Stadtmuseum in Siegburg

Experten diskutieren über den Pflegenotstand

Diskutieren unter Leitung von Jana Rentzsch (Mitte): (von links) Hermann Allroggen, Laura Litzius, Nicole Westig und Frederic Seebohm.

Diskutieren unter Leitung von Jana Rentzsch (Mitte): (von links) Hermann Allroggen, Laura Litzius, Nicole Westig und Frederic Seebohm.

Siegburg. Bis 2030 werden bundesweit 500.000 Vollzeitpflegekräfte fehlen. Bis 2040 wird sich die Zahl der über 80-Jährigen im Rhein-Sieg-Kreis mehr als verdoppelt haben.

Zu einer Diskussion über Pflege lud der FDP-Kreisverband Rhein-Sieg am Mittwochabend ins Stadtmuseum ein. Die Zahlen zum demografischen Wandel und Nachwuchsmangel in den Pflegeberufen seien alarmierend, wie die Teilnehmer der Runde einstimmig betonten. Dazu gehörten MdB Nicole Westig, Pflegepolitische Sprecherin der FDP Bundestagsfraktion und Kreisvorsitzende der FDP Rhein-Sieg, Hermann Allroggen, ehemaliger Kreissozialdezernent, Frederic Seebohm, Rechtsanwalt und Vorsorge-Anwalt, außerdem Geschäftsführer des Verbandes für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) sowie Laura Litzius, frisch examinierte Krankenpflegerin und Vorstandsmitglied der Jungen Liberalen Düsseldorf.

Mit nur zwei Zahlen verdeutlichte Allroggen den Notstand. Nach seinen Worten fehlen bis zum Jahr 2030 bundesweit 500 000 Vollzeitpflegekräfte und „bis 2040 wird sich die Zahl der über 80-Jährigen im Rhein-Sieg-Kreis mehr als verdoppelt haben.“ Den Ernst der Lage beschrieb Litzius aus der Praxis. Das Problem sei, dass junge Leute nicht in die Pflege wollten. Sie wies darauf hin, dass es den Schülern an Praxisanleitung fehle, man ständig an andere Stationen ausgeliehen werde und es während ihrer Ausbildung keine Seltenheit gewesen sei, dass sie als Schülerin bis zu 30 Patienten habe betreuen müssen. Sie sieht Pflegeschüler nicht in der Rolle als „Mädchen für alles“ und plädierte für eine Imagekampagne, um junge Leute für Pflegeberufe zu gewinnen.

Zustimmung gab es von Nicole Westig, die berichtete, Schüler würden zum Teil wie Examinierte eingesetzt. Sie forderte unter anderem, „dass Schüler zumindest in den ersten beiden Ausbildungsjahren nicht auf den Personalschlüssel angerechnet werden dürfen“, außerdem „eine angemessene Vergütung“ und für pflegende Angehörige mehr Unterstützung. „Die dürfen nicht in der Altersarmut landen“, so Westig, die sich explizit dafür aussprach, Menschen so lange wie möglich in ihrer häuslichen Umgebung zu lassen.

Nach Meinung Seebohms lässt sich der Personalmangel mittelfristig nicht abstellen. Auch die Anwerbung von ausländischen Pflegekräften hält er für keine Alternative. Zum einen, weil die oft nicht auf dem Ausbildungsstand seien wie in Deutschland gefordert, zum anderen würden sie sich „nicht darum reißen, in Deutschland zu arbeiten“, weil in anderen Ländern unter anderem die Bezahlung besser sei.

Seebohm sprach sich für die Zulassung von Robotern in der Pflege aus, denn er zweifelt daran, dass es jemals genügend Pflegekräfte geben wird. „Von der Vorstellung müssen wir uns verabschieden“, sagte er. Allroggen verlangte, Bedingungen zu schaffen, „bevor der Pflegefall eintritt.“ Es müssten sich soziale Gemeinschaften finden, man brauche die ehrenamtliche Mitarbeit der Bürger, und Lösungen seien auf kommunaler Ebene zu suchen, denn da wisse man am besten, wo welcher Bedarf bestehe.