Zeitzeugenbericht in Siegburg

Über das Schicksal eines KZ-Häftlings

Mit ihrem einfühlsamen Bericht schafft es Melissa Quint, das Leid ihres Großvaters spürbar zu machen.

Mit ihrem einfühlsamen Bericht schafft es Melissa Quint, das Leid ihres Großvaters spürbar zu machen.

Siegburg. Melissa Quint erzählt Schülern des Siegburger Anno-Gymnasiums die Geschichte ihres Großvaters Willi Kessler, der Auschwitz überlebte.

Melissa Quint, Abiturientin von 2017, ist Enkelin des 1925 in Berlin in einer jüdischen Familie geborenen Willi Moritz Kessler, der Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald als einziger seiner Familie überlebt hatte. Seine Eltern sowie zwei Brüder und eine Schwester wurden ermordet. Die junge Frau berichtete Schülern des Anno-Gymnasiums, ihrer ehemaligen Schule, vom Schicksal des Großvaters, der einmal gesagt hat: „Ich war ein Gefangener in dem Land, das meine Sprache spricht.“

Melissa Quint zeichnete den Weg Willis auf, der schon als Kind den Hass auf Juden erfahren hatte. Er floh mit der Familie nach Belgien, wurde aufgegriffen, verhaftet und mit 17 Jahren mit den Eltern und Geschwistern zusammen vom Güterbahnhof Berlin-Grunewald nach Auschwitz deportiert. Schon bei der Selektion sei der Vater mit einer Eisenstange totgeschlagen worden, habe Willi Kessler mit der Häftlings-Nummer 99998 nach den Worten seiner Enkelin erzählt, die ihn aber nicht mehr kennengelernt hat. Und über die Schikanen, denen die Gefangenen ausgesetzt gewesen seien.

Melissa zitierte Kessler, nachdem dieser erfahren hatte, dass Schwester und Mutter tot sind und er seinen Bruder Adolf mit eingeschlagenem Schädel unter weiteren Toten entdeckte, mit den Worten: „Und dann war alles weg, dann war der letzte Halt, den man hatte, der letzte Funke erloschen.“ Fast trotzig sagte er aber im Nachhinein auch: „Einer muss überleben. Daran habe ich alles gesetzt.“ Da wog er noch 32 Kilogramm.

Die Befreiung am 11. April 1945 in Buchenwald durch amerikanische Soldaten hat er mehr tot als lebendig miterlebt. Nach monatelangem Aufenthalt in einer Lungenheilanstalt im Oberbergischen war er wieder auf die Beine gekommen und lernte seine Frau kennen. Die beiden bekamen eine Tochter und einen Sohn. „Melissa weiß sich als einzige Enkelin in besonderer Weise dieser Familiengeschichte verbunden und verpflichtet“, erklärte Religionslehrerin und Schulpfarrerin Annette Hirzel, die mit der ehemaligen Schülerin sogar eine schriftliche Dokumentation über das Leben und Schicksal von Willi Kessler ins Auge gefasst hat. Mehrfach berichtete Melissa bereits bei Gedenkveranstaltungen in der Schule und in Kirchengemeinden. 2016 hat sie an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages in Berlin teilgenommen.

Melissa ging auch darauf ein, wie es ihrem Großvater nach Kriegsende und bis zu seinem Tod erging. Er habe immer das Gespräch „über den Ballast meiner Seele“ gesucht. Zum Abschluss ihres emotionalen Vortrags trug Melissa noch ein Gedicht ihres Großvaters vor, das die Hölle auf Erden auf den Punkt bringt. Er schrieb unter anderem: „Du hast uns gemartert, wie Schweine geschlachtet, du hast unser Menschsein blutig missachtet.“ Und weiter heißt es: „Meine Eltern und Geschwister hast du mir entrissen, darum möchte ich heute von dir wissen, meine Toten bleiben sonst für ewig stumm, Auschwitz warum?“ Willi Kessler wusste, dass er es nie erfahren würde und schloss mit dem Satz: „Das Grauen gibt keine Antwort.“