GA-Serie 40 Jahre Stadt Sankt Augustin

So entwickelte sich Sankt Augustins Zentrum

Sankt Augustin. Walter Quasten war von 1977 bis 1996 der erste und einzige Stadtdirektor von Sankt Augustin. Der 78-Jährige steuerte trickreich die Entwicklung im Sankt Augustiner Zentrum. Die Ortsteile sollten ihre Eigenständigkeit behalten. Bereits in den Jahren zuvor gehörte er als Beigeordneter zu den Strippenziehern.

Feld und Flur, wo heute Rathaus, Huma und Marktplatte die Ansicht dominieren. An seine Anfänge in Sankt Augustin kann Walter Quasten sich noch gut erinnern. „Als ich kam, war es noch ziemlich wüst und leer“, erzählt der heute 78-Jährige. Das war 1971, kurz nachdem die Gemeinde Sankt Augustin aus der kommunalen Neuordnung hervorgegangen war. Quasten, der 1977 erster und einziger Stadtdirektor in Sankt Augustin wurde, trat unter Gemeindedirektor Ulrich Syttkus das Amt des Beigeordneten an. Er stieg direkt ein in den Prozess der Stadtwerdung, der im September 1977 in der Verleihung der Bezeichnung Stadt mündete.

„Die Neuordnung war gerade verdaut, da haben wir erste Entwicklungspläne gemacht“, sagt er. Das Ziel: Sankt Augustin als Mittelstadt mit 60.000 bis 70.000 Einwohnern zu entwickeln. „Wir hatten ja ein Oberzentrum in Bonn und mit Siegburg ein blühendes Mittelzentrum.“ In diesem Spannungsfeld wollte sich Sankt Augustin etablieren, mit einem ganz eigenen Ansatz. Einem polyzentrischen, wie Quasten es nennt. „Wir wollten nie alles in die Mitte ziehen, die Ortsteile sollten ihre Eigenständigkeit behalten.“ Den Bürgern habe man eine gute Infrastruktur bieten wollen, so Quasten. „Wir wollten die Stadtrechte weniger um Stadt zu heißen.“

Denn damals war das mit den Stadtrechten noch eine aufwendigere Sache. Wird heute in Nordrhein-Westfalen jede Kommune mit mehr als 25.000 Einwohnern automatisch zur Stadt, musste vor 40 Jahren zunächst der Nachweis eines „städtischen Gepräges“ erbracht werden. „Dabei kam das Zentrum ins Spiel“, erinnert sich Quasten. „Wir mussten überlegen: Was brauchen wir, was ist für die Gesamtstadt sinnvoll.“ Dazu gehörten laut Quasten etwa ein Finanzamt, ein Rathaus, Banken, ein Hotel, ein Ärztehaus, ein Einkaufsbereich, ein Finanzamt, vor allem aber weiterführende Schulen, Kindergärten in allen Ortsteilen und ein Schwimmbad.

Erpicht auf eine Hochschule

Schon das Finanzamt war 1974 ein erster großer Kraftakt. „Wir hatten erfahren, dass es in Beuel gebaut werden soll“, sagt Quasten. „Das wollten wir nicht. Also haben wir ein Finanzamt auf eigenes Risiko gebaut und mussten dafür einen Mieter für das Gebäude in Beuel finden.“ Der Plan ging auf – und das Finanzamt wurde laut dem Ex-Stadtdirektor zum Referenzobjekt für die Gemeinde. Etwa für das Gebäude der Konrad-Adenauer-Stiftung, das die kommunale Entwicklungsgesellschaft baute und 1976 schlüsselfertig übergab. „Den Auftrag haben wir per Handschlag an Land ziehen können“, sagt der ehemalige Verwaltungschef. „Das konnte man damals noch machen.“ In den kommenden Jahrzehnten folgten weitere Projekte, die aufgrund der Finanzlage aber von Investoren gebaut wurden. Darunter das Rathaus und der Huma, die 1977 eingeweiht wurden, oder der Technopark 1989, in den die Gesellschaft für Mathematik (GMD) und Datenverarbeitung zwei Jahre später mit einem Forschungszentrum einzog. Quasten ist sich sicher: „Dieses Objekt hat eine entscheidende Rolle bei der Ansiedlung der Hochschule gespielt.“

