Auf dem Michaelsberg in Siegburg

Kreisdekanat diskutiert über Kirche und Gesellschaft

Diskutieren an runden Tischen: Die zahlreichen Vertreter aus kirchlichen Einrichtungen, Politik, Wirtschaft und dem Bildungssektor. FOTO: ARNDT

Diskutieren an runden Tischen: Die zahlreichen Vertreter aus kirchlichen Einrichtungen, Politik, Wirtschaft und dem Bildungssektor. FOTO: ARNDT

Rhein-Sieg-Kreis. Mehr als 70 Gäste kommen zum Dialogforum ins Katholisch-Soziale Institut. Teilnehmer sehen in der gesellschaftlichen Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken.

Die dicht beschriebenen Tafeln im Katholisch-Sozialen Institut (KSI) auf dem Michaelsberg in Siegburg zeigen, wie viele Facetten Entwurzelung hat: von Leistungsdruck und fehlender Wertschätzung ist dort ebenso zu lesen wie von Altersarmut, Klimawandel und der Forderung nach Bildung für alle. Beim ersten Dialogforum des katholischen Kreisdekanats Rhein-Sieg trafen sich am Montag mehr als 70 Vertreter aus kirchlichen Einrichtungen, Politik, Wirtschaft und Bildungssektor, um über die gesellschaftliche Herausforderung der Entwurzelung zu diskutieren.

Arbeitsstätten liegen heute oft weit entfernt vom Wohnort, die wenigsten Menschen leben in ihrer ursprünglichen Heimat, das soziale Gefüge in Gemeinden und Nachbarschaft verändert sich. Um darüber nachzudenken, was das für Kirche und Gesellschaft bedeutet, holte das Kreisdekanat zunächst Anregungen von Professor Heiner Keupp aus München. Der Sozialpsychologe berichtete in seinem Impulsvortrag über den Verlust von Sicherheiten und den Gewinn von Freiheiten. Er stellt einen permanenten Beschleunigungsdruck in Schule, Studium und Beruf fest. Auch der Staat setze immer stärker auf individuelles Risikomanagement: „Ich bin für meine Gesundheit, für meine Fitness, für meine Passung in die Anforderungen der Wissensgesellschaft selbst zuständig – auch für mein Scheitern“, erklärte Keupp. Die Alltagswelt sei außerdem so komplex geworden, dass die Menschen heute viel mehr „Lebenskompetenzen“ brauchten als die Generationen vor ihnen.

Menschen haben Sorgen und Ängste

Dabei sieht der Referent die Anstrengungen, allzeit fit, flexibel und mobil zu sein, durchaus kritisch. Viele Menschen lebten in der Sorge, nicht mehr gefragt und gebraucht zu werden. Die Folge: Sie passen sie sich an Bedingungen an, die ihnen nicht gut tun. Eine „explosive Zunahme“ von Burn-out und Depressionen seien die dramatischen Folgen, so der Psychologe.

Keupp bemerkt außerdem eine Entwicklung hin zur „Sicherheitsgesellschaft“, die darauf ziele, alles Unberechenbare, Fremde und Störende zu beseitigen. Hinzu komme eine sich verändernde Arbeitswelt. Nicht nur die Angst vor Altersarmut wachse, sondern auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes durch Verdichtung und Digitalisierung.

In der Gruppenarbeit notierten die Teilnehmer nicht nur ihre Sorgen, sondern auch die Chancen der gesellschaftlichen Veränderungen. „Für Frauen gelten viele Freiheiten nur eingeschränkt, aber immerhin gibt es sie“, stand da zum Beispiel, aber auch „freie Persönlichkeitsentfaltung“ und „weltweite Vernetzung“. Kreisjugendpfarrer Thomas Taxacher schätzt an dem neuen Format, dass es „wirklichen Dialog“ ermöglicht. Er diskutierte an seinem Tisch unter anderem mit IHK-Präsident Stefan Hagen über die fehlende Wertschätzung für Handwerk und soziale Berufe, aber auch über das christliche Menschenbild, wonach jeder seine Talente nach seinen individuellen Möglichkeiten einbringen soll und dabei auch Fehler haben darf.

Armut wird für viele Kinder zum Thema

In der Abschlussrunde auf dem Podium machte Professor Keupp noch einmal auf drängende Fragen der Zeit aufmerksam. Beispiel Klimawandel: „Er wird uns brutal treffen. Es ist gut, dass Schüler auf die Straße gehen, aber das allein reicht nicht“, sagte er. Es gebe auch noch viele weitere Gründe, um anzupacken und mitzureden, auch beim „notwendigen Systemwechsel“ in der Kirche. Der Sozialpsychologe ist seit 2016 Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. „Die Abschaffung des Zölibats und von Machtstrukturen, die zu Missbrauch beitragen, stehen dringend auf der Tagesordnung“, meint er.

Kathrin Friedrich von der Katholischen Jugendagentur Bonn erlebt bei ihrer Arbeit, dass Entwurzelung und Armut für viele Kinder und Jugendliche ein Thema sind. Sie findet das Dialogforum deshalb gut: „Es stößt viel an, was später in den verschiedenen Netzwerken wieder aufgegriffen werden kann.“ Auch Petra Gläser vom Katholischen Bildungswerk findet es wichtig, „dass wir mit dem Ohr an den Themen der Menschen sind und diese auch an die Politik weitertragen“. Ein Beispiel seien die fehlenden Arbeitsplätze für Geringqualifizierte.

Für Kreisdechant Hans-Josef Lahr war das Dialogforum ein erfolgreicher Auftakt: „Wir müssen jungen Menschen und Menschen, die in Not sind, Heimat und Orientierung geben.“ Um darüber im Gespräch zu bleiben, sollen weitere Veranstaltungen folgen.