Theater in Siegburg

Emotionale Reise in die Vergangenheit

Auf einem Bahnsteig tauschen Menschen ihre erlebten Geschichten aus.

Auf einem Bahnsteig tauschen Menschen ihre erlebten Geschichten aus.

Siegburg. Die Awo-Theatergruppe „Spätausgabe“ inszeniert mit „Wartehalle – Erinnerungen“ keine Fiktion, sondern bringt selbst erlebte Geschichten und Biografien auf die Bühne.

Es ist dunkel, die Atmosphäre nicht gerade einladend. Eine blecherne Stimme aus dem „Off“ spult Durchsagen zu den anstehenden Zugverbindungen runter. Gedankenverloren und in sich gekehrt warten einige Frauen irgendwo auf einem Bahnsteig. Worauf, weiß man nicht. Ob auf den eigenen Zug oder auf jemanden, den sie abholen wollen. Eine Obdachlose schiebt ihre Habseligkeiten vor sich her, stochert in Mülleimern nach Verwertbarem.

Es beginnt ein Gespräch unter den Wartenden, das in den Erinnerungen einer älteren Dame mündet. Sie erzählt davon, wie sie mit ihrem Mann 1980 aus Polen fliehen musste, weil der mit der Gewerkschaft Solidarnosc sympathisierte und eines Abends von staatlichen Sicherheitsbeamten ohne Angabe von Gründen verhaftet wurde. Ein halbes Jahr blieb er verschwunden. Barbara Peterko (63) spielt keine Rolle, sondern sich selbst. Denn das Stück „Wartehalle – Erinnerungen“, das von der Awo-Theatergruppe „Spätausgabe“ unter Leitung der Theaterpädagogin Maria Havermann-Feye einstudiert wurde und am Donnerstag Premiere in der Studiobühne feierte, erzählt keine fiktive Geschichte, sondern ist biografisches Theater. Es ist aus einzelnen, von den 15 Protagonisten selbst erlebten Begebenheiten zusammengesetzt. Nach und nach treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander und berichten von ihren kleinen und großen Schicksalen. Berührend, romantisch, aber auch zum Schmunzeln.

So erzählte die älteste Schauspielerin der Truppe, Emmi Rudzik (87), folgende Anekdote. Sie und ihr Mann sind flugbegeistert. Als ihr Mann Anfang der 1950er Jahre den Flugschein machen wollte, entschloss sie sich ebenfalls dazu. Das gefiel dem Ehemann gar nicht, denn weibliche Piloten waren für ihn „Mannweiber“. Emmi bestand die Prüfung und wurde später von ihrer besseren Hälfte im Scherz immer wieder „Mannweib“ genannt. Anschaulich vermittelte Torsten Körner (65) ein Erlebnis in der DDR, wo er gelebt hat. Der gelernte Lokomotivführer folgte einem Aufruf der Jugendorganisation FDJ, sich als Lkw-Fahrer am Bau einer Gaspipeline von Sibirien bis ins Ruhrgebiet zu beteiligen. Weil er Fotos von der ihn faszinierenden Landschaft machte, sei er fast verhaftet worden, berichtete Körner.

Ein Jahr haben die „Selbstdarsteller“ im Alter zwischen 47 und 87 Jahren das Stück geprobt. „Es war für jeden einzelnen eine emotionale Herausforderung, seine Geschichte zu erzählen, sie dann zu spielen und auch noch Fremde daran teilhaben zu lassen“, sagt Havermann-Feye.

Vor allem bei Barbara Peterko war das zu sehen. Die Tränen, die sie im Spiel vergoss, wirkten echt. Man spürte, dass die 63-Jährige ihr Schicksal noch einmal auf der Bühne durchlebte. So wie alle anderen Schauspielkollegen auch. „Gerade weil sie niemand anderen spielen, sondern ganz sie selbst und authentisch sind, überzeugen sie“, schwärmt die Theaterleiterin. Das Publikum sah das genauso. Mit viel Applaus belohnte es die Akteure, die sehr professionell agierten. Die Mitglieder der „Spätausgabe“ bewiesen wieder einmal, dass sie keine Laienspieltruppe mit schönem Hobby sind, sondern alle über ein hohes schauspielerisches Talent verfügen.

Das Stück „Wartehalle – Erinnerungen“ ist Samstag ab 20 Uhr und Sonntag ab 15 Uhr in der Studiobühne Siegburg zu sehen.