Die Hochschule wurde dem Rhein-Sieg-Kreis in den 90er Jahren aus dem Ausgleichstopf des Bundes für den Bonn-Berlin-Umzug versprochen. „Alle Städte waren sehr erpicht darauf, sie zu bekommen.“ Für den damaligen Stadtdirektor war klar: „Wir brauchen einen schnellen Anfang.“ Und so stellte er ein Grundstück zur Verfügung und bot darüber hinaus sofort Räume im Technopark an. „Ein Freund von mir war Liegenschaftsdezernent bei der GMD. Dem habe ich gesagt: Du musst das halbe Forschungszentrum räumen. Dafür bekamen sie innerhalb weniger Tage eine Baugenehmigung für Pavillons in Birlinghoven“, erzählt Quasten. „Das war mit ausschlaggebend für den Zuschlag.“

Entwicklung positiv verlaufen

Und die Aktion auch bezeichnend für den damaligen Stadtdirektor, der den Rat gerne mal bewusst spät informierte und sich nicht scheute, Tricks anzuwenden. Aber immer innerhalb der Gemeindeordnung, wie er in einem GA-Interview 1996 erzählte. „Meine technischen Beigeordneten haben auch unter mir gelitten, weil ich dazu neigte, im Planungs- und Baubereich Entscheidungen zur Chefsache zu erklären und an mich gezogen habe“, sagt der 78-Jährige heute, der schon in der Schule wusste, dass er Stadtdirektor werden möchte. „Mein Vater war Bauamtsleiter in Grevenbroich und er traf häufiger den dortigen Stadtdirektor“, erzählt Quasten. Der sei damals „eine trübe Tasse“ gewesen, das wollte Quasten besser machen. Einige Ideen musste er aber auch verwerfen. Bei manchen sei das auch gut so, sagt der ehemalige Verwaltungschef rückblickend. Der Telekom, die sich damals für Bonn entschied, trauert er nicht hinterher. Wohl aber dem Thermalbad, das auf dem Gelände des Pleistalwerks hätte entstehen sollen. Die Idee sei an den Egoismen einzelner Ratsmitglieder gescheitert, so Quasten.

Und was hielten die Bürger von den Entwicklungen? „Die Altbürger waren zufrieden, nachdem wir entschieden hatten, wir ziehen nicht alles ins Zentrum“, erzählt der 78-Jährige. Die Neubürger suchten vor allem Grundstücke. „Wir haben dann das gesamte Pleiser Dreieck aufgekauft und haben dort Wohnungen entwickelt.“ Dort haben die Bürger ihrem einzigen Stadtdirektor auch ein kleines Denkmal gesetzt. Der Hügel im Niederpleiser Park trägt im Volksmund den Namen „Monte Quasten“.

Aus seiner Sicht ist die Entwicklung der Stadt positiv weitergelaufen. Für seine Zeit sagt Quasten: Es gebe nichts, was er anders gemacht hätte. „Die Arbeit als Stadtdirektor hat mir immer Spaß gemacht.“ 19 Jahre zog Quasten als Stadtdirektor die Strippen – bis zur nächsten Neuordnung. 1996 schaffte auch die Stadt Sankt Augustin die Doppelspitze aus Stadtdirektor und ehrenamtlichem Bürgermeister zugunsten eines hauptamtlichen Bürgermeisters ab. „Bürgermeister wollte ich aber nicht werden“, sagt Quasten. Außerdem hatte er ein Angebot als Vorstandsbeauftragter für die Kommunen zur Telekom zu wechseln. Erste hauptamtliche Bürgermeisterin wurde dann Anke Riefers. Bis Ende 2015 blieb Quasten bei der Telekom, seither ist der ehemalige Stadtdirektor „im absoluten Unruhestand“. Interessiert an der Entwicklung der Stadt ist er immer noch. „Ich mische mich aber nicht mehr ein“, sagt Quasten. „Das ist mein Grundprinzip.“