40 Jahre Stadt Sankt Augustin

Vom Thekenverkauf zum Trägerverein

Sankt Augustin. Der Verein zur Förderung der städtischen Jugendeinrichtungen ist rasant gewachsen. Gab es 2002 sieben Mitarbeiter, vier Häuser und fünf Projekte, finanziert er heute alleine fünf Übermittags-Betreuungsgruppen für Kinder.

Der Verein zur Förderung der städtischen Jugendeinrichtungen ist rasant gewachsen. Gab es 2002 sieben Mitarbeiter, vier Häuser und fünf Projekte, finanziert er heute alleine fünf Übermittags-Betreuungsgruppen für Kinder und übernimmt die personelle und finanzielle Steuerung aller aktuell 75 Mitarbeiter und Auszubildenden in allen städtischen Jugendeinrichtungen.

Andreas Kernenbach hat stets den Überblick über die städtischen offenen Jugendhäuser in Sankt Augustin. Auch in der provisorischen Geschäftsstelle An der Ziegelei, die der Verein zur Förderung der städtischen Jugendeinrichtungen während der Arbeiten am Jugendzentrum Matchboxx in Mülldorf nutzt. Dafür braucht es noch nicht einmal einen halben Quadratmeter Platz: Auf einem Tablett symbolisieren Steine die zwölf Häuser des Vereins. Aktueller Bezug inklusive. Denn der Stein mit der Aufschrift „MB“ für Matchboxx liegt derzeit auch in der Miniaturversion in einem Baustellengebiet – mit Spielzeugbagger und kleinen Bauarbeiterfiguren.

Ende August hat der Verein das Gebäude an der Bonner Straße vorübergehend geräumt, damit der marode Komplex um- und neugebaut werden kann. Dort entsteht bis 2020 für rund 7,2 Millionen Euro ein multifunktionales Zentrum für Kinder, Jugendliche, Familien und Kultur. Für Geschäftsführer Kernenbach ein „Meilenstein“ in der Entwicklung der Sankt Augustiner Jugendarbeit, die der Verein seit Jahrzehnten mitgestaltet.

2002 als Trägerverein eingetragen

Die Anfänge des Vereins reichen zurück ins Jahr 1994. Sie liegen im Jugendtreff Café Léger, den Kernenbach in Menden neu einrichtete. „Uns fehlte Geld für die Inneneinrichtung, genauer gesagt ein Fax“, erinnert sich der 57-Jährige. Doch von der Stadt war aufgrund der schwierigen Haushaltslage kein zusätzliches Geld zu erwarten. Also entstand die Idee, einen Thekenverkauf einzurichten. „Wir waren das erste Internetcafé in Sankt Augustin und das erste Café mit limitiertem Alkoholausschank“, erzählt Kernenbach.

Das Angebot kam an, und die Einnahmen finanzierten die benötigte Ausstattung. „Damit haben wir einen Raketenstart hingelegt“, sagt Kernenbach. Vier Jahre lief das so, bis die Verantwortlichen beschlossen, einen Förderverein zu gründen. Er wurde zunächst für das Café Léger, das Café Eden, das Jugendzentrum Matchboxx und die Streetwork entwickelt und 2002 auf Bitten der Stadt als Trägerverein in das Vereinsregister eingetragen. Die damaligen Ziele: die bestehenden offenen Jugendeinrichtungen zu erhalten, Projekte zu realisieren und bei Bedarf neue Häuser zu eröffnen.

Das ist längst erreicht und die Liste der Aktionen lang: Sie reicht von Neugründungen wie dem „Angelspoint“ in Hangelar, der „Spielinsel“ an der Ankerstraße, dem Stadtteil-Laden an der Johannesstraße oder dem Gebundenen Ganztag an der Realschule und Hauptschule in Niederpleis bis zu drei Mehrgenerationen-Spielplätzen und dem ersten informellen Treffpunkt „Betreten erlaubt“ in Menden. Wie rasant der Verein gewachsen ist, zeigt auch ein Blick auf die Statistik: Gab es 2002 sieben Mitarbeiter, vier Häuser und fünf Projekte bei einem Budget von rund 65 000 Euro, waren es laut Verein Ende 2016 insgesamt 188 Mitarbeiter, zwölf Häuser und 34 Projekte bei einem Haushaltsvolumen von etwa 770 000 Euro. Rund ein Drittel des benötigten Geldes kommt von der Stadt, den Rest finanziert der Verein über Sponsoren, Spenden und Eigeneinnahmen.

Verein leistet Beitrag zur Integration

„Wir haben viel erreicht“, sagt Kernenbach, der selbst als Jugendlicher in Mülldorf ins Jugendzentrum ging. „Wir haben aber auch noch viele Aufgaben vor uns.“ Immer im Mittelpunkt stehen dabei die Kinder und Jugendlichen – vor allem auch aus den „hochverdichteten Wohngebieten, weil die Menschen dort oft in prekären Verhältnissen leben“, so der Geschäftsführer. „Wir wollen sie soweit wie möglich in ihrem Lebensweg unterstützen und Ungleichheiten ausgleichen.“ Dazu bietet der Verein unter anderem Ferienangebote, Präventionsprojekte, Schulkooperationen und Elternarbeit.

Die Türen stehen jedem offen, ganz ohne Erwartungsdruck – und sie werden viel genutzt. Im Schnitt zählt der Verein 44 000 Besucher zwischen vier und 27 Jahren pro Jahr ohne den gebundenen Ganztag. „Dieses Jahr hatten wir bisher bereits 41 169 Besuchskontakte. Wir kommen also locker über die 45 000“, sagt Kernenbach. Doch die Einrichtungen haben auch weitere Konkurrenz bekommen. Der neue Huma-Einkaufspark lockt laut dem Geschäftsführer viele Kinder und Jugendliche mit seinem Lounge-Charakter. „Deshalb suchen wir auch den Einkaufspark auf und schauen, wer von unseren Klienten da ist.“

Dabei leistet der Verein einen wichtigen Beitrag zur Integration. „Als 2015 viele Flüchtlinge kamen, war die offene Kinder- und Jugendarbeit in der Lage, dieses Feld zu bedienen“, sagt Kernenbach. „Wir hatten zum Teil auch die Sprachbarriere nicht, weil bereits Migranten in unseren Einrichtungen waren, die übersetzen konnten. Das war ein Glücksfall für alle.“ Und die Integration bleibe eine große Zukunftsaufgabe. „Dazu gehört auch, Demokratieverständnis zu vermitteln und kulturelle Missverständnisse zu beheben“, sagt Kernenbach. Auch wenn es zum Teil schwierig sei: In Einzelfällen bräuchten die Mitarbeiter einen langen Atem. Doch manchmal reicht das nicht aus. „Wir haben schon Jugendliche nach Syrien verloren.“

Kernenbach hat aber auch viele positive Beispiele parat. „Viele Kinder, die unsere Einrichtungen besucht haben, kommen später wieder und bieten kostenlos ihre Hilfe an. Etwa bei der Hausaufgabenbetreuung.“ Insgesamt sieht der Geschäftsführer die Stadt Sankt Augustin in der Jugendarbeit mit der Vielfalt der Träger und Angebote aber als „Insel der Glückseligen“. „Wir haben hier ein riesiges Angebot für Jugendliche und sind im Vergleich zu vielen anderen Städten in Nordrhein-Westfalen außergewöhnlich gut ausgestattet“, ergänzt er. Dazu wird auch das neue Jugendzentrum beitragen. Kernenbach stellt sich dort ein familienfreundliches „Naherholungsgebiet“ vor, „als pochendes Herz eines offenen Angebots für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien“. Er hofft, dass die Bauarbeiten dazu 2020 abgeschlossen sind. Dann kann auch der Spielzeugbagger vom Tablett im Büro verschwinden.