kinder. Vertreter von Frauenhäusern und Jugendhilfen diskutieren über das Gesellschaftsproblem in Siegburg.

Verschiedene Stellen zusammenbringen und den Blick öffnen für die vielen Facetten des Problems Gewalt gegen Frauen – das ist das Ziel der ersten Tagung „Familien ohne Gewalt“, die der Troisdorfer Verein „Frauen helfen Frauen“ im Rahmen seines 25. Jubiläumsjahres am Mittwoch im Siegburger Stadtmuseum organisiert hat. Wie drängend das Problem ist, das weiß der Verein seit längerer Zeit aus eigener Erfahrung: Zur Lösung der Platzprobleme in seinem bestehenden Frauenhaus sucht er derzeit in Troisdorf und Umgebung händeringend nach einer neuen Unterkunft für schutzsuchende Frauen und Kinder. Wie groß das Interesse an dem Thema ist, zeigt aber auch die Tagung selbst. 110 Vertreter von Kommunen, Jugendhilfeeinrichtungen, Frauenhäusern, Familiengerichten, Kinderärzte und viele andere Teilnehmer fanden sich im Stadtmuseum ein, verfolgten Vorträge und nutzten die Gelegenheit zum Austausch.

Suchen Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, Hilfe, haben sie es nicht selten mit einer Vielzahl unterschiedlicher Behörden und Angebote mit jeweils eigener Problembetrachtung zu tun, erklärte Michiko Park aus dem Vorstand des Troisdorfer Vereins. „Es kommt vor, dass man sich in der Arbeit für Betroffene manchmal als Einzelkämpfer fühlt“, so Park. Im Umfeld von Gerichtsprozessen erlebe sie es zum Beispiel immer wieder, dass Gewalt nur als körperlicher Angriff Gegenstand des Interesses sei. „Gewalt kann aber sehr viel mehr sein als das“, so Park. In welchen Kontexten und Erscheinungsformen häusliche Gewalt auftritt, erklärte zu Beginn der Tagung Barbara Kavemann, Soziologin des Frauenforschungsinstituts Freiburg. Gewalt komme einerseits als systematisches Kontrollverhalten vor, so Kavemann. Zum weit überwiegenden Teil sind es dabei Männer, die in Paarbeziehungen die Täter sind. Die Folgen auf die Opfer sind schwerwiegend, nicht selten eskaliert die Gewalt.

Daneben kann Gewalt aber auch als spontanes Konfliktverhalten vorkommen, angewandt vom männlichen ebenso wie vom weiblichen Partner. Kavemann zeigte aber auch: Misshandlung ist mehr als körperliche Gewalt. Sie kann auch in Form von Unterdrückung, Isolation oder Entwertung in einer Beziehung vorkommen. Betroffen sind nicht nur Frauen, sondern sehr oft auch Kinder und Jugendliche – ein Umstand, dem inzwischen auch das Troisdorfer Frauenhaus Rechnung getragen hat, indem es sich zum „Frauen- und Kinderschutzhaus“ umbenannt hat.

„Wenn Mütter mit Kindern Schutz suchen, dann laufen die Kinder nicht einfach nur mit, sie kommen als eigene Zielgruppe“, sagte Elke Schmidt-Sawatzki, Landesvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW und Geschäftsführerin des Frauenhauses „Hexenhaus“ im Kreis Minden-Lübbecke. Umso wichtiger sei es, dass Frauenhäuser ausreichend finanziell ausgestattet seien und dass ihre Finanzierung nicht jedes Jahr erneut zur Disposition steht.

Schmidt-Sawatziki begrüßte, dass die Landesregierung für 2019 eine Erhöhung der Förderpauschalen für Frauenberatungsstellen plant und weitere Plätze in Frauenhäusern schaffen will. „Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.“ Moderiert wurde die Tagung von Journalistin Cornelia Benninghoven. Weitere Referenten waren Sozialarbeiter Alexander Krittko sowie Sozialpädagoge Andreas Schmiedel.