Feuer gelöscht

Dutzende Verletzte bei Großbrand in Siegburg

Siegburg. Bei dem Großbrand in Siegburg-Brückberg sind am Dienstag mehr als 30 Personen verletzt worden. Mehr als 500 Rettungs- und Einsatzkräfte waren vor Ort.

Ein Funke genügt. Das hört man in diesen Tagen, in denen Trockenheit und Dauerhitze zur Gefahr werden, immer wieder. Ein Funke, und eine Wiese steht in Flammen. Oder ein Wald. Dass auch Wohngebiete bedroht sind, hört man hierzulande dagegen selten. Doch sie sind es. Wie schnell es gehen kann, zeigt sich an diesem tropisch heißen Dienstagnachmittag im Siegburger Stadtteil Brückberg. Neun Wohnhäuser sind in Flammen aufgegangen, plus Anbauten und Autos. Mehr als 30 Menschen werden verletzt, einige davon schwer. Der Großteil muss im Krankenhaus versorgt werden. Wegen Brandverletzungen, oft aber auch wegen Schocks oder Kreislaufproblemen.

„Böschungsbrand“, so lautet die Einsatzmeldung der Siegburger Feuerwehr um 14.45 Uhr. An der Wilhelmstraße, die zwischen Siegburg und Troisdorf parallel zur Bahnstrecke verläuft, ist auf einer Grünfläche ein Feuer ausgebrochen. Die Ursache für das Feuer ist unklar. In kürzester Zeit fliegen Funken über die Bahnlinie hinweg und setzen die gegenüberliegende Böschung in Brand. Büsche und Bäume brennen wie Zunder. Die Feuerwalze steigt den gut zehn Meter hohen Hang hinauf und dehnt sich augenblicklich auf Palisaden und Gartenhäuser aus, schließlich auch auf die dazugehörigen Wohnhäuser. Die Flammen schlagen aus den Dächern.

Die App "Nina" hatte eine Warnung herausgegeben. Anwohner sollten Fenster und Türen geschlossen halten, Lüftungs- und Klimaanlagen sollten abgeschaltet werden.

Feuer breitete sich rasend schnell aus

Jörg Grabowski, dessen Kfz-Service unmittelbar an der Bahntrasse liegt, ist Augenzeuge. Er entdeckt den Brand als einer der ersten. „Meine Nachbarin hat sofort die Feuerwehr gerufen. Das war zunächst eine ganz kleine Fläche an der Böschung unmittelbar an der Fußgängerbrücke.“ Die Feuerwehr sei schnell zur Stelle gewesen, dann habe der Wind die Flammen ins Unterholz getrieben. Explosionsartig habe sich die Feuerwalze ausgeweitet, sagt Grabo-wski. Die Einsatzkräfte bestätigen das. „Das ging rasend schnell. Die Kollegen, die zuerst vor Ort waren, standen vor einer Feuerwand“, sagt Sascha Lienesch, Sprecher der Sankt Augustiner Feuerwehr, die früh zur Unterstützung der Siegburger Kollegen alarmiert wird.

Alfons Müller und Monika Höhnscheid wohnen nahe dem Brandort. Sie bemerken Brandgeruch und sind alarmiert: „Wer brennt denn bei diesem Wetter etwas ab?“, fragen sie sich. Doch dann sehen sie Flammen in der Nachbarschaft, und schon setzt ein Funke die staubtrockene Wiese eines Nachbarn in Brand. Mit der Gießkanne unternehmen sie Löschversuche – vergebens.

"Flammen über meinem Kopf"

Ein Ehepaar, dessen Haus vom Brand betroffen ist, bemerkt plötzlich Feuer in den Bäumen des Nachbarn. Kurz danach greift es über. Sie packen Hals über Kopf das Nötigste zusammen – und dann raus, nichts wie raus. „Wir wollten einfach nur noch weg“, berichten sie. Anwohnerin Lydia Bergen ist mit dem Schrecken davongekommen, ebenso wie ihre beiden Schwestern, die nebenan leben. Doch ihre Häuser sind zerstört. „Wir sind froh, dass wir überhaupt gesund herausgekommen sind“, sagt sie.

„Als ich draußen war, waren die Flammen schon über meinem Kopf.“ In der Adolph-Kolping-Schule werden rund 130 Evakuierte von Rettungsdiensten betreut. Dort hatte die Stadt einen Anlaufpunkt für Betroffene eingerichtet. Als der erste Schock einigermaßen verdaut ist, lautet dort die drängendste Frage: „Was ist mit meinem Haus?“ Die Stadt hat ein Bürgertelefon eingerichtet. Dieses ist unter den Rufnummern 02241/102-234, -232, -399, -233, -211, -398 zu erreichen.

Bahnstrecke wurde gesperrt

550 Einsatzkräfte aus der ganzen Region sind auf den Brückberg geeilt, hauptsächlich Feuerwehreinheiten. Sie kommen aus dem ganzen Rhein-Sieg-Kreis, aus Bonn sowie aus Nachbarkreisen. Probleme bereitet der Feuerwehr zunächst die Versorgung mit Löschwasser. Der "Tuffi-Tanker" der Feuerwehr Hennef ist im Einsatz, ein Landwirt bringt Wasser in einem Tankwagen. Die für Bahnanlagen zuständige Bundespolizei schickt zwei ihrer großen Wasserwerfer zur Einsatzstelle. Die Bahnstrecke ist durch das Feuer in Mitleidenschaft gezogen worden und wurde am Nachmittag gesperrt.

Nach Angaben eines Bahnsprechers sind diverse Schaltanlagen neben der ICE-Strecke beschädigt, was Ausfälle und erhebliche Behinderungen zur Folge hatte. Neben dem Regionalverkehr fährt dort der ICE auf der Schnellstrecke zwischen Köln und Frankfurt. Der Zugverkehr wurde am Nachmittag gestoppt, Fernzüge fuhren stattdessen über das Rheintal.

Der Großeinsatz sorgte zudem für Behinderungen und Staus auf den Straßen. Die Bundesstraße 56 war gesperrt worden, Autofahrer sollten das Gebiet weiträumig umfahren. Autofahrer, die auf der gesperrten B56 zwischen Menden und Siegburg-Zange festsaßen, wurden von Einsatzkräften mit Wasser versorgt.

Brandursache völlig unklar

„Feuer in der Gewalt“, heißt es um 19 Uhr. Abgekämpfte Feuerwehrmänner kommen vom Einsatz. Sie lassen sich auf Bürgersteige fallen und setzen Wasserflaschen an die Kehlen. 20 Kilogramm wiegt ihre Montur, allein ein Atemschutzgerät bringt es auf 17 Kilo. Einige Kameraden sind unter der Belastung – das Thermometer steht bei fast 40 Grad – kollabiert. „Sie vollbringen heute körperliche Höchstleistungen“, sagt Peter Kern, Sprecher der Feuerwehren im Rhein-Sieg-Kreis. Siegburgs Bürgermeister Franz Huhn, mit dem Krisenstab telefonisch in Kontakt, bricht seinen Urlaub ab. Er kündigt sich für die Nacht an.

Wie es zu dem Feuer kommen konnte? Als sicher gilt, dass die Wetterlage – Hitze, Trockenheit und Wind – maßgeblichen Anteil hat. Die Stadt Siegburg mutmaßt am Nachmittag, dass der Funkenschlag eines Zuges eine Rolle gespielt haben könnte. Doch auf eine Ursache wollen sich weder die Feuerwehr noch die Bahn festlegen. „Der Auslöser des Brandes ist völlig offen, Spekulationen sind verfrüht“, so die Bahn. Ab 21 Uhr dürfen die Anwohner wieder in ihre Häuser – sofern die noch bewohnbar sind. 13 Betroffenen vermittelte die Stadt Unterkünfte, zwei Personen kamen bei Verwandten unter. Am späten Abend mussten noch zwei Dachstühle nachgelöscht werden.

Währenddessen kündigt sich über die sozialen Netzwerke Hilfe für Betroffene an. Die Facebook-Gruppe „Brandopfer Siegburg und Umgebung“ findet regen Zulauf, binnen weniger Stunden hat sie mehr als 2000 Mitglieder. Unterkunft, Lebensmittel, Kleidung – alles wird dort angeboten.