Gasumstellung

Stillgelegte Thermen in Sankt Augustin lösen Ärger aus

Werner Hundstein (r.) kommt nach seiner Messung zu dem Ergebnis, dass eine Stilllegung der Therme von Manfred Radigewski (l.) - anders als der Monteur im Auftrag der Rhein-Sieg-Netz GmbH entschieden hatte - nicht erforderlich ist.

Werner Hundstein (r.) kommt nach seiner Messung zu dem Ergebnis, dass eine Stilllegung der Therme von Manfred Radigewski (l.) - anders als der Monteur im Auftrag der Rhein-Sieg-Netz GmbH entschieden hatte - nicht erforderlich ist.

Sankt Augustin. Ein von der Rhein-Sieg-Netz GmbH beauftragter Monteur hat Kunden in Sankt Augustin den Gashahn zugedreht - und das bei den aktuellen Minustemperaturen. Betroffene halten die Maßnahme für völlig überzogen.

Manfred Radigewski ist stocksauer. Bei ihm hatte sich ein Monteur im Auftrag der Rhein-Sieg-Netz GmbH angekündigt. Dessen Auftrag: Er sollte seine Gastherme auf Tauglichkeit überprüfen, damit er ab 2021 statt L-Gas mit H-Gas beliefert werden kann. Letzteres weise einen höheren Energiegehalt auf, erläutert Projektleiter Andreas Stillert von der „ESK GmbH“, die von der Rhein-Sieg-Netz GmbH beauftragt wurde, die Erhebung durchzuführen. Der Monteur Jens Völker wiederum kommt von eine Installationsfirma aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, die in einem Schreiben zuvor angekündigt wurde.

Der Heizungsinstallateur stellte bei der Datenerhebung fest, dass Radigewskis Therme bei mittlerer Auslastung einen zu hohen CO-Wert hat. 1.148 ppm (parts per million) Kohlenmonoxid wies sein Messgerät aus. Die Konsequenz daraus: Völker drehte den Gashahn zu und legte die Therme still, und das bei Temperaturen um null Grad. Auch Warmwasser gab es nach dieser Aktion im Hause Radigewski keines mehr.

Schornsteinfeger befand Gerät für gut

Für ihn ist diese Maßnahme völlig überzogen, zumal sein Gerät noch kurz vor Weihnachten durch einen Schornsteinfeger geprüft und für in Ordnung befunden worden sei, erzürnt sich der wütende Buisdorfer. Daneben gibt es auch noch andere Punkte an der gesamten Aktion, die den Buisdorfer gewaltig stören. Zum einen ist das die Weitergabe seiner Daten an die externen Firmen. „Wo bleibt da der Datenschutz“, fragt er sich. Ebenfalls ein „gehöriges Geschmäckle“ hat für ihn die Post von der Rhenag, von der die Rhein-Sieg-Netz GmbH eine hundertprozentige Tochter ist. „Die haben mir Unterstützung angeboten, wenn ich mir eine neue Therme kaufen möchte, und diese Post kam kurz vor der Datenerhebung zur Gasumstellung“, moniert Radigewski. Eine derartige Verkaufsstrategie hält er für mehr als fragwürdig.

Für den Pressesprecher der Rhenag und der Rhein-Sieg-Netz GmbH, Detlev Albert, sind die Vorwürfe nicht nachvollziehbar. Die Rhein-Sieg-Netz GmbH beauftrage Dienstleister, weil das Projekt anders nicht zu stemmen sei. Datenschutzrechtlich sei das alles geprüft und unbedenklich. Das Angebot der Heizungserneuerung sei flächendeckend aus dem Marketingbereich der Rhenag erfolgt, unabhängig von der Erhebung.

Weitere Familie von Abschaltung betroffen

Radigewski muss nach dieser Erhebung indes nicht als einziger in der Straße ohne Heizung auskommen. Nur drei Häuser weiter hat es auch Familie Schacht getroffen. Jerzy und Stephanie Schacht sowie ihre zwei Kinder müssen nach Meinung Völkers ebenfalls auf Heizung und Warmwasser verzichten. „Der Monteur hat unsere Anlage stillgelegt, wir wissen aber nicht, was wir reparieren müssen“, beklagt sich Jerzy Schacht. Die Kommunikation sei sehr schlecht gewesen, zumal auch bei ihnen der Schornsteinfeger, den sie gleich kontaktierten, gesagt habe, dass es nichts Dramatisches sei. Die Familie hätte sich da schon mehr Informationen gewünscht. „Wir werden uns einfach zusammenkuscheln, damit es warm wird“, versuchen sie ihre Situation mit Humor zu überstehen.

Für die Fachleute vor Ort gibt es keine Alternative zur Stilllegung, sagt Projektleiter Stillert. „Wir messen zunächst mit einer Punktsonde und dann mit einer Mehrlochsonde, und wenn dieser hohe Wert bei der zweiten Messung bestätigt wird, müssen wir handeln“, erläutert er. „Bei 1.148 ppm besteht Gefahr für Leib und Leben.“ Sobald es zu einem Defekt am Abgassystem komme, trete das geruchslose Kohlenmonoxid aus und könne so unbemerkt zum Tod führen. Bei den Nachbarn seien die Abgaswerte zwar in Ordnung, allerdings habe der Monteur einen Defekt am Abgasrohr festgestellt. Auch das sei ein sicherheitsrelevanter Defekt, der umgehend zur Stilllegung führen müsse. Eine Reparatur durch den prüfenden Monteur komme nicht in Frage, weil die Installateure vor Ort zuständig seien, so Stillert.

Zweite Überprüfung durch ehemaligen Kundendienst

Eine Argumentation, der Radigewski nicht folgen wollte. Er rief seinen langjährigen Kundendienst für Heizungsanlagen, Werner Hundstein, an, und der kam prompt. Auch er setzte sein Messgerät an, und auch er stellte bei Teilbelastung einen erhöhten CO-Wert fest. „Der CO-Gehalt ist erhöht, wenn er jedoch viel zu hoch wäre, würde mein Messgerät Alarm schlagen“, sagt er gegenüber dem General-Anzeiger. Er bewertet die CO-Erhöhung als nicht so tragisch, dass man das Gerät sofort abschalten müsse. „Das habe ich auch mit dem zuständigen Schornsteinfeger besprochen, der meiner Meinung war“, sagt Hundstein. Deshalb hat er bei Familie Radigewski den Gashahn wieder aufgedreht, so dass die Warmwasserversorgung und auch die Heizung wieder funktionieren. Gleich am Montag wird Hundstein an der Therme eine Wartung vornehmen, um der Ursache für die höheren CO-Werte auf den Grund zu gehen.

Bei den Nachbarn konnte er ebenfalls helfen. „Hier liegt ein Defekt an der Strömungssicherung vor“, deshalb sei das Abgasrohr an einer Stelle durchgerostet. Hundstein hat das Leck provisorisch abgedichtet und der Familie geraten, die Strömungssicherung zeitnah zu erneuern. Auch bei Familie Schacht blieb die Wohnung nicht lange kalt.