Anno-Gymnasium

Melissa Müller liest aus ihrem Buch "Das Mädchen Anne Frank"

Für ihr Buch hat Melissa Müller von 1990 an recherchiert, Historiker, Archivare sowie Zeitzeugen befragt.

SIEGBURG. Die Botschaft an die Schüler der 12. Klassen des Anno-Gymnasiums war klar, dazu musste Bestseller-Autorin Melissa Müller nicht einmal selbst das Wort an die Zuhörer in der Aula richten.

Zur Einführung ihrer Lesung spielte sie eine Sequenz aus dem Film "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" ein, in dem die Privatsekretärin des "Führers", Traudel Junge, sagt: "Eines Tages bin ich an der Gedenktafel für die Sophie Scholl vorbeigegangen, und da habe ich gesehen, dass sie mein Jahrgang war. Und dass sie in dem Jahr, als ich zu Hitler kam, hingerichtet worden ist. In dem Moment habe ich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, jung zu sein."

Den Film drehte André Heller, den Kontakt mit Junge hatte Melissa Müller hergestellt. Thema der Lesung auf Einladung durch den Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln in Kooperation mit dem Kreiskatholikenrat Rhein-Sieg und dem Anno-Gymnasium war das Leben der Anne Frank.

Von 1990 an hatte Müller recherchiert, Historiker, Archivare sowie Zeitzeugen befragt und war bis nach Israel und in die USA gereist. Sie wollte mit ihrem Buch "Das Mädchen Anne Frank" Lücken im Tagebuch des Mädchens schließen. Die Biografie der Autorin erregte nach Fertigstellung und Veröffentlichung 1998 internationales Aufsehen, das Buch wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Am Montag las die gelernte Journalistin aus ihrer überarbeiteten Neuauflage, die 30 Prozent neues Material enthält und erst im April veröffentlicht wurde. Bei der gesamten Lesung hatte man einerseits ein naives und "kindisches dummes Ding", wie Traudel Junge sich selbst bezeichnete, vor Augen, andererseits die gleichaltrige Anne, die schon früh die Schrecken der Judenausgrenzung, -verfolgung, -deportation und -vernichtung erahnte, in ihrem Tagebuch niederschrieb und die grausame Wirklichkeit hautnah erlebte.

Die selbstkritischen Gedanken von Hitlers Sekretärin, die erst mit 81 Jahren öffentlich über ihre Vergangenheit redete, sind gleichzeitig eine Mahnung an kommende Generationen. Sie fragte sich, was sie hätte wissen können und müssen. Der unausgesprochene Appell kam bei den Schülern im Auditorium an: Jung sein ist keine Entschuldigung wegzuschauen.