Aufklärung im Rhein-Sieg-Kreis

Buch soll NS-Medizinverbrecher darstellen

Blick in ein Krankenzimmer der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hadamar in Hessen, in der während der NS-Zeit Tausende Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden.

Blick in ein Krankenzimmer der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hadamar in Hessen, in der während der NS-Zeit Tausende Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden.

Rhein-Sieg-Kreis. Projektleiter Helmut Rönz präsentiert den Sachstand zur Dokumentation der NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis. Neben einem Buch soll auch ein Online-Portal entstehen, das fortlaufend aktualisiert wird.

Im Rhein-Sieg-Kreis wird die Geschichte der Tötungsanstalt in Hadamar seit 2017 aufgearbeitet. Nun hat der Projektleiter Veröffentlichungen angekündigt. Allein in der Tötungsanstalt in Hadamar wurden in der ersten Phase zwischen Januar und August 1941 insgesamt 10.072 angeblich „kranke“ Menschen und in der Phase zwischen 1942 und 1945 weitere 5000 Menschen ermordet.

„Das Projekt wird inzwischen auch europaweit wahrgenommen und rezitiert“, sagte der Projektleiter des Forschungsteams des Landschaftsverbandes Reinland (LVR), Helmut Rönz, im Kultur- und Sportausschuss des Kreises. Er war dort zu Gast, um über den Sachstand zur Erforschung und Dokumentation der NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis zu berichten. Die Studie wird vom LVR gemeinsam mit dem Rhein-Sieg-Kreis unter der Leitung von Ansgar Klein durchgeführt. Leiter des wissenschaftlichen Beirates ist der Siegburger Historiker und Medizinhistoriker Ralf Forsbach.

Ziel des Projektes sei es, einerseits die Verbrechen zu erforschen, andererseits aber auch den Opfern einen Namen zu geben und ihnen ihre Würde zurückzugeben, sagte Rönz. „Wir sind noch in der Forschungs- und Schreibphase, aber das Buch ist in Sicht“, skizzierte Rönz den Sachstand des Projektes, das im November 2017 seinen Anfang nahm. Nach den derzeitigen Plänen soll das Manuskript im September fertig sein, sodass das Buch Mitte kommenden Jahres erscheinen kann, und zwar im Böhlau-Verlag in Köln.

Vorschusslorbeeren gab es im Ausschuss insbesondere von Michael Solf (CDU), der es als „beglückend“ empfand, wie gut die Zusammenarbeit zwischen dem Kreis als Ideengeber und dem LVR als Kompetenzzentrum funktioniere.

Das Buch soll Aufschluss darüber geben, wer die Täter waren, wie die Täterstrukturen aufgebaut waren und wer was vor welchem Hintergrund tat. Es gehe auch um die Abläufe, die letztlich zu massenhaften Zwangssterilisationen und Morden unter dem Stichwort „Euthanasie“ geführt hätten, sagt Rönz. Das wissenschaftliche Team werfe Fragen nach Tätern und zu Unrecht Betroffenen auf. Wie liefen die Verbrechen ab? Wer agierte? Welche Behörden waren beteiligt?

Neben dem Buch soll ein Online-Portal entstehen

Recherchiert worden sei unter anderem im Archiv des Landschaftsverbandes, in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt, der heutigen Landesklinik, und natürlich in der Tötungsstelle Hadamar in Hessen, wo die meisten Menschen getötet worden seien, so Rönz. Untersucht worden sei auch, wer angezeigt habe, wer entschieden habe, wohin die Menschen gebracht wurden und ob es die Möglichkeit gegeben habe, Rechtsmittel einzulegen. Zusätzlich zu der Publikation sei eine Tagung in Siegburg geplant, zu der dann auch Forscher und Wissenschaftler aus anderen Regionen Deutschlands erwartet würden, so Rönz.

Neben der Buchveröffentlichung solle zudem ein Online-Portal entstehen, welches mit der Freischaltung fortlaufend auf dem aktuellen Wissensstand über die Medizinverbrechen informiere, so Rönz weiter. „Die Leute wollen gerne zu ihrem Ort etwas finden, und das ist angesichts der Fülle der Verfahren nur online möglich.

Die Verfahren zu 120 Mordopfern, deren Dunkelziffer noch wesentlich höher sein dürfte, passen nicht in ein Buch“, sagte Rönz. Über 3500 Akten zur Zwangssterilisation lägen vor. Ob man ein Gedenkbuch der Euthanasie, ähnlich wie in Hamburg oder München, erstelle, werde derzeit geprüft, sagte Rönz. Für ihn sei der Online-Auftritt Zugewinn und Ergänzung zum Buch.

Auf Landkarten wolle man jedoch verzichten, denn wenn ein Arzt sehr aktiv gewesen sei, werde dadurch der gesamte Ort in ein schlechtes Licht gesetzt. Sollte es zu diesem digitalen Gedenkbuch kommen, dann wäre es das erste eines Landkreises zu diesem Thema. Es wäre Bestandteil der Online-Plattform „Portal Rheinische Geschichte“, die seit 2010 im Netz ist und mit mehr als 500 Autoren und über 1200 Texten das größte geschichtswissenschaftliche Online-Portal im Rheinland bereitstellt.