Porträt

Früherer Alanus-Rektor führt Siegburger Denkfabrik

Professor Michael Opielka im Institut für Sozialökologie in Siegburg.

Professor Michael Opielka im Institut für Sozialökologie in Siegburg.

SIEGBURG. Der Sozialwissenschaftler Michael Opielka, einst Rektor der Alanus Hochschule, ist Gründer und Leiter des Instituts für Sozialökologie in Siegburg. Zu Besuch bei einem Querdenker.

Ein bisschen erinnert das Praxen- und Wohnhaus an der Ringstraße an ein Unigebäude aus den 1960er Jahren. Der Eingangsbereich ist großzügig, das Treppenhaus lichtdurchflutet, es dominieren Nüchternheit und klare Strukturen. Ganz verkehrt ist der Eindruck nicht. Zwar gibt es hier keine Studenten. Dafür aber einen Professor. Michael Opielka steht auf dem obersten Treppenabsatz und grüßt mit leichter Ironie: „Willkommen im Elfenbeinturm.“ Er bewohnt die oberen Stockwerke, und dort befindet sich auch sein ISÖ – das Institut für Sozialökologie.

1987 von Opielka und Mitstreitern gegründet, bietet das Institut sozialwissenschaftliche Dienstleistungen für Verbände, Stiftungen und Kommunen an. Es forscht und berät, sei es zum Ehrenamt, zur Zukunft der Altenhilfe oder zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. „Soziale Nachhaltigkeit“ lautet die Devise. Die ISÖ-Mitarbeiter sind bundesweit verzweigt, aber einmal im Monat kommen sie nach Siegburg. Er hat sich auch wegen des ICE-Bahnhofs und der Nähe zum Flughafen für die Kreisstadt entschieden.

Eigene Gesellschaftstheorien

Von seiner Dachterrasse überblickt Opielka einen Teil Siegburgs. Doch der Blick reicht viel weiter. Ihn treiben die ganz großen Zusammenhänge um. Wohin driftet die Gesellschaft? Wie kann man auf sie einwirken, dass sich die Verhältnisse bessern? Was stärkt den Zusammenhalt, was lässt ihn erodieren? Wie ist Gemeinschaft definiert? Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der 61-Jährige mit solchen Prozessen.

Er trinkt Grüntee mit Milch und ist gleich in seinem Element. Hegel und Parsons – das sind zwei Denker, die ihn mit ihren Gesellschaftstheorien beeinflusst haben. Daraus leitete er eigene Modelle ab. Nach seiner Theorie gliedert sich eine Gesellschaft in vier Systeme, grob gesagt: Legitimation (Religion, Wissenschaft), Politik, Wirtschaft und Gemeinschaft (von Hilfe bis Kunst). Diese Felder – nochmals in verschiedene Kategorien unterteilt – beeinflussen sich gegenseitig und stehen in einem Spannungsverhältnis. „Jede der vier Ebenen folgt einer eigenen Logik. Auf jeder einzelnen braucht es Leute, die das große Ganze im Blick behalten“, sagt Opielka. Seine Idealvorstellung: eine tolerante Gesellschaft, in der die Freiheit des anderen anerkannt wird. Und doch hält er klare Leitplanken für unverzichtbar. „Alles Antisoziale muss immer wieder aufs Neue eingefangen werden.“

Geboren wird Michael Opielka 1956 in Stuttgart, als eines von fünf Kindern einer heimatvertriebenen Familie. Er wächst im Arbeitermilieu auf, das Geld ist knapp, man trägt die abgetragene Kleidung der Geschwister. Er engagiert sich in der katholischen Jugend, will ein Elitegymnasium besuchen, studiert in Tübingen Jura und Erziehungswissenschaften. Als sich 1979 die Grünen gründen, wird er gleich Mitglied. 1983 kommt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion nach Bonn. Sein Spezialgebiet seither: Sozialpolitik. „Meine Idee war immer, die ökologische Bewegung durch soziale Fragestellungen zu erweitern“, sagt Opielka. „Leider bin ich damit in meiner Partei nie durchgedrungen.“

Befürworter des Grundeinkommens

Bis heute verbinde ihn mit den Grünen eine skeptische Liebe, wie er sagt. Zweimal trat er aus, zweimal wieder ein. Nie verziehen hat er seiner Partei die rot-grüne Regierungszeit unter Kanzler Gerhard Schröder – vor allem wegen Hartz IV. Bei den Arbeitsmarktreformen, sagt er, hätten die Grünen opportunistisch neoliberale Kräfte der Sozialdemokratie unterstützt. Mit dem Ergebnis, dass eine gesellschaftliche Spaltung vorangetrieben worden sei, die bis heute fortwirke. Opielka wendet sich nicht gegen das In-Pflicht-Nehmen von Arbeitslosen. Vielmehr seien die Armen durch Hartz IV pauschal als Faule abgestempelt worden: „Man hätte damals schon viel mehr in Richtung eines Grundeinkommens denken müssen.“ Der Sozialwissenschaftler gehört heute zu den Köpfen des Netzwerks Grundeinkommen – aus seiner Sicht ein „Sicherheitsversprechen“ und das „beste Mittel im Kampf gegen Armut“.

Grüner, Anthroposoph und Katholik

Seit den 1980er Jahren ist Opielka in der Region zu Hause. Den Bonner Politikbetrieb lässt er nach wenigen Jahren hinter sich. Von 1997 bis 2000 ist er Rektor der anthroposophisch ausgerichteten Alanus Hochschule in Alfter – in jener Phase, in der die Hochschule sich öffnete und die staatliche Anerkennung beantragte. Dann steigt er aus, um wieder verstärkt wissenschaftlich zu arbeiten. Er wechselte als Professor für Sozialpolitik an die Ernst-Abbe-Hochschule nach Jena, an der er heute noch an drei Tagen in der Woche lehrt. Er verfasste zahlreiche Bücher, vor allem sozialwissenschaftliche, aber auch einen Gedichtband und eine literarische Autobiografie.

Seit 2010 lebt er in Siegburg. Seine erste Begegnung als Bürger mit der Stadt? Zum einen der „erfolgreiche Bürgerentscheid zum ECE-Einkaufszentrum“, zum anderen ein Neubürgerabend der Stadt. „Dabei hat die ganze Zeit nur einer geredet: der Bürgermeister“, sagt Opielka, der Vater einer Tochter ist und zwei Enkel hat. An Siegburg schätzt er die Innenstadt, die „spirituelle Grundtönung“ und einige anspruchsvolle Kulturangebote. Auf der anderen Seite ärgert er sich über das dröhnende „Ballermann-Niveau“ mancher Veranstaltungen. Der Mainstream ist seine Sache nicht. Eher das Querdenken. Es drängt ihn zu kritischer Reflexion. Als Wissenschaftler sowieso, aber auch als Grüner, Katholik, Anthroposoph und als Siegburger. Er grinst schelmisch. „Frei nach Helmut Kohl: 'Wo ich bin, ist die Mitte – nur dummerweise gibt es immer so viele Abweichler'.“