Zu Besuch im Gefängnis

Ein 360-Grad-Rundgang durch die JVA Siegburg

Siegburg. Albert Thüssing hat in der JVA Siegburg viele Häftlinge kommen und gehen sehen. Er ist seit 38 Jahren ehrenamtlich Gefängnisbeirat - und setzt sich für die Belange der Gefangenen ein.

Ein Schlüssel bedeutet Macht. Die Macht, eine Zellentür zu öffnen. Vor allem aber die Macht, sie wieder zu versperren. „Die bekomme ich nicht. Ich will sie aber auch gar nicht. So bleibe ich mit den Gefangenen auf Augenhöhe. Und gehöre nicht zum Establishment“, sagt Albert Thüssing. Er geht langsam die Treppe in Trakt D hoch und schnauft. Thüssing ist 74 Jahre alt und lässt sich seit 38 Jahren ehrenamtlich im Siegburger Knast einsperren: Als Gefängnisbeirat ist er eine unabhängige Kontrollinstanz.

Mit jedem Schritt wird sein Atmen schwerer, manchmal macht er eine kurze Pause. Setzt sich, wenn auf den weiten Wegen durch die Anstalt sein Knie schmerzt. Das Gelände ist riesig, alleine in Haus 1 erstrecken sich die Hafträume auf vier Stockwerke. Jeder der vier Trakte ist mehr als hundert Meter lang, in jedem können bis zu 120 Gefangene einsitzen. Die Treppenaufgänge sind durch Gitter gesichert, damit sich niemand in die Tiefe stürzen kann. Alle Trakte führen kreuzförmig zum Stern, der Zentrale in der Mitte. „Die Preußen wussten, wie man Gefängnisse baut“, sagt Thüssing. Die Architektur ist noch aus der Anfangszeit von 1896. Genau so wie die hölzernen Zellentüren und die verschnörkelten Metallgeländer. Vom Stern haben die Wärter jeden Trakt genau im Blick. Selbst ohne die Kameraüberwachung.

Hier hängt auch Thüssings Briefkasten. Klein, schwarz, mit der Aufschrift „Gefängnisbeirat“. Nur Thüssing hat den Schlüssel dafür. „Jeder kann hier einen Brief einwerfen und seine Sorgen loswerden“, erzählt er. Die Sorgen bestehen heute aus einer Kopfschmerztablette und einem Kaugummipapier. „Diesmal nur Müll. Aber einmal die Woche gibt es richtige Post.“

Ein Supermarkt in der JVA

Dann berichten die Gefangenen zum Beispiel davon, dass sie lieber einen Tüten- als einen Direktverkauf hätten. „Das Thema kommt immer wieder auf“, sagt Thüssing. Auch um 13.30 Uhr. Da hat er einen Termin mit einem Häftling ausgemacht. Thüssing und der Mann Ende 30 treffen sich in einem Besprechungsraum, karg eingerichtet, mit einer grünen Tafel am Kopfende des Tisches. „Wie läuft es denn so?“, fragt Thüssing. „Ganz gut. Manche beschweren sich darüber, dass zu wenig Essen da ist. Das ist Quatsch. Aber es gab im Einkaufsladen schon wieder zu wenig Waren.“

 

Ein Einkaufsladen? Die JVA hat tatsächlich einen kleinen Supermarkt. Dort können sich die Häftlinge Tee, Schokolade oder auch Hygieneartikel kaufen. Von dem Geld, das sie durch die Arbeit in den Werkstätten des Gefängnisses verdienen oder als Taschengeld erhalten. „Der Tütenverkauf ist sogar günstiger. Warum machen wir das nicht auch so?“, fragt der Mann, der seit zehn Monaten wegen Diebstahlsdelikten einsitzt und in drei Monaten frei kommt. Tütenverkauf bedeutet: Die Häftlinge schreiben auf, was sie haben wollen, und bekommen dann eine Tüte geliefert. Thüssing nennt das Gegenargument der Gefängnisleitung: Es würde schwieriger, den Wareneingang zu kontrollieren. „Aber ich gebe mein Bestes.“

Thüssing, überzeugter Sozialdemokrat mit rotem Anstecker am Kragen, pensionierter Bahntechniker und Windecker Lokalpolitiker, steht voll hinter seinem Ehrenamt. Auch wenn er nach drei Jahrzehnten als Vorsitzender des Gefängnisbeirates manchmal müde wirkt, geht er die Themen energisch an. Zum Beispiel bei der aktuellen Komplettsanierung der JVA. „Wir haben alle Möglichkeiten geprüft, damit die Nasszellen in einen separaten Raum kommen und nicht mehr in der Zelle sind. Das ist eigentlich Standard“, sagt Thüssing. Doch der Siegburger Altbau habe das leider nicht hergegeben. Er kritisiert auch, dass 2,50 Euro für die Tagesverpflegung eines Gefangenen zu wenig sei. Er mahnt, dass es einheitliche Regelungen in den JVAs geben müsse. Aber er ist auch zufrieden mit der Arbeit innerhalb des Vollzugs.

Thüssing: "Wir nehmen kein Blatt vor den Mund"

Warum er den mühseligen Job überhaupt macht? „Man kann die Leute hier nicht alleine lassen.“ Der Strafvollzug müsse von der Öffentlichkeit mitgestaltet werden. Schließlich sei das Ziel, Straftäter wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. In Siegburg hat der Beirat acht Mitglieder, die Sprechstunden anbieten, zwischen Häftlingen, Gefängnisleitung, Justizministerium, Seelsorgern, Vollzugsbeamten und Sozialarbeitern vermitteln. „Eine unglaubliche Vielfalt.“ Gewählt werden die Bürger durch den Kreistag, auf Vorschlag der Parteien.

 

„Wir nehmen kein Blatt vor den Mund“, sagt Thüssing. Auch nicht dann, wenn das schwärzeste Kapitel der vergangenen Jahre angesprochen wird: Der Mord an einem Häftling im Jahr 2006. Damals hatte die JVA Siegburg den Ruf, nicht nur der größte Jugendknast Europas, sondern auch der härteste in ganz Deutschland zu sein. „Das waren teilweise schlimme Verhältnisse“, blickt Thüssing zurück. Es habe zu wenig Personal gegeben, Zellen seien überbelegt gewesen, man habe Gewalttäter mit Dieben eingesperrt. Anstrengungen, etwas zu verbessern, habe es immer gegeben – auch von den Mitarbeitern selber. Doch Reaktionen blieben meist aus. Erst der Mord änderte alles.

„Der Vorfall hatte zur Folge, dass der Justizvollzug umgekrempelt wurde“, sagt Thüssing. In Siegburg gibt es seitdem nur noch den „geschlossenen Männervollzug“ für Erwachsene für eine Haftdauer von bis zu 18 Monaten, auch die anderen 36 Justizvollzugsanstalten in NRW haben Spezialgebiete. Die Arbeit der Gefängnisbeiräte sei aber trotz der Verbesserungen nicht überflüssig geworden. Und so wird Thüssing auch weiter durch die Gänge schnaufen. Zumindest bis er in zwei Jahren die 40 Dienstjahre voll hat. „Dann ist es genug.“