Kirchenaustritte im Rhein-Sieg-Kreis

Anzahl hat sich fast verdoppelt

Zur Marienoktav ist der Gottesdienst in der Mömerzheimer Kapelle gut besucht. Allerdings haben im vergangenen Jahr im Amtsgerichtsbezirk Rheinbach 466 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt.

RHEIN-SIEG-KREIS. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Im vergangenen Jahr wandten sich im Amtsgerichtsbezirk Rheinbach, zu dem Meckenheim, Rheinbach und Swisttal zählen, 466 Menschen (294 Katholiken, 172 evangelische Christen) von der Kirche ab.

Im Vergleich zu 2012 hat sich die Zahl nahezu verdoppelt: 236 Menschen kehrten damals der Kirche den Rücken. 2013 waren es 377 Austritte (251 Katholiken und 126 Protestanten). Im Amtsgerichtsbezirk Bonn, wozu auch Bornheim und Alfter gehören, traten 2014 insgesamt 1556 Menschen (davon 942 Katholiken, 596 Protestanten) aus der Kirche aus, 2013 waren es 1032 (davon 682 Katholiken, 348 Protestanten). Für Alfter und Bornheim konnte das Amtsgericht keine separaten Zahlen nennen.

Die Gründe für die hohen Austrittszahlen sind vielfältig. "Die meisten Austritte erfolgen nicht von null auf hundert", erklärt Reinhold Malcherek, leitender Pfarrer des Katholischen Seelsorgebereichs Meckenheim. Auch der katholische Pfarrer Jörg Stockem aus Bornheim ist der Ansicht, dass eine "lange Entfremdungsgeschichte von der Kirche und der Gemeinde" vorangegangen sein muss, bis jemand aus der Kirche austritt. Mit negativen Nachrichten wie dem Skandal um den 31 Millionen Euro teuren Sitz des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst im Jahr 2013 oder den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche können solche Entfremdungsprozesse in Gang gesetzt werden. Malcherek: "Die Nachwirkungen solcher Ereignisse machen sich auch Jahre später noch bemerkbar."

Im vergangenen Jahr hat es zudem eine Neuerung gegeben, die viele Bürger verunsichert haben könnte. Banken und Versicherungen teilten per Brief mit, dass sie beim Bundeszentralamt für Steuern die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden erfragen. Hintergrund dafür ist, dass ab 2015 die Abführung von Kirchensteuern auf Kapitalerträge nicht mehr wie bisher von den Bankkunden über die Steuererklärung geregelt wird, sondern ab sofort automatisch von den Banken eingezogen wird. Um die Kirchensteuer der richtigen Kirche zuordnen zu können, müssen die Geldinstitute die Konfession ihrer Kunden kennen.

Malcherek: "Häufig warfen die Geldinstitute mit den Briefen auch die Frage bei ihren Kunden auf, ob diese die Kirchensteuer wirklich bezahlen möchten. Die Briefe dienten sozusagen als Erinnerung, dass es die Kirchensteuer überhaupt gibt." Möglicherweise erschien der Kirchenaustritt vielen als die unkomplizierteste Lösung.

Stockem meint, dass Menschen auch aus der Kirche austreten, um Geld zu sparen. "Viele wissen nicht, dass die Kirchensteuer bedürftigen Menschen erlassen werden kann", sagt er. "In solchen Fällen muss man sich bei der Gemeinde melden. Die gibt den Fall an das zuständige Finanzamt weiter, und der Sachverhalt wird geprüft." Ob eher junge oder alte Menschen austreten, kann Pfarrer Stockem nicht sagen. Er ist sich jedoch sicher, dass in Bornheim und den umliegenden Dörfern die Zahl der Austritte nicht gravierend angestiegen sei. "In den dörflichen Gemeinden sind die Menschen eher mit der Kirche verbunden", erklärt er. "Sie kennen den Pfarrer und den Kaplan. Wenn ein persönlicher Bezug besteht, fällt es ihnen schwerer auszutreten."

Auch die Evangelische Kirche hat einen Anstieg der Austrittszahlen zu verzeichnen. Jens Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, sieht die Änderungen in der Abführung der Kirchensteuer auch bei den Protestanten als einen der möglichen Austrittsgründe: "Wir haben konkrete Hinweise von Einzelpersonen erhalten, die darauf hindeuten." Zumal 2014 in Zusammenhang mit der Evangelischen Kirche kein negatives Ereignis festzumachen sei, dass einen Austritt begründen könnte. Um Verunsicherungen bezüglich der Änderung beim Einzug der Kirchensteuer entgegenzuwirken, hätten die Gemeinden die Bürger intensiv informiert.

Auch die Katholischen Gemeinden in Bornheim, Alfter, Swisttal, Meckenheim und Rheinbach wollen den vermehrten Kirchenaustritten entgegenwirken. Stockem: "Wir schreiben jedem Ausgetretenen einen Brief, in dem wir ihn zum Gespräch bitten." Er selbst habe auf diese Einladungen bislang allerdings noch keine Rückmeldung erhalten. Malcherek ist diesem Verfahren gegenüber skeptisch, bisher verschickt er in seiner Pfarrei keine Briefe an diejenigen, die sich entschlossen haben, aus der Kirche auszutreten. Oft gebe es eher negative Rückmeldungen der Betroffenen: "Häufig bekommen meine Kollegen so etwas wie 'Ach, jetzt, wo ich ausgetreten bin, meldet ihr euch' zu hören", so Malcherek.