Zeichen gegen das Vergessen

Gunter Demnig verlegt in Siegburg acht neue Stolpersteine

Siegburg. Der 71-Jährige hat sein Projekt 1992 in Köln gestartet. Inzwischen hat er mehr als 70.000 seiner Stolpersteine in 24 Ländern verlegt. Nachfahrin Gaby Newfield reiste eigens aus New York nach Siegburg an.

Tief bewegt verfolgt Gaby Newfield, wie Gunter Demnig den Stein mit der glänzenden Messingplakette ins Pflaster am Siegburger Brauhof einlässt. Er trägt den Namen ihrer Großmutter Julie Seelig, die bis 1939 zusammen mit ihrem Mann Salomon in Siegburg gelebt hat. „Meine Großeltern sind im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden“, sagt Newfield. Grabsteine, die ihr Andenken wahren, gibt es nicht. Das übernehmen jetzt zwei Stolpersteine. Der für Salomon Seelig war einer der ersten Steine, die 2003 in Siegburg verlegt wurden. Seit Dienstag hat nun auch Julie Seelig ihren Gedenkstein.

„Das bedeutet mir sehr viel“, sagt Gaby Newfield, die mit ihrer Familie in der Nähe von New York lebt. Es sei ihr ein großes Bedürfnis gewesen, auch ihrer Großmutter einen Stein zu schenken, erklärt die 73-Jährige, die Patin über einen der acht am Dienstag verlegten Stolpersteine ist. Damit wächst die Zahl der glänzenden Erinnerungssteine in der Siegburger Innenstadt auf mehr als 80 an.

Seit 15 Jahren setzt der Kölner Künstler Gunter Demnig auch in der Kreisstadt mit seinen Stolpersteinen ein Zeichen gegen das Vergessen. „Die Namen im Pflaster sollen den Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht geben“, erklärt der 71-Jährige. 1992 hat er sein Projekt in Köln gestartet. Inzwischen hat er mehr als 70.000 seiner Stolpersteine in 24 Ländern verlegt. „Überall dort, wo die Deutschen ihr Unwesen getrieben haben“, so Demnig. Europaweit erfahre er überwiegend Zustimmung für seine Aktion. „In all den Jahren ist nur ein Mal die rechte Szene aufmarschiert“, sagt er. Drei schriftliche Morddrohungen habe er erhalten.

„Ich bin froh und dankbar, dass weitere Stolpersteine in Siegburg die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wahren“, sagt Bürgermeister Franz Huhn. Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus wieder aufkeime, sei das besonders wichtig. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen über die Stolpersteine stolpern“, sagt Huhn und verweist auf die für Siegburg denkwürdige Stelle, an der Demnig seinen ersten Stein des Tages verlegt: Dort wo in der Reichskristallnacht vor 80 Jahren auch die Siegburger Synagoge niedergebrannt ist.

Eben dort war Gaby Newfields Großvater Salomon Seelig Lehrer an der jüdischen Schule. 1933 endete Seeligs Dienstzeit und zusammen mit seiner Frau Julie zog er innerhalb von Siegburg mehrmals um, ehe das Paar 1939 nach Köln zog. Von dort wurden sie 1942 zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt, dann in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Gaby Newfield lebt in New York

„Mein Vater hat lange nach seinen Eltern gesucht“, berichtet Gaby Newfield. Ihr Vater Leo war das zweite von insgesamt vier Kindern der Eheleute Seelig. Bis 1938 praktizierte er als Arzt in Köln, 1939 flüchtete er nach Palästina, wo er ihre Mutter kennenlernte. „Irgendwann erhielt mein Vater eine Postkarte, aus der er schloss, dass seine Eltern ermordet wurden“, erinnert sich Newfield, die 1945 in Israel geboren und 1956 mit ihren Eltern zurück nach Köln gezogen ist.

Ihr Vater habe viel über die Großeltern erzählt. „Meine Großmutter soll eine sehr nette Frau gewesen sein“, sagt Newfield und zeigt auf ein Foto, das Julie und Salomon Seelig im Kreis ihrer Familie zeigt. Sie selbst ging 1965 nach dem Abitur nach New York, wo sie 1970 heiratete und seither mit ihrer Familie lebt. „Ich bin regelmäßig in Deutschland, auch in Siegburg“, sagt Newfield. Ihre Tante sei hier auf dem Jüdischen Friedhof begraben.

Nur wenige Meter von den Seeligs entfernt wahren seit Dienstag im Pflaster der Scheerengasse drei neue Stolpersteine die Erinnerung an die Metzgerfamilie Cohn. Samuel, Frau Selma und Tochter Ilse wurden 1941 ins Reichsarbeitsdienstlager in Much gebracht, 1942 über Köln-Deutz deportiert und in Maly Trostinec ermordet. Ähnliches verraten die neuen Gedenksteine, die in Holzgasse und Brandstraße an Eduard Feith, Sibylle Oswald, Emma Wolf und Else Koppel erinnern. Dort, wo sie zuletzt gewohnt haben.