Cantulia-Männlein

Hennef schenkt Siegburg das Maskottchen der Akkordeon-Fabrik

Von Stadt zu Stadt: Hennefs Bürgermeister Klaus Pipke (l.) übergibt das Cantulia-Männchen an seinen Siegburger Amtskollegen Franz Huhn.

HENNEF/SIEGBURG. Wäre er nicht leblos und aus Stein, so hätte man glatt glauben mögen, dass er ein Liedchen auf den Lippen hatte. Eine fröhliche Melodie vermutlich, untermischt mit ein paar melancholischen Begleitakkorden auf seiner Ziehharmonika - das Cantulia-Männlein trat Mittwochmorgen seinen Heimweg von Hennef nach Siegburg an.

Nach gut 60 Jahren im Kurpark der Stadt Hennef, wo der kleine Mann aus Granit seine Bleibe im Herzen des ältesten Kneipp-Standortes in NRW hatte, kehrt er nun zurück in seine Heimat. "Wohin genau", sagte Siegburgs Bürgermeister Franz Huhn, "können wir noch nicht sagen. Doch wir werden einen passenden Ort für diese tolle, schwerwiegende Gabe finden", versicherte Huhn und dankte seinem Hennefer Amtskollegen Klaus Pipke.

Der überreichte das C-Männchen, das einst als Maskottchen der Siegburger Akkordeon-Fabrik Cantulia in Siegburg stand, als Dauerleihgabe an die Heimatstadt zurück. Ein "Geschenk der Nachbarstadt zur 950-Jahr-Feier der Stadt Siegburg" sei es, sagte Pipke, und "ein Ausdruck der Verbundenheit der Kommunen".

Den "öffentlichen Blickpunkt" auf den Verbleib des Cantulia-Männchens hatte die Recherche des GA zur Siegburger Cantulia-Fabrik im vergangenen November gelenkt. Eine aufmerksame Leserin aus Hennef, Dorothee Akstinat, wusste um die Siegburger Herkunft des Maskottchens aus einem Aufsatz über das Inventar des Kurparks.

Auf einem Radlader der Stadt Hennef wurde das Cantulia-Männchen, 250 Kilo schwer und nun bereits befreit von Moos und Grünflechten der vergangenen 60 Jahre, zum Bauhof Siegburg transportiert. Dort wird es nun zunächst "auf Herz und Nieren" geprüft und gegebenenfalls restauriert. Kulturdezernentin Gundula Caspary, die sich freut, dass "ein Kind der Siegburger Geschichte in seine Heimat zurückkommt", prüft derweil die "verschiedenen Aufstellungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung des historischen Kontextes". Der weist die Cantulia als ein weltweit agierendes Siegburger Unternehmen aus, das über einen Zeitraum von 20 Jahren Akkordeon-Geschichte schrieb.

Das Fabrikgelände befand sich auf dem Gelände der 1914 geschlossenen Kattunfabrik Rolffs & Co., am Platz der heutigen Siegwerk AG. Als Siegburger Neugründung der Traditionsfirma "Kahnt & Uhlmann" setzte Cantulia-Direktor Walter Neuerburg, jüngerer Sohn der Kölner Zigarettendynastie "Overstolz" und vermutlich selbst Akkordeonspieler, auf hohe Qualitätsstandards. Als Neuerburg damals von Siegburg nach Hennef zog, nahm er das Männlein mit und schenkte es seiner neuen Heimatstadt. Seine Instrumente erlangten in Kennerkreisen schnell einen hohen Attraktivitätsgrad.

Das lässt sich an der Gründung zahlreicher "Cantulia-Orchester" im gesamten Bundesgebiet nachweisen, die mit ihrem Markenbekenntnis sogar einen künstlerischen Anspruch betonten. Ein namentliches Bekenntnis gaben und geben auch heute noch die letzten bekannten Mitarbeiter der Cantulia ab. Als "Cantulisten" bezeichneten sich der Troisdorfer Reinhold Meffert und das Siegburger Ehepaar Toni und Gisela Koch bei Gesprächen mit dem GA immer wieder selbst. Sie arbeiteten in Siegburg bis zur Werksschließung 1957 als Stimmer und Belederer bei der Cantulia.

Auch wenn das Werk letztlich dem Konkurrenzkampf mit der Firma "Hohner" unterlag, so lassen die Produktionszahlen die wirtschaftliche Blütezeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg erahnen: Vor dem Krieg produzierte die Cantulia bis zu 5000 Stück jährlich, im Krieg war sie geschlossen und produzierte ab 1945 sogar bis zu 1400 Akkordeons monatlich.

Cantulia-Akkordeons sind optisch gekennzeichnet durch das rote "C" auf der Taste der eingestrichenen, gleichnamigen Note "C". Sie werden noch heute in Auktionshäusern als Raritäten und Sammlerstücke gehandelt. Auch erfahrene Akkordeonspieler schätzen die hochwertige Arbeit und den guten Klang der einst in Siegburg produzierten Instrumente. Ein Stück dieser "klingenden Fabrik am Fuße des Michaelsberges" ist nun zurückgekehrt.