Interview mit Eberhard Greiser

"Lesefähigkeit nimmt dramatisch ab"

Rhein-Sieg-Kreis. Dass Fluglärm der Gesundheit schadet, darüber gibt es zahlreiche Untersuchungen. Einige stammen von Eberhard Greiser, emeritierter Professor für Epidemiologie und medizinische Statistik der Universität Bremen.

Er zählt zu den Unterzeichnern des Offenen Briefs, den Lärmschutz-Initiativen anlässlich des Weltkindertags an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gerichtet haben.

Inwieweit machen sich bei Kindern schädliche Auswirkungen durch Fluglärm bemerkbar?
Eberhard Greiser: Man kann davon ausgehen, dass Kinder vielfach betroffen sind, wenn sie dauerhaft Fluglärm ausgesetzt sind. Das zeigt zum Beispiel das RANCH-Projekt aus dem Jahre 2006, das in Großbritannien, Spanien und den Niederlanden angesiedelt war. Dabei kam heraus, dass die Lernfähigkeit bei neun- bis elfjährigen Grundschülern beeinträchtigt wird. Mit zunehmendem Fluglärm nimmt die Lesefähigkeit dramatisch ab. Das trifft Kinder in einer ganz entscheidenden Phase. In diesem Alter entscheidet sich ja, welche weiterführende Schule sie besuchen.

Wie konnte man denn herausfinden, dass allein der Fluglärm daran schuld ist?
Greiser: Es sind bei diesem Forschungsprojekt alle möglichen Faktoren untersucht worden. Da wurde zum Beispiel immer berücksichtigt, aus welchem sozialen oder familiären Umfeld die Kinder kommen, ob es einen Migrationshintergrund gibt und so weiter. Die negativen Folgen für die Lernfähigkeit lassen sich unabhängig von all dem am Fluglärm festmachen. Da lässt das RANCH-Projekt nichts zu wünschen übrig. Eine Folgestudie zeigte zumindest in den Niederlanden noch andere Auswirkungen. Da wurde bei Kindern ein erhöhter Blutdruck festgestellt. Das ist zumindest ein Warnhinweis. Daraus kann sich möglicherweise in späteren Jahren ein krankhafter Bluthochdruck entwickeln.

Kinder wachsen heute aber auch mit einer viel stärkeren Reizüberflutung auf als früher. Werden sie dadurch nicht resistenter gegen Einflüsse wie Fluglärm?
Greiser: Nein. Das Verrückte ist ja: Auch wenn man den Fluglärm nicht unmittelbar wahrnimmt, wirkt er sich auf den Körper aus. Es gibt ja Leute, die sagen: "Ich höre den Lärm gar nicht mehr." Der Lärm aber kommt übrigens auch während des Schlafs im Ohr an, und er führt zur Ausschüttung von Stresshormonen aus der Nebennierenrinde. Das führt zu erhöhtem Blutdruck und auf die Dauer dann eben zu Bluthochdruck. Dieser kann zu Herzinfarkt, Herzschwäche oder zum Schlaganfall führen.

Lässt sich das an realen Beispielen belegen?
Greiser: Ja. Wir haben vor einigen Jahren im Auftrag des Bundesumweltamtes im Rhein-Sieg-Kreis, im Rheinisch-Bergischen Kreis und in der Stadt Köln eine epidemiologische Studie gemacht, bei der es um den nächtlichen Fluglärm ging. Wir konnten dafür auf die Daten einer Million Versicherter von acht gesetzlichen Krankenkassen zurückgreifen. Unter anderem haben wir Arzneiverordnungen und Krankenhausentlassungsdiagnosen ausgewertet. Unterm Strich kann man sagen, dass das Risiko für Schlaganfälle und Herzkreislauferkrankungen, aber auch für Nierenschwäche und Demenz ab einem nächtlichen Fluglärm von mehr als 40 Dezibel steigt. Und das ist vergleichsweise leise.

Im ersten Halbjahr 2014 lag der durschnittliche Lärmpegel an der Messstation Stallberg nachts bei 57,2 Dezibel, in Hennef bei 50,4 Dezibel, vielfach lagen einzelne Messwerte über 65 Dezibel ...
Greiser: Das führt dann leicht zu Schlafstörungen. Die Verkürzung der Schlafdauer oder Schlafunterbrechungen können übrigens auch eine Ursache von Übergewicht und Diabetes sein. Das gilt für Erwachsene, bei Kindern fehlen noch Langzeituntersuchungen.

Das heißt, es dürfte nachts gar nicht mehr geflogen werden?
Greiser: Es gibt eine Vielzahl medizinischer Untersuchungen, die dafür sprechen. Das durchschnittliche Schlafbedürfnis beträgt sieben bis acht Stunden bei Frauen, bei Männern sechs bis siebeneinhalb Stunden. Wer dieses Maß nicht erreicht, bekommt nicht die erforderliche Ruhephase. Das wird bei vielen Flughäfen in Deutschland auch respektiert. Nehmen Sie Berlin: Da gab es ja schon einen Aufschrei, als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit beim BER die Nachtruhe auf einen Zeitraum zwischen 0 und 5 Uhr beschränken wollte. In Köln kann dagegen die ganze Nacht über gelandet und gestartet werden.

Nun argumentiert der Flughafen Köln/Bonn unter anderem damit, dass er sich für passiven Schallschutz und leisere Maschinen einsetzt. Bringt das gar nichts?
Greiser: Sicher, Schallschutzfenster bieten einen gewissen Schutz. Aber wenn es im Sommer heiß ist, können Sie unmöglich die Fenster geschlossen halten. Da brauchen Sie eine volle Klimatisierung, wie es sie in Hotels gibt. Leider hat es nie ein Planfeststellungsverfahren für den Flughafen Köln/Bonn gegeben. Dadurch sind die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung nie überprüft worden. Es wäre an der Zeit, dass die Ergebnisse unserer Studie endlich auch politisch umgesetzt werden. Die Frage ist doch, ob wirtschaftlicher Nutzen mehr zählt als die Gesundheit der Bevölkerung und die Entwicklung unserer Kinder.

Zur Person

Eberhard Greiser ist emeritierter Professor für Epidemiologie und medizinische Statistik der Universität Bremen (Zentrum für Sozialpolitik). Der 76-Jährige erlangte bundesweit Bekanntheit durch seine Studien, die sich mit den Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit befassen. Auch im Umfeld des Flughafens Köln/Bonn hat Greiser mehrfach Untersuchungen durchgeführt. Er betreibt ein Consultingbüro mit Sitz in der Eifel.