Siegburger Geschichte

Ein eigener Wartesaal für das „bessere Publikum“

Der ursprüngliche Siegburger Bahnhof auf einer Postkarte um 1910. Er wurde in den 60er Jahren abgerissen.

Der ursprüngliche Siegburger Bahnhof auf einer Postkarte um 1910. Er wurde in den 60er Jahren abgerissen.

SIEGBURG. Die neue Ausgabe der Siegburger Blätter beschäftigt sich mit den Bahnhöfen der Stadt, die früh ein Knotenpunkt für Reisende waren.

Wenn es um den Bahnverkehr geht, dann sind die Siegburger auf der Sonnenseite. 36 Minuten bis Düsseldorf, 39 Minuten bis Frankfurt Flughafen, gut zwei Stunden bis Stuttgart, etwas mehr als drei Stunden bis Basel – der ICE-Haltepunkt Siegburg/Bonn macht es möglich.

Erst um die Jahrzausendwende gebaut, ist der Bahnhof noch jung. In der Vergangenheit hatte die Kreisstadt gleich drei Bahnhöfe. An sie erinnert die neue Ausgabe der Siegburger Blätter, die jetzt erhältlich ist.

Das Heft von Siegburgs Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger geht zurück zu den Anfängen in den 1850er Jahren, als das Eisenbahnzeitalter auch in der Region Einzug hielt. Beim damaligen Bau der Siegstrecke bekam die Stadt einen Haltepunkt. 1859 fuhr der erste Zug nach Hennef.

Das erste Siegburger Bahnhofsgebäude, auf mehreren historischen Postkarten verewigt, war ein prächtiger Bau – passend zum Selbstbewusstsein Siegburgs, das 1816 Kreisstadt geworden war, im neu gegründeten Siegkreis aber zunächst um den Verwaltungssitz kämpfen musste. Schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Empfangsgebäude erweitert. Es hatte Warteräume für einfache Reisende der dritten und vierten Klasse sowie Aufenthaltsmöglichkeiten für das „bessere Publikum“.

Im Laufe der Zeit kam es zu weiteren Aus- und Umbauten, denn gegen Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die Stadt Siegburg im Aufschwung, ausgehend von der Ansiedlung der Königlich Preußischen Geschossfabrik 1875. Das historische Bahnhofsgebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, und 1963 ereilte es das Schicksal vieler Empfangsgebäude aus der Frühzeit der Eisenbahn: Es wurde abgerissen und durch einen nüchternen, zeittypischen Flachdachbau ersetzt, der „jeden architektonischen Anspruch vermissen ließ“ (Korte-Böger).

Der „Schuhkarton“ war wenig repräsentativ und in der Bevölkerung nicht sehr beliebt. Muffig und etwas schäbig ist er in Erinnerung geblieben. So hielt sich das Bedauern in Grenzen, als der Bahnhof für den neuen ICE-Haltepunkt weichen musste. Bei dessen Planung setzte die Stadt diesmal alles daran, ein vorzeigbares und multifunktionales Bahnhofsgebäude zu bekommen.

Die Historie zeigt, dass Siegburg schon sehr früh ein Bahnknotenpunkt für Reisende war. Ab 1884 rollte die Aggertalbahn in Richtung Lohmar und Overath – im Volksmund „Luhmer Grietche“. Von der Strecke existieren heute nur noch ein kleines Stück bis zum Siegwerk und Gleise im Wald nördlich von Siegburg. Der Rest der Trasse ist zum Radweg umgebaut worden. An der Kronprinzenstraße steht noch der Nordbahnhof. Er ist seit Jahren allerdings ungenutzt und in einer Art Dornröschenschlaf. Der letzte reguläre Personenzug auf der Aggerstrecke fuhr 1954, der letzte Güterzug 1994.

Der Nordbahnhof ist heute das prominenteste Zeugnis Siegburger Bahngeschichte – und das einzige. Jedenfalls, was Bahnbauten betrifft. Denn ein weiterer Bahnhofsstandort ist völlig verschwunden: der Bröltalbahnhof. Er befand sich dort, wo heute das Berufskolleg steht. Über die Bröltalbahn wurden beispielsweise Erz aus dem Bröltal, Basalt aus dem Westerwald und Ton aus dem Pleistal nach Beuel an den Rhein transportiert. Das Netz der Schmalspurbahn war weit verzweigt, ein Abzweig führte ab 1899 von Niederpleis nach Siegburg. Die Strecke wurde aber auch für den Personenverkehr genutzt. In den 50er Jahren wurde der Betrieb eingestellt.

Das Bahnhofsgebäude auf der Zange genoss zeitweise einen besonderen Ruf: Er beherbergte eine Kulturkneipe. Diese erlebte ihre Blüte in den 1920er Jahren, als die Gaststätte von der Familie Hardung betrieben wurde. 2014 waren die Bahnhofsgaststätte und die historischen Bahnstrecken Siegburgs Thema eines GA-Zeitzeugengesprächs im Stadtmuseum.

Siegburger Blätter Nr. 56: Die Geschichte der Siegburger Bahnhöfe, erhältlich für vier Euro im Buchhandel, im Siegburger Stadtmuseum sowie im Stadtarchiv.