GA-Serie "Siegburg im Wandel"

Die Aulgasse ist die Straße der Scherben

SIEGBURG. Die Aulgasse ist die Hauptverkehrsader zwischen Siegburg und Lohmar. Im Mittelalter ließen sich dort die Töpfer nieder, deren Spuren die Nachwelt faszinieren. Heute dominieren Bestatter und Steinmetze das Bild – wegen der Nähe zum Nordfriedhof.

„Hereditas, sita inter figulos“ bedeutet „Erbschaft, gelegen zwischen den Töpfern“. So steht es in der ältesten Urkunde, in der die Aulgasse im Jahr 1384 erwähnt wurde. Doch schon 62 Jahre vorher wurde dort der Ton in größeren Mengen abgebaut. Die Aulgasse gehört zu einem der ältesten Viertel der Stadt. Heute ist die „Ouljass“ als L 16 (ehemals B 484) Hauptverkehrsader zwischen Siegburg und Lohmar. Wohnhäuser, Bestatter, Steinmetze und Autohäuser – so ist das heutige Straßenbild in der Siegburger Nordstadt geprägt. Und trotzdem gibt es noch einige kleine Ecken, die von der vergangenen Zeit erzählen.

Wer über den Keramikmarkt in Siegburg schlendert, stößt immer wieder auf eine kleine Besonderheit der Töpferkunst: die Siegburger Schnelle. „Der Ton ist sehr hell und bekommt einen leicht bläulichen Schimmer, wenn er feucht wird“, erklärt Gisela Frenzel. „Es ist ein sehr guter Ton, und es macht Freude, damit zu arbeiten.“ Doch was hat das mit der Aulgasse zu tun? Die Aulgasse war früher das Töpferviertel. Dort wurde die in ganz Europa beliebte Tonware hergestellt. „Lange bevor es Begriffe wie 'lebensmittelecht' und 'spülmaschinenfest' gab, hatten diese Gefäße schon diese Qualität“, sagt die 73-Jährige, die aus einer traditionsreichen Töpferfamilie stammt.

Die Töpfer lebten etwas außerhalb der ursprünglichen Stadttore. Wegen der Brandgefahr. Die Siegburger gehörten zu den Ersten, die Ton in Öfen brannten. „Im 15. Jahrhundert wurden einige Kölner Töpfer der Stadt verwiesen, weil es zu Bränden gekommen war“, sagt Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger. Ein weiterer Grund war das Tonvorkommen im Gebiet rund um die Aulgasse. Das Wort „Aul“ kommt vom mittelalterlichen Wort „Oul“, was so viel wie „Topf“ bedeutet. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde diese Siedlung „in vico figulorum dicto uylgassen“, was übersetzt „im Dorf der Töpfer, genannt Ulgasse“ bedeutet. Die Aus- und Einfuhr der Waren wurde zu damaligen Zeiten streng kontrolliert. Nicht jeder wurde einfach in die Zunft eingelassen.

Immer wieder Funde bei Bauarbeiten

Bei Bauarbeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten rund um die Aulgasse immer wieder – teils spektakuläre – Überreste aus der Töpferzeit gefunden. Den Fachleuten gelang es dabei nicht nur, haufenweise Scherben zu dokumentieren. Sie konnten auch die Produktionsweise der Töpfer rekonstruieren. „Ein Puzzle der Stadtgeschichte“ – so nannte der GA 1991 die „sensationellen Funde“, die Stadtarchivarin Korte-Böger und der Archäologe Thomas Ruppel in der Baugrube eines Mehrfamilienhauses sicherten. Dort wurden Vasen und Schmuck freigelegt, dazu Überreste einer Töpferwerkstatt der Familie Knütgen. Aber auch ein jahrhundertealtes Hundeskelett kam zum Vorschein: Man hatte das Tier einst liebevoll bestattet, mit Fressnapf als Grabbeigabe. Das Skelett befindet sich – wie viele Exponate der Töpferzeit – heute im Siegburger Stadtmuseum; ein Teil der Aulgassen-Funde ist an das Rheinische Landesmuseum in Bonn gegangen.

Seit 2015 steht die Aulgasse unter Denkmalschutz. Freilich nicht die Häuser. Vielmehr geht es um die archäologischen Zeugnisse, die im Untergrund schlummern. Die Stadt hat den ganzen Abschnitt zwischen Johannesstraße und Alter Poststraße – Teile der Nachbarstraßen inklusive – in die Liste der Bodendenkmäler eintragen lassen: Die Siegburger Aulgasse sei bereits im Hochmittelalter eine „überregional bedeutende Töpfereisiedlung“ gewesen, hieß es in der Begründung.

Aulgasse tauschte sogar in Roman auf

Fotos aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigen, dass die Aulgasse damals tatsächlich noch den Charakter einer Gasse hatte, mit Bäumen und windschiefen Fachwerkhäusern. Längst zur Bundesstraße ausgebaut, zählt die Aulgasse heute zu den Hauptverkehrsadern der Stadt.

Wie sich die Umgebung und auch das Leben im Laufe der Jahre verändert haben, weiß Bestatter Peter Esser. Der 48-Jährige ist hier aufgewachsen und hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. „Ursprünglich wurde unser Betrieb 1919 von meinem Großvater als Schreinerei in der Tönnisbergstraße gegründet“, erzählt er. Sein Bestattungsunternehmen liegt an der Einmündung der Weierstraße. „1924 ist unser Geschäft in die Aulgasse umgezogen.“ Mit der Zeit wurden die Bestattungstätigkeiten neben den Schreinerarbeiten immer umfangreicher. „Den Umbau von der Schreinerei in ein Bestattungshaus haben wir 1993 vollzogen, da ist mein Vater gestorben. Ich habe den Betrieb dann als Bestattungshaus weitergeführt.“

Mit der Zeit ist das Unternehmen gewachsen, es gehört zu den alteingesessenen in Siegburg. Das Gebäude, dem der Betrieb angegliedert ist, wurde mit der Zeit zu einem Mehrgenerationenhaus. Peter Esser lebt dort mit Frau und Kindern, mit seiner Mutter sowie mit vier seiner fünf Geschwister und deren Familien. Eine Seltenheit heutzutage. Doch Esser ist mit seinem Unternehmen nicht allein auf der Aulgasse. Insgesamt drei Bestatter und mehrere Steinmetze sind dort ansässig. Kein Zufall: Weiter oben auf der Aulgasse, an der Einmündung zur Alten Lohmarer Straße, liegt der Nordfriedhof. Die Siegburger Pfarrerstochter und Schriftstellerin Ruth Rehmann (1922-2016) beschrieb die Aulgasse in ihrem autobiografischen Roman „Der Mann auf der Kanzel“ von 1979 als „Sonntagnachmittags-Grabgang-Gasse“, aber auch als etwas trostlos.

„Die Aulgasse hat sich im Prinzip selber neu geschaffen“, findet Peter Esser. „Die ganzen alten Häuser gibt es ja kaum noch.“ Auch von den vier Tankstellen und den etwa sechs Kneipen ist jeweils nur eine übrig geblieben. In Essers Kindheit gab es auch eine Gärtnerei in der Nachbarschaft. „Da haben wir als Kinder immer in den verfallenen Gewächshäusern gespielt“, erinnert er sich. „Und natürlich sind wir auf den Nordfriedhof und in den Wald gegangen.“ Aus Erzählungen von Verwandten weiß er, dass früher vor vielen Häusern Bänke standen. Dort ruhte man sich aus oder traf sich zum Plausch. Heute kaum denkbar, sagt Esser. Und trotzdem lebt er gerne hier.

Zu Besuch im Aulhof

Ein kleines Stück der „alten“ Aulgasse befindet sich am oberen Ende. Direkt am Waldrand steht das alte Forsthaus. Heute dreht sich in den Räumen alles um die Themen Gesundheit und Bildung. Vor sechs Jahren bezog ein Gemeinschaftsprojekt der Malteser und der Johanniter den Bau, dessen Fassade gut erhalten ist. Dort werden hauptsächlich Menschen mit psychischen Erkrankungen betreut, damit sie eine feste Struktur im Alltag finden. Der offizielle Name lautet „Johanneshaus Forum für Gesundheit und Bildung“. Bekannt ist das Haus auch als Aulhof. „Das Gebäude ist ein Schmuckstück in der Aulgasse“, sagt Leiterin Susanne Podehl. Besonders gefallen ihr die Nähe zum Wald und der große Hof.

Der Aulhof versteht sich als Treffpunkt für den Stadtteil. Vor allem das Bistro „Zum Hirschen“ ist immer gut besucht. Kaffee, Kuchen, Kunst und ein offenes Ohr – das erwartet jeden, der das Bistro am Rande der Stadt betritt.