Sicherheit in Niederpleis

Schüler unter Generalverdacht in Niederpleis

Im Supermarkt in Niederpleis müssen die Schüler ihre Rücksäcke abgeben.

Im Supermarkt in Niederpleis müssen die Schüler ihre Rücksäcke abgeben.

Sankt Augustin. Niederpleiser Schüler ärgern sich darüber, dass sie im Rewe-Markt ihre Rucksäcke vor dem Einkauf abgeben müssen. Es hatte mehrere Diebstähle gegeben.

Einkaufskorb, Handtasche, Jutetüte oder Rucksack: Wer im Supermarkt einkaufen geht, bringt oft eine Transportmöglichkeit mit, die meist unkompliziert mit ins Geschäft genommen werden darf. Die verbotene Mitnahme von Rucksäcken und Schulranzen sorgt allerdings im Rewe-Markt in Niederpleis derzeit für Unmut bei Schülern des benachbarten Schulzentrums. Seit kurzem werden die jungen Kunden aufgefordert, ihre Rucksäcke an der Kasse am Eingang zu deponieren. „Dies begründet das Personal auf Nachfrage damit, dass der Markt in letzter Zeit häufiger Erfahrungen mit Ladendiebstahl durch Schüler gemacht habe“, berichtete eine Oberstufenschülerin des Albert-Einstein-Gymnasiums dem GA. Viele Schüler suchen den Nahversorger nach dem Unterricht auf, um eines der besonderen Schülerangebote zu nutzen oder Speisen an der heißen Theke zu kaufen.

Nicht jeder Mitarbeiter setze die neue Regelung mit freundlichen Worten um. Zudem sei die Aufbewahrung beim Kassenpersonal nicht sicher: „Wie soll sich die Kassiererin um die Kasse kümmern und gleichzeitig aufpassen, dass niemand unsere Rucksäcke mitnimmt?“, so die Schülerin. „Wir haben in der Oberstufe nicht nur teure Fachbücher, sondern meist auch unsere Taschenrechner für rund 120 Euro das Stück dabei. Wer haftet, wenn die Rucksäcke geklaut werden?“ Die Schülerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, bemängelt zudem die fehlende Logik, nach der nicht jeder Schüler angesprochen werde: „Viele meiner Mitschüler sind 18 Jahre alt oder älter, werden aber wie Kleinkinder behandelt. Holen wir uns aber einen Einkaufswagen, werden wir in Ruhe gelassen, weil wir offensichtlich nicht mehr wie Schüler aussehen.“

Rewe-Kaufmann Dirk Pfleger ist das Thema auf Nachfrage unangenehm. Er betont: „Die Schüler werden nicht gezwungen, sondern gebeten, ihre Taschen am Eingang abzugeben.“ Für Schließfächer sei kein Platz, die Kasse eins sei aber ständig besetzt und passe auf die Taschen auf. Er bestätigt kurz und knapp: „Es ist leider zu mehreren Vorfällen gekommen. Wir müssen daher handeln.“ Damit steht Pfleger nicht allein da: Das wissenschaftliche Handelsinstitut EHI retail hat in seiner aktuellen Studie 2018 die sogenannten Inventurdifferenzen, wie Diebstähle durch Kunden, Mitarbeiter oder Dritte bezeichnet werden, für das Jahr 2017 analysiert.

Dazu wurden 101 große Unternehmen mit 20 396 Verkaufsstellen in Deutschland und einem Gesamtumsatz von 82,4 Milliarden Euro analysiert. Das Ergebnis: Allein Kunden verursachten im Jahr 2017 einen Schaden von rund 2,28 Milliarden Euro. Zugleich geben deutsche Unternehmen laut Statistik rund 1,35 Milliarden Euro für Präventiv- und Sicherungsmaßnahmen aus.

Auch im Bereich der Kreispolizeibehörde Siegburg ist die Zahl der Ladendiebstähle hoch und zuletzt leicht gestiegen, wie Polizeisprecher Stephan Birk aus der Kriminalitätsstatistik zitiert: „Im Jahr 2017 wurden 1056 Vorfälle zur Anzeige gebracht, im Jahr 2018 waren es 1100 Delikte.“ Eine Statistik über die Altersangaben der an Ladendiebstählen beteiligten Personen führt die Polizei nicht. In der gesamten Kriminalitätsstatistik seien „die Belastungszahlen im Bereich der Kinder um 22 Prozent zurückgegangen, im Bereich der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren um 15 Prozent gestiegen und bei den Heranwachsenden zwischen 18 und 20 Jahren um 10,5 Prozent gefallen“, so der Polizeisprecher: „In der gesamten Statistik liegt der Anteil der Tatverdächtigen unter 21 Jahren bei 22,7 Prozent. Im Mittel ist die Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen eher rückläufig.“

Unternehmer Dirk Pfleger will an der Rucksack-Regelung vorerst festhalten. Für die Oberstufenschülerin ist die Situation unbefriedigend: „Es bleibt dabei, wir stehen alle unter Generalverdacht.“ Weil es keine Schließfächer oder, wie bei einem Elektronikfachmarkt in Hennef, kein Security-Personal gebe, um die Taschen sicher aufzubewahren, will die Schülerin dem Markt nun fernbleiben: „Wir haben das natürlich unseren Freunden erzählt, die es ihren Eltern berichtet haben. Niemand ist begeistert.“

An einen flächendeckenden Boykott durch Schüler glaubt sie aber nicht: „Dafür ist das Einkaufen dort einfach zu bequem, und den Jüngeren, die das Risiko nicht verstehen, ist es auch egal.“