„Ein enorm wichtiger Schritt“

Brigitta Lindemann im Gespräch über Gleichstellung

Rhein-Sieg-Kreis. Am 30. November 1918 wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland gesetzlich fixiert wurde. Der Weltfrauentag an diesem Donnerstag, 8. März, stellt das Jubiläum in den Fokus. Über die Entwicklung im zurückliegenden Jahrhundert, die aktuelle Situation und Aspekte, bei denen es noch Nachholbedarf gibt, spricht Brigitta Lindemann, Gleichstellungsbeauftragte des Rhein-Sieg-Kreises.

Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen wählen dürfen. Vor 100 Jahren kam die Einführung des Frauenwahlrechts einer Sensation gleich. Welche Bedeutung hatte das für  die  Gleichberechtigung?

Brigitta Lindemann: Das war ein enorm wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung der Frauen. Er bedeutete ja auch, dass Frauen gewählt werden konnten. Es war das Ergebnis zäher Bemühungen einzelner, mutiger Frauen. Finnland hat 1906 in Europa den Anfang gemacht, gefolgt von Norwegen, Dänemark und Island und 1918 dann Deutschland, Österreich, Polen und Russland. Belgien führte das Frauenwahlrecht erst 1948 ein, die Schweiz sogar erst 1971 auf Bundesebene.

Wann gab es im Kreis die erste Frau in einem politischen Gremium?

Lindemann: Im Kreis war Emma Bachem aus Königswinter eine Vorreiterin. Sie wurde 1919 als erste Frau in den Kreistag des damaligen Siegkreises gewählt. In ihrem Nachruf wird sie als sehr fleißige Abgeordnete beschrieben, die aber im Kreistag eher still war.

Wie sieht es heute mit den Frauen im Kreistag aus?

Lindemann: Von 80 Abgeordneten sind 27 Frauen, das sind gerade einmal 34 Prozent. Das könnte mehr sein. Wenn man auf die Parteien blickt, fällt auf, dass einige weiter sind als andere: Bei den Grünen und der SPD teilen sich gleich viele Frauen und Männer die Sitze.

Woran liegt es, dass es weniger Frauen in politischen Ämtern gibt?

Lindemann: Das ist auch eine Frage der Zeit. Viele Frauen sind berufstätig. Sie haben an vielen Stellen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu kämpfen. Da bleibt oft keine Zeit mehr für ein Ehrenamt. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern auch im Vereinsleben.

Die Einführung des Frauenwahlrechts war der erste große Schritt, welche hat es noch gegeben?

Lindemann: Ein entscheidendes Kriterium ist der Artikel 3 im deutschen Grundgesetz, der seit 1949 festlegt, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. 1994 wurde er um den Zusatz ergänzt, dass der Staat die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern fördert und auf die Beseitigung bestehender Nachteile wirkt. Dieser Zusatz war ausschlaggebend für die Gleichstellungsgesetze.

Wie hat das in den Alltag hineingewirkt?

Lindemann: Mit dem Artikel 3 allein war es nicht getan. Frauen sind immer wieder, auch schon früher, auf die Straße gegangen, haben für ihren Anspruch auf Bildung, für den Schutz für Mütter und Kinder oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit gekämpft. Entscheidend war sicherlich die Frauenbewegung in den 68er Jahren. Die Frauen wollten unabhängig sein und kämpften zum Beispiel für die Akzeptanz berufstätiger, alleinerziehender Mütter. Ein Thema, das wir heute noch haben.

Wie bewerten Sie die aktuelle „#Me-too“-Kampagne, in der sich Schauspielerinnen gegen sexuellen Missbrauch wehren?

Lindemann: Ich finde es gut, dass sie den Blick auf ein wesentliches Problem lenkt. Es müssen nicht immer gleich Übergriffe sein. Der alltägliche Sexismus fängt schon bei der Sprache an. Wenn nur die männliche Form verwendet wird oder Frauen auf Äußerlichkeiten reduziert werden. Wenn etwa eine Bewerberin als „junge, gutaussehende Frau“ und nicht als „kompetente Juristin“ beschrieben wird. Haben Sie so etwas schon einmal über einen Mann gehört? Frauen werden so immer wieder aufs Neue auf ihren Platz verwiesen.

Wie ist es denn grundsätzlich um die Gleichberechtigung in Deutschland bestellt?

Lindemann: Es wurde viel erreicht, aber es ist noch sehr viel Luft nach oben. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt als Männer. Sie sind in Führungspositionen immer noch unterrepräsentiert. Und im Bundestag ist die Zahl der weiblichen Abgeordneten 2017 auf 31 Prozent gesunken.

Woran liegt das?

Lindemann: Ein großes Problem ist die Kinderbetreuung. Auf der einen Seite fehlt es schlicht an ausreichenden Betreuungsplätzen, auch hier in der Region. Zum anderen sind Arbeitgeber gefragt, um flexiblere, gerechtere Arbeitsmodelle für Frauen und auch für Männer anzubieten.

Was ist Ihre Aufgabe als Gleichstellungsbeauftragte?

Lindemann: Ich bin dazu da, die Kreisverwaltung an die Einhaltung der Gleichberechtigung zu erinnern. Dazu werde ich auch in Personalangelegenheiten eingebunden. Ich setze mich für die Förderung und Motivation von Frauen ein, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Kreisverwaltung macht da ganz viel möglich. Dennoch gibt es auch hier in Führungspositionen kaum Mütter. Außerhalb der Verwaltung bin ich zusammen mit meinen Kolleginnen Ansprechpartnerin für den beruflichen Wiedereinstieg nach der Familienpause. Und wir engagieren uns im Runden Tisch gegen häusliche Gewalt.