Flüchtlingsunterkunft „Am Stadion“ in Siegburg

Flüchtlinge in Siegburg erzählen von ihrem Alltag

Siegburg. Die Siegburger Flüchtlingsunterkunft „Am Stadion“ hat am Samstag ihre Türen für Besucher geöffnet. Der Somalier Mohammed Ali Bacadon und der Syrer Mahmoud Al Hamwja erzählen von ihrem Alltag.

Ihre Wünsche für die Zukunft klingen simpel: Die Familie wiedersehen, einen Beruf erlernen, die deutsche Sprache perfekt sprechen können. 59 geflüchtete Menschen aus insgesamt 13 Nationen haben in Siegburg in der Flüchtlingsunterkunft „Am Stadion“ Unterschlupf gefunden und planen dort die ersten Schritte in ein neues Leben. Am Samstag öffnete das Flüchtlingsheim seine Türen für die Öffentlichkeit. Die Bewohner stellten sich den Siegburgern vor.

Einer von ihnen ist Mohammed Ali Bacadon aus Somalia. Er ist seit drei Jahren in Deutschland und spricht die Sprache so gut, dass er das Gespräch ohne Dolmetscher führen kann. In Somalia herrsche eine zu unsichere Lage, erklärt Mohammed. In dem afrikanischen Staat kämpfen die Regierung sowie das US-Militär gegen die Terrormiliz al-Schabab, die dort regelmäßig Anschläge verübt. Zudem hat das Land mit einer großen Dürre und daher mit einer Hungersnot zu kämpfen. Seine Frau, seine Mutter und seine inzwischen siebenjährige Tochter seien noch dort, erzählt der 30-Jährige. „Drei Jahre lebe ich schon ohne meine Familie, ich kann langsam nicht mehr alleine sein.“

Er wünscht sich seit seiner Ankunft in Deutschland, seine Familie wiederzusehen. Doch ob und wann das geht, ist noch ungewiss. Mohammed hat in Deutschland den subsidiären Schutz bewilligt bekommen. Der greift dann, wenn im Herkunftsland eine ernsthafte Bedrohung des Lebens besteht. Damit ist der junge Somalier berechtigt zu arbeiten. Er habe ein sechsmonatiges Praktikum in einer Schreinerei gemacht und einen Monat lang in einer Logistikfirma gearbeitet. Leider wurde ihm gekündigt. „Meine Post wurde an die falsche Adresse geschickt, sodass ich die Einladung zu einer Anhörung bei der Ausländerbehörde erst kurz vor dem Termin gesehen habe“, erzählt er. Er habe dafür spontan nach Bielefeld reisen müssen und damit seinen Job verloren. Mohammed macht gerne Sport und trainiert in jeder freien Minute. Außerdem wolle er jetzt weiter die Sprache lernen. „Deutsch ist der Schlüssel für ein gutes Leben hier“, erzählt Mohammed.

Faustball als neues Hobby

Sein Mitbewohner Mahmoud Al Hamwja kam vor zwei Jahren aus Syrien nach Siegburg. Der 24-Jährige flüchtete vor dem Krieg. Er wohnte in einem Dorf neben der Stadt Hama. Die Stadt gehört zu den ältesten durchgehend besiedelten Städten Syriens.Von vielen Häusern der Stadt sei aber kaum noch etwas übrig. „Fast alles ist kaputt“, erzählt Mahmoud. In Hama hat der junge Syrer Chemie studiert, abschließen konnte er das Studium wegen der Lage in der Stadt nicht mehr. In Deutschland möchte er nicht weiter studieren. Das sei wahrscheinlich zu schwer.

„Ich möchte stattdessen eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker machen“, so Mahmoud. Dafür lernt er gerade fleißig Deutsch an der Volkshochschule Rhein-Sieg. Das Sprachniveau B 1 habe er schon im ersten Anlauf bestanden. Das bescheinigt ihm eine selbstständige Sprachanwendung, das Verstehen der Standardsprache und das Zurechtfinden im Alltag. „Deutsch ist sehr schwer. Manchmal frage ich mich tagelang, warum bestimmte Präpositionen oder Artikel in manchen Sätzen verwendet werden“, sagt de 24-Jährige lachend.

In Siegburg hat Mahmoud ein neues Hobby gefunden: Er spielt im Siegburger Turnverein Faustball, ein Spiel, bei dem der Ball auf den Unterarmen geprellt wird. Ein Freund habe ihn dafür begeistert, vorher habe er noch nie von dem Sport gehört, so Mahmoud.

Frust und Freude

Stefan Stallbaum begleitet Mohammed, Mahmoud und die anderen Flüchtlinge in der Unterkunft „Am Stadion“ fast täglich in ihren Fortschritten und Rückschlägen. Als Fachkraft für soziale Arbeit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Rhein-Sieg arbeitet er halbtags, fünf Tage die Woche in der Unterkunft. Das Flüchtlingsheim wurde neu gebaut und Anfang 2017 bezogen. Die Awo betreibt das Heim gemeinsam mit der Flüchtlingsinitiative Lohmar-Siegburg. „Ich betreue die Bewohner und versuche das soziale Leben am Laufen zu halten“, so Stallbaum.

Das sei sowohl mit Frust, als auch mit viel Freude verbunden. Frust, weil man oft lange auf Bescheide aus Ämtern warten müsse, bis die Bewohner im Alltag durchstarten dürften. „Wir haben hier auch Flüchtlinge, die nur geduldet sind. Das heißt, sie dürfen nicht arbeiten und haben keine Bleibemöglichkeit“, so der 30-Jährige. „Wie soll man jemanden ohne Perspektiven noch motivieren?“ Die Arbeit sei aber auch mit viel Freude verbunden. Viele Kinder seien jetzt eingeschult worden und hätten innerhalb kurzer Zeit Deutsch gelernt. Er schätzt die Offenheit und die gegenseitige Wertschätzung der Bewohner der Unterkunft.

Was soll sich in Zukunft verbessern? Stefan Stallbaum: „Flüchtlinge und Siegburger müssen mehr miteinander reden, nur so können wir weiter Vorurteile abbauen und einen gemeinsamen Konsens finden.“