Tiere profitieren vom Klimawandel

Immer mehr Wildschweine im Rhein-Sieg-Kreis

Frischlinge profitieren von warmen Wintern und reichem Nahrungsangebot und lassen die Zahl der Wildschweine steigen.

Frischlinge profitieren von warmen Wintern und reichem Nahrungsangebot und lassen die Zahl der Wildschweine steigen.

RHEIN-SIEG-KREIS. Die Population an Wildschweinen wächst auch im Rhein-Sieg-Kreis stetig an. Die Folge sind Schäden auf Wiesen, Feldern und auch Gärten in Wohngegenden. Das stellt die Jäger der Region vor große Herausforderungen.

Arme Wildschweine. Die wilden Borstentiere machen das, was sie immer machen, wenn sie genug zu fressen finden: mehr Wildschweine. Und, dass sie genug zu fressen finden und sich reichlich vermehren, liegt zu einem großen Teil an den Menschen. Die wiederum bejagen die Tiere aktuell verschärft, auch im Rhein-Sieg-Kreis.

Durch den Klimawandel haben Laubbäume wie Eichen und Buchen – abgesehen vom vergangenen Herbst – in den zurückliegenden Jahren reichlich Früchte produziert. „In einem sogenannten Mastjahr fällt auf einer mit Buchen bestandenen Fläche von einem Hektar rund eine Tonne Bucheckern“, sagt Klaus Mann, Veterinär beim Rhein-Sieg-Kreis. „Die Wildschweine, ohnehin in einem feucht-warmen Erdzeitalter entstanden, fühlen sich dank milder Winter und reich gedecktem Tisch sauwohl und vermehren sich dann stärker.“ Waren früher eisige Winter ein starkes Regulativ für die Wildschweinpopulationen, weil die im Winter geworfenen Frischlinge noch nicht genügend Körperwärme erzeugen können, fielen Kälte und Nässe als natürliche Todesursache aus. Dazu kommen die Veränderungen in der Landwirtschaft. 2,6 Millionen Hektar Mais wachsen auf bundesdeutschen Ackerflächen – ein Lieblingsgericht für die Allesfresser, so Mann. „Das soll aber keine Schuldzuweisung sein“, betont der Veterinär.

Schäden auch in Wohngegenden

Bei der Menge an Wildschweinen bleibt es nicht aus, dass die Schwarzkittel auch Schäden verursachen. Kreisjagdberater Norbert Möhlenbruch nennt etwa Flächen in Bad Honnef in den Wohngegenden am Siebengebirgshang, wo die Borstentiere leben und sich in Hausgärten verköstigen. Oder in Sankt Augustin, wo sich die Sauen auf einer Fläche nahe der Autobahnpolizeistation stärken. „Einwohner behaupten, Wildschweine sogar schon nachts in der Stadt gesehen zu haben“, sagt Möhlenbruch und verweist auf Berlin, wo sich bereits seit den 1980er Jahren Wildschweine in Stadtbezirken tummeln.

Auch Uwe Schölmerich, Chef des Forstamtes Rhein-Sieg-Erft, weiß von Schäden etwa zwischen Meckenheim und Bad Godesberg, wo die Wildschweine Wiesen und Felder zerwühlen. Verstärkt in die Altersklasse der Frischlinge und stärker bei den 50 bis 60 Kilogramm schweren Überläufern einzugreifen, hält er für eine probate Methode, den Zuwachs bei den Wildschweinen abzuschöpfen, ohne die Sozialstruktur der Borstentiere zu zerstören. Wenn die Afrikanische Schweinepest (ASP) komme, könne man damit mit weniger Schweinen im Wald besser umgehen. Aber: „Wenn die ASP kommt, dann kommt es auch zu einer Art Schädlingsbekämpfung, was mit Jagd nichts mehr zu tun hat. Das wird richtig schlimm“, ist der Forstmann überzeugt.

Gefahr der Afrikanischen Schweinepest

Auch die Landwirtschaft ist ob der vielen Mitesser besorgt. Allerdings würden die Schäden in der Landwirtschaft durch die Jagdpächter entschädigt. „Die kommen meist gut miteinander klar“, sagt Christoph Könen, Geschäftsführer der Kreisbauernschaft. Viel mehr Sorgen mache den Landwirten indes die Afrikanische Schweinepest, die 2017 über Georgien und Russland ins Baltikum und von dort nach Polen und Tschechien vorgedrungen ist, sagt Könen. Zwar können Menschen an der ASP nicht erkranken, dringt das Virus aber in einen Hausschweinbestand ein, wird der gesamte Bestand getötet. Das kann in Großmastbetrieben (vor allem in Norddeutschland) ganze Existenzen vernichten.

Die ASP werde allerdings kaum über Wildschweine verbreitet, sagt Kreisveterinär Mann. Das Virus werde, wenn es denn kommt, über Transportwege, sprich in Radkästen von Lastwagen, an Schuhsohlen oder über weggeworfene Wurststullen eingeschleppt. Durch intensive Jagd könne nur die Verbreitung des Virus verzögert werden. „Da müssen auch neue Wege in der Bejagung der Wildschweine gegangen werden“, sagt Elisabeth Trimborn, Vorsitzende der Kreisjägerschaft Rhein-Sieg. Sie ist selbst Bäuerin. Wenn sie auch die Diskussion um die ASP für „reine Hysterie“ hält, so sollten trotzdem vermehrt revierübergreifende Jagden stattfinden. Da müsse der Gesetzgeber mithelfen und etwa Gesellschaftsjagden an Sonntagen erlauben.

Auch ihr Kollege Lutz Schorn, Vorsitzender der Jägerschaft Bonn, zu der der linksrheinische Kreis gehört, sieht in Sachen ASP „völligen Aktionismus“, der der Lobby der Masthalter geschuldet sei. Die Schadenssituation in seinem Sprengel hält Schorn für „noch übersichtlich, wenn auch gestiegen“. So müssten auch die Bauern ihr Scherflein zur Schadensverhütung beitragen und etwa sogenannte Bejagungsschneisen im Mais anlegen, die neuerdings auch subventioniert würden.

Jägerschaft reagiert

Die Jägerschaft, so ist an den Jagdstrecken abzulesen, hat die Alarmrufe verstanden. So wurden im vergangenen Jagdjahr (1. April 2017 bis 31. März 2018) in der gesamten Wahner Heide 500 Wildschweine erlegt. Im Bereich des Forstamtes Rhein-Sieg-Erft sogar 1000, das sind 300 mehr als im Durchschnitt der Vorjahre. Klaus Mann berichtet davon, dass im Jagdjahr 2017/18 5600 Trichinenproben abgeliefert wurden, während es im Vorjahr nur 3150 Proben waren. Wildschweine müssen als Allesfresser auf Trichinen untersucht werden, und so steht jede Probe für eine erlegte Sau.

Der Druck auf Jäger wie Wildschweine bleibt hoch. Norbert Möhlenbruch: „Wir Jäger müssen den Tierschutz nach vorne stellen. Es ist nicht zu verantworten, Muttertiere von den Jungen wegzuschießen. Wildschweine sind keine Schädlinge, wir müssen ihnen mit Respekt begegnen und lassen uns nicht zu Schädlingsbekämpfern degradieren.“