Nach Brand in Siegburg

Manu Gardeweg aus Lohmar koordiniert Spendennetzwerk

Rhein-Sieg-Kreis. Die 53-Jährige koordiniert mit ihrem Netzwerk die Spenden nach dem verheerenden Brand in Siegburg. 70 neue Mitstreiter unterstützen sie bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit.

Nach zwei Wochen Dauereinsatz ist bei Manu Gardeweg und ihrem Team etwas Ruhe eingekehrt. Wobei Ruhe vielleicht zu viel gesagt ist. „Unsere Arbeit hat das normale Maß erreicht“, sagt die Frau, die mit ihrem Netzwerk „Lohmar hilft“ das große Spendenaufkommen nach der Brandkatastrophe von Siegburg koordiniert hat. Noch immer sortieren sie und ihre Mitstreiter in ihrem Lager im Troisdorfer Industriepark Kleidung, noch immer laufen Spenden ein. Und noch immer kann Gardeweg nicht fassen, wie groß die Hilfsbereitschaft nach dem Brand, bei dem am 7. August im Siegburger Stadtteil Brückberg sieben Häuser zerstört wurden, war.

Montags ist Ruhetag im Lager auf dem ehemaligen Gelände der Dynamit Nobel, und Manu Gardeweg genießt die Ruhe in ihrem kleinen Lager unweit der Agger in Lohmar. Jacken hängen an Kleiderstangen, Töpfe, Gläser, Geschirr oder Spiele stehen bis unter die Decke in Regalen. „Das ist mein Begegnungsraum“, sagt die 53-Jährige. Sie sitzt auf einem Kissen und blickt nach draußen. Dort hüpft Ziegenbock „Findus“ über die Wiese. Er kam als Findelkind zu ihr, seither zieht sie ihn mit der Flasche groß. In Aggerhütte kommen Leute vorbei, bringen Spenden mit und Zeit für einen Plausch, erzählt Gardeweg. Sie wirkt entspannt, auch wenn die Gedanken weiter kreisen und ihr Handy nicht stillsteht. Da ist eine Frau aus Viersen, der sie sagen muss, dass sie keine Möbelspenden mehr annehmen kann, da ihr Lager überläuft. Oder ein Anrufer, der seine Hilfe im Lager anbietet.

„Wir haben Spendentransporte in die Waldbrandgebiete in Griechenland vorbereitet“, erinnert sich Gardeweg an jenen Dienstag Anfang August. Das Lager der Initiative, die sich 2015 in der Flüchtlingshilfe gegründet hat, ist zu diesem Zeitpunkt schon voll mit Hilfsgütern aller Art. „Wir halten sie vor, um Brandopfer, Flüchtlinge, Obdachlose und andere Bedürftige in der Region und weltweit zu versorgen“, sagt die Mutter eines erwachsenen Sohnes. Hilfe brauchen auch die Familien, die bei dem verheerenden Feuer in Siegburg den Großteil ihres Hab und Guts verloren haben. Noch am Abend wird Gardeweg aktiv.

900 Mitglieder

Am Tag darauf beginnt sie mit Ehrenamtlichen, erste Spenden zu sammeln und zu sortieren. Was danach geschieht, übertrifft alle Erwartungen. Allein in der von der Stadt Siegburg in der früheren Hauptschule im Haufeld eingerichteten Sammelstelle gehen 4,5 Tonnen an Kleiderspenden ein. „Dazu kommen Möbel, Geschirr und Ähnliches“, so Gardeweg. „Insgesamt ist unser Lager um neun Tonnen an Kleidern gewachsen“, sagt sie. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) leiht ihr ein Zelt, damit sie die Hilfsgüter überhaupt lagern kann.

Nicht nur das Lager ist gewachsen, auch das Team um Gardeweg. „Es kamen fremde Menschen, um uns zu helfen“, sagt die gelernte Versicherungskauffrau. Viele hätten ihren Urlaub genutzt, um mit anzupacken. Die meisten sind geblieben, sodass sie jetzt 70 neue Mitstreiter hat. Darunter auch einige der Betroffenen. „Es ist schön, wenn man Leute so für eine Sache begeistern kann.“ Manu Gardeweg selbst brennt für ihre ehrenamtliche Arbeit. Sie sprüht geradezu vor Energie und vor Ideen. Mit 18 Jahren hat sie angefangen, sich zu engagieren. Zunächst 15 Jahre lang im Katastrophenschutz beim DRK in Köln, dann zog sie in den oberbergischen Kreis – und machte dort weiter. Senioren, Obdachlose, Brandopfer, Flüchtlinge – ihr Herz gehört denjenigen, die Hilfe benötigen. Auch in ihrem Job als private Arbeitsvermittlerin, für den ihr kaum mehr Zeit bleibt. „Ich möchte Menschen wieder in die Spur bringen“, sagt die Frau, die sich als Chancengeberin sieht.

Am Morgen war sie beim Finanzamt. Aus ihrem Netzwerk soll ein Verein werden. Damit will Manu Gardeweg das, was sie binnen drei Jahren aufgebaut hat, für die Zukunft sichern. Unruhige Zeiten liegen hinter ihr und ihrem Netzwerk, das 900 Mitglieder zählt und dem sich 80 Organisationen aus dem Kreis, Bonn und Köln angeschlossen haben. „Wir mussten mehrfach neu anfangen“, sagt sie. 2015 standen sie mit 8000 Kartons auf der Straße, zogen dann von Siegburg nach Troisdorf-Spich, wo der Waschmittelhersteller Thurn kostenfrei eine Halle zur Verfügung stellte. 350 Paletten umfasste das Spendenvolumen, als sie Mitte 2018 auch dieses Lager räumen musste. Wieder fand Gardeweg Ersatz. „Wir haben mit jedem Umzug unsere Organisation verbessert und den Spendenumfang vergrößert“, sagt die Lohmarerin.

Noch ist unklar, wie sie auf Dauer die Hallenmiete in Troisdorf stemmen soll. Aber das bringt die 53-Jährige nicht aus der Ruhe: „Panik kenne ich nicht, ich sehe die Dinge immer positiv.“ Nichts passiere ohne Grund. Für ihre Halle hat sie bereits diverse Lösungen im Kopf und zudem Ideen für neue Projekte. Als Stress empfindet sie all ihre Aufgaben nicht: „Es macht mir Spaß.“ Das gelinge aber nur, weil ihr Mann hinter ihr stehe. Und es gibt sie dann doch, die ruhigen Momente: Der Sonntag ist Gardeweg heilig, er gehört ihr und ihrer Familie. Und wenn sie abends nach Hause kommt, genießt sie mitten im Wald die Ruhe – und die Gesellschaft von rund 50 Tieren, die sie aufpäppelt